Mein Kirchentag
Gedenken zu Beginn

Regenbogen über Stuttgart

Mit dem "Gedenken zu Beginn" setzt der Deutsche Evangelische Kirchentag am Mittwoch ein Zeichen gegen die Ausgrenzung Homosexueller. Darüber hinaus erwartet die Besucher ein buntes Programm zum Thema LSBTTIQ und Kirche.

Von Christian Engel und Florian Zimmer-Amrhein

Vielfalt statt Einfalt: Vor dem Hintergrund der aktuellen Bildungsplan-Debatte in Baden-Württemberg setzt der Deutsche Evangelische Kirchentag in Stuttgart ein deutliches Zeichen für Toleranz und Solidarität mit gleichgeschlechtlich liebenden Menschen. Die den Kirchentag traditionell einleitende Gedenkfeier "Gedenken zu Beginn" widmet sich in diesem Jahr der Verfolgung und Ausgrenzung Homosexueller.

Nach einem Grußwort von Kirchentagspräsident Andreas Barner spricht Joachim Stein vom schwul-lesbischen Zentrum Weißenburg über die Bedeutung von Erinnerungsarbeit und beleuchtet, warum Homosexuelle bisweilen systematisch aus dem kollektiven Gedächtnis ausgeschlossen werden. Höhepunkt der Veranstaltung ist ein Schauspiel, das die Schicksale von acht homosexuellen Männern und Frauen nacherzählt, die im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit Opfer staatlicher Gewalt wurden.

Das Leid nicht vergessen

"In allen Gedenkstätten in Baden-Württemberg wird die Verfolgung Homosexueller bisher nicht konkret dargestellt", sagt Ralf Bogen, einer der Mitorganisatoren des "Gedenken zu Beginn". Bogen ist Vorstandsmitglied der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber. Seit Jahren recherchiert er zur Geschichte der Diskriminierung gleichgeschlechtlich liebender Menschen während der NS-Zeit – und insbesondere auch zur brutalen Verfolgungspraxis der Stuttgarter Kriminalpolizei in den 1950er- und 1960er-Jahren.

Dass die Gedenkfeier am Mittwoch nur einen Steinwurf entfernt vom Hotel Silber, dem ehemaligen Sitz der Gestapo und später der Kriminalpolizei, stattfindet, ist also kein Zufall. Die polizeilichen Repressionen von damals seien nie richtig aufgearbeitet worden und das dadurch erfahrene Leid heute weitgehend in Vergessenheit geraten, sagt Bogen. Es gehe ihm und den Veranstaltern darum, "ein deutliches, nachdenkliches und nachwirkendes Zeichen für die Akzeptanz menschlicher Vielfalt in Kirche und Gesellschaft im 20. Jahrhundert zu setzen."

Buntes Programm im Gemeindezentrum Wangen

Darüber hinaus hat das "Zentrum Regenbogen", ein Netzwerk christlicher LSBTTIQ-Gruppen (Lesben, Schwule, Bi, Trans, Intersexuelle, Queer), ein buntes Veranstaltungsprogramm organisiert.Von Donnerstag bis Samstag wird es im Evangelischen Gemeindezentrum Wangen nahe des Wangener Marktplatzes zahlreiche Gottesdienste, Bibelarbeiten, Filmabende und Workshops zu Themen wie Gesundheit, Coming Out oder transsexuelle Identität geben. Das Zentrum Regenbogen hat sich insbesondere um eine internationale politische Perspektive bemüht und Redner unter anderem aus Hong Kong, Estland und Rumänien eingeladen.

Am sogenannten "Ort der Stille und des Gedenkens" in der Wangener Michaelskirche können die Besucher den Opfern von homophober Gewalt aus aller Welt gedenken. Eine Kreuzwegprozession führt Interessierte auf einem zehnminütigen Fußweg hinauf zur Michaelskirche. Der besinnliche Spaziergang startet ab Donnerstag täglich um 13 Uhr am Gemeindezentrum.

Am Samstag soll im Rahmen einer Großveranstaltung in der Schwabenlandhalle Fellbach eine Resolution verabschiedet werden, die die innerkirchliche Gleichstellung aller LSBTTIQ-Menschen fordert. Andreas Stoch, Kultusminister von Baden-Württemberg, wird einer der Hauptredner sein. Das Zentrum Regenbogen erwartet mehr als tausend Teilnehmer, die dann über den Aufruf abstimmen können. "Die Resolution soll eine Aufforderung an die Landeskirchen sein, sich verstärkt um die Antidiskriminierung und Gleichstellung von LGBTs zu kümmern", sagt Jessica Diedrich, Bundessprecherin der ökumenischen Arbeitsgemeinschaft "Lesben und Kirche" (LuK). Sie hofft, dass der Kirchentag positive Impulse in die gesamte Region Württemberg sendet und LSBTTIQ-Menschen hier zukünftig freier leben können.

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