„lebendig und kräftig und schärfer“

Köln 2007

31. Deutscher Evangelischer Kirchentag

6. bis 10. Juni 2007

lebendig und kräftig und schärfer

Hebräer 4,12

Themenschwerpunkte und Bibelarbeiten

Die Themenbereiche des Kölner Kirchentages waren protestantisch sparsam gehalten und hießen "Mensch", "Welt" und "Gesellschaft". Als Bibelarbeiten dienten die Texte Matthäus 4,1-11, "Wovon lebt der Mensch?" (Donnerstag), Jeremia 23,16-32 "Weder Traum noch Geschwätz" (Freitag) und Apostelgeschichte 17,16-34, "Auf dem Marktplatz der Angebote" (Samstag).

Veranstaltung aus dem Publikum gesehen
Kleines Mädchen mit umgebundenen Schal an der Hand seiner Mutter
Violinenspieler
Schlussgottesdienst am Rheinufer

Bilanz

»Lebendig und kräftig und schärfer« (Hebräer 4,12) lautete die Losung des 31. Deutschen Evangelischen Kirchentages vom 6. bis 10. Juni 2007 in Köln. Die Rede ist vom Wort Gottes, das schärfer ist als jedes zweischneidige Schwert. Wie ein zweischneidiges Schwert steht der Kirchentag dafür, dass Glaube und Weltverantwortung untrennbar zueinander gehören. Für das Kölner Christentreffen war dies von besonderer Aktualität, weil zeitgleich der G8-Gipfel der führenden Industrienationen und Russlands im Ostseebad Heiligendamm tagte. So war der Kirchentag 2007 ein Forum der Auseinandersetzung, das unter dem Motto »Die Macht der Würde« Fragen der Globalisierung und einer gerechten Gestaltung unserer Gesellschaft auf lokaler, nationaler und globaler Ebene breit diskutierte. Ein politischer Kirchentag mit einem politischen Präsidenten Reinhard Höppner, der angesichts von Krieg und Terrorismus in seinerAbschlussrede auf die Radikalität der Botschaft Jesu von der Feindesliebe aufmerksam machte und für seine Aussage, das schließe auch ein Verhandeln mit den Taliban in Afghanistan ein, sogleich öffentliche Kritik einstecken musste. Gleichzeitig war der Kirchentag, an dem 103.726 Dauergäste teilnahmen, ein großes Fest des Glaubens mit Gottesdiensten, Bibelarbeiten und Tagzeitengebeten. Das Bedürfnis nach Spiritualität war bei den Protestanten in Köln deutlich wahrzunehmen, liturgische Feiern waren überfüllt und Angebote zur Erneuerung der Glaubensquellen sind lebhaft genutzt worden.

Nach 1965 fand der Kirchentag zum zweiten Mal in Köln statt. Mit offenen Armen wurden wir von katholischer Seite empfangen und das Thema Ökumene rückte wie von selbst in den Mittelpunkt. So haben Kardinal Joachim Meisner und Präses Nikolaus Schneider nicht nur eine gemeinsame Bibelarbeit gehalten, sondern auch einen eindrucksvollen ökumenischen Gottesdienst im Kölner Dom gefeiert, der auf so großes Interesse stieß, dass das Gotteshaus überfüllt war. Die Frage eines gemeinsamen Abendmahls haben die katholische Professorin Dorothea Sattler und ihr evangelischer Kollege Michael Welker intensiv wissenschaftlich erörtert (...).

Ein Schwerpunkt dieses Kirchentages, zu dem auch 4661 ausländische Gäste – so viele wie nie zuvor – aus 81 Ländern nach Köln kamen, war der interreligiöse Dialog. Dabei stand vor allem das christlich-muslimische Gespräch unter zwei besonderen Vorzeichen. Zum einen, weil die Stadt eine große muslimische Gemeinde hat und die bedeutenden muslimischen Organisationen hier ansässig sind. Zum anderen, weil die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ein Dreivierteljahr vorher eine Handreichung »Klarheit und gute Nachbarschaft« veröffentlicht hatte, die zu Spannungen zwischen EKD und muslimischen Organisationen geführt hatte. Seit über 25 Jahren hat der Dialog mit Muslimen Tradition beim Kirchentag und ermöglichte auch diesmal konstruktive Begegnungen: beispielsweise bei einem Zusammentreffen von christlichen und muslimischen Konvertiten, bei einer Frauenfete, bei Freitagsgebeten und vielen Diskussionsrunden.

Seit dem Erscheinen der »Bibel in gerechter Sprache« im Herbst 2006 im Gütersloher Verlagshaus reißt die Diskussion nicht ab über das Übersetzungsprojekt. Die Bibelausgabe erntete erstaunlich viel Kritik in den Feuilletons, ja sogar Häme. (...) Seit Langem ist es für das evangelische Laientreffen üblich, neben der Übersetzung der Lutherbibel auch eine eigene Übersetzung anzubieten. Sie nimmt die Erkenntnisse des jüdisch-christlichen Dialogs sowie der feministischen und sozialgeschichtlichen Exegese auf – wird aber auch in Zukunft nicht aus der »Bibel in gerechter Sprache« stammen, deren Autorinnen und Autoren das Übersetzen ebenfalls als Prozess verstehen.

Aus dem Vorwort zum Dokumentarband von Silke Lechner und Christoph Urban

Die erleuchtete Hohenzollernbrücke bei Nacht

Statistiken

103.726 Teilnehmende. 300.000 beim Abend der Begegnung. 33.968 Mitwirkende. 4.799 Helferinnen und Helfer. 55.000 Papphocker. 152.624 Frühstücke in Schulen. 429 Veranstaltungsorte. 2.980 Veranstal tungen. 92 Einsatzorte für 320 Bläsereinsätze.

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Lebendig Kräftig Schärfer
Vielen jungen Menschen war die Losung des Evangelischen Kirchentages in Köln 2007 egal: „Lebendig und kräftig und schärfer“. Sie wollen nur wissen, wo und wann die Wise Guys auftreten. Die haben ja ein Lied dazu geschrieben. In dem Lied geht es sehr viel um das Lebendige: „So gut gelaunt und engagiert wie nie: Zusammen erleben, was das Leben ist – lebendig und kräftig und schärfer“. In einem mir besonders wichtigen Bibeltext geht es um kräftige Frauen. Im 2. Buch Mose 1, 15-22 geht es um zwei Hebammen, die vom Pharao den Befehl bekommen, alle hebräischen männlichen Neugeborenen zu töten. Weil sie an Gott glauben, führen sie den Befehl aber nicht aus. Es ist ihnen klar, dass kein Herrscher der Welt über Leben und Tod entscheiden darf. Dies ist Sache Gottes. Eins dieser Worte, die nur ein einziges Mal in der Bibel stehen. Umso mehr gebraucht in der Welt der Werbung und der Medien. Und besetzt durch Alltag und Umgangssprache. Die Kirchentagslosung 2007 aus dem Hebräerbrief (4,12) charakterisiert so das Wort Gottes: es ist lebendig und kräftig und schärfer. Hier wird weder Kulinarisches noch Sexuelles assoziiert, sondern mit einer geschliffenen Klinge verglichen. Schärfer, also schneidender, sauberer, genauer, profilierter, auch funktionstüchtiger als ein Schwert sei das Wort Gottes. An ihm scheiden sich die Geister. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Das sorgt für klare Verhältnisse, sagt die Bibel.
Die Wise Guys – die „klugen Jungs“ – muntern auf, im Alltag stärker Farbe zu bekennen: „Lasst uns dem Alltag, der so nichtig ist, entgegensetzen, was uns wichtig ist“. Ein bisschen Mut zum Widerstand gegen den Trott, ein bisschen Pop, um sich von den anderen abzuheben: „Zu oft verführt, sich nur der Mehrheit anzupassen“. Kann man aus einem Bibeltext so lockeren Pop machen? Ja, man kann. Wenn man nicht aus dem Auge verliert, was das geheimnisvolle Zentrum der drei Eigenschaftswörter ist. Indem sie den Befehl verweigern, setzen sie ihr eigenes Leben aufs Spiel. Aber als der Pharao sie zur Rede stellt, haben sie eine so schlaue Ausrede, dass der nicht anders kann, als sie laufen zu lassen. Die hebräischen Frauen seien so kräftig, sagen sie, dass die Kinder immer schon geboren seien, wenn sie herbeigeeilt wären. So hätten sie nichts mehr tun können. Aber was ist, wer spricht oder hört dieses schärfere Wort? Und was bedeutet es? Geht es um die Bibel, eine Gotteserfahrung, den Glauben, welchen Glauben? Der Hebräerbrief sagt, dieses Wort Gottes habe die Welt geschaffen (11,3) und werde von Propheten weitergesagt (13,7). Jesus ist und hat zugleich dieses kräftige, hörbare, feste Wort Gottes (1,3; 2,1f).
„Das Wort Gottes kommt in dem Lied nicht vor“, sagt Dani, Bandmitglied und Autor des Textes. Macht nichts, Hauptsache, die Aussage stimmt. Um die herauszubekommen, müssen wir doch ein bisschen tiefer einsteigen: „Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als ein zweischneidiges Schwert.“ Das Schwert ist in der Bibel eine Waffe Gottes, nicht der Menschen. Wer es in die Hand nimmt, sollte wissen, was er tut. Denn es dringt tief in das menschliche Herz ein. Es richtet Menschen nicht im Sinne einer Hinrichtung, sondern im Sinne einer Richtungsangabe. Der Glaube an Gott ist hier der Auslöser, dass diese beiden Frauen den Mut zu dieser faszinierenden Aktion zivilen Ungehorsams haben. Der Glaube gibt ihnen Kraft zu dieser Tat. Und mit dieser Kraft werden sie kräftig, kraftvoll. Kraftvoll genug, um ihre Angst vor dem Pharao zu überwinden. Entscheidend ist: Gott äußert sich. Gott tut sich kund. In verschiedenen menschlichen Worten, in Buchstaben und Klängen, in Formen und Bedeutungen drückt Gottes Wort sich aus. Oft gerät es auf diesem Weg in Undeutlichkeiten, trifft auf schwache Artikulation, müht sich durch Schreib- und Lesefehler. Missverständnisse sind nicht ausgeschlossen, wenn das Wort Gottes durch den Mund, das Ohr, das Auge von Menschen seinen Weg sucht.
Die Richtung für ein ganzes Leben ist im Wort Gottes verborgen. Glauben dringt in das Herz und von dort in das Leben, breitet sich aus, ist der Funken, der überspringt. Im Alltag sind die Menschen, denen das Wort Gottes die Lebensrichtung angibt, meistens gut gelaunt und oft sehr engagiert. Manchmal sind sie daran zu erkennen, dass sie sich von der Masse abheben. Moment mal – das ist doch der Liedtext. Ja, genau und deshalb stimmt die Aussage bei den Wise Guys, auch wenn das Wort vom Wort Gottes nicht drin vorkommt. Das Verständnis, dass man durch die Erfahrung der Liebe Gottes kräftig wird und nicht andersherum, dass man sich die Liebe Gottes durch kraftvolle Taten verdienen muss, scheint mir typisch evangelisch. Anknüpfend an die Losung des Kirchentages ist daher eine mir wichtige Botschaft: Das Wort Gottes „ist“ nicht nur kräftig, es „macht“ auch kräftig. Umso dringender, dass wir ihm entgegenkommen, den Austausch suchen, den Streit, die Verständigung über das, was Gott sagt. Und uns bewusst halten: dieses Wort selbst, nicht unsere menschlichen Ausdrucksform dafür, ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes Schwert. Wer darauf vertraut, wird ein Leben lang in die Sprachschule des Glaubens gehen.
Ellen Ueberschär Silke Lechner Jan Janssen

Alle drei Texte entstanden ursprünglich für "e wie evangelisch"

Das Losungs-Lied der Wise Guys

Liebet Eure Feinde

Aus der Abschlussrede von Präsident Reinhard Höppner

Wo die Macht der Würde sich entfalten kann, da strahlt uns aus jedem Menschengesicht das Antlitz Gottes entgegen. Und darum lautet eine Mahnung an alle, die immer noch auf die Macht des Stärkeren setzen: Haltet ein! Vermeidet Demütigungen! Erniedrigung provoziert Terrorismus. Demütigung führt zu Gewalt.

Das gilt im Umgang mit anderen Kulturen und Religionen. Der Dialog über diese Grenzen hinweg ist für den Kirchentag wichtig und wird weitergehen. Ein Dialog auf Augenhöhe, in den wir selbstbewusst unser christliches Profil einbringen. Und das gilt auch im Umgang miteinander. Nur wo auch mein Feind einen menschwürdigen Platz hat, kann Frieden werden.

Mein Feind? Auch die Taliban, auch die Terroristen? Jesus sagt: Liebet eure Feinde. An Schärfe lässt sich das Wort Gottes nicht überbieten. Ja, auch sie gehören an den Verhandlungstisch. Das kann lange dauern, wie wir im Nahen Osten sehen. Aber es ist der Weg des Friedens.

Menschenmenge in der Kölner Innenstadt
Performanceprojekt auf der Straße
Kinderbetreuung mit orangen Luftballons
Eine Helferin mit orangem Tuch

Hauptvorträge

Themenbereich I: Mensch

Donnerstag: "Religiöse Heimat" von Prof. Dr. Monika Wohlrab-Sahr, Kultursoziologin

Freitag: "Kulturelle Heimat" von Dr. Erhard Eppler, Bundesminister a.D.

Samstag: "Politische Heimat" von Dr. h.c. Daniel Cohn-Bendit MdEP und Dr. Norbert Lammert MdB, Bundestagspräsident

Themenbereich II: Gesellschaft

Donnerstag: "Das Miteinander der Religionen" von Dr. Samuel Kobia, Generalsekretär Ökumenischer Rat der Kirchen

Freitag: "Das Miteinander der Generationen" von Dr. Elisabeth von Thadden, Redakteurin Die Zeit

Samstag: "Das Miteinander der Kulturen" von Dr. Navid Kermani, Schriftsteller und Journalist, und Prof. Dr.Dr. h.c. Richard Schröder, Philosoph und Theologe

Themenbereich III: Welt

Donnerstag: "Weltpolitik ermöglichen" von Dr. Christoph Bertram, Publizist und Politikwissenschaftler

Freitag: "Weltreligionen achten" von Pater Dr. Sebastian Painadath SJ, Direktor Centre for Indian Spirituality

Samstag: "Weltwirtschaft gestalten" von Bischof Dr. H. Mvume Dandala aus Nairobi/Kenia, Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und Prof. Dr. Muhammad Yunus, Friedensnobelpreisträger 2006 aus Dhaka/Bangladesch

Helfer mit Schildern

Pressestimmen

"Dieser Kirchentag hatte jedem, der sich auch nur ansatzweise für Kirche interessiert, allerlei zu bieten. Allerlei Lebendiges, Kräftiges und Scharfes, aber ganz gewiss keinen Einheitsbrei. Das hätte auch zu einem Kirchentag nicht gepasst."
- Urs Zietan, WDR

"Die Landeskirchen können viel lernen von der Entschiedenheit der evangelikalen Christen, von ihrer selbstverständlichen Verbindung von Glauben und Leben. Schwierig wird diese Annäherung aber, wenn die Fraglosigkeit und die Zweifellosigkeit der 'Ich hab's gefunden#-Christen das evangelische Selbstverständnis bestimmen.

Der Kirchentag ist das Gegenmodell dazu, er zeigt im besten Sinne protestantisches Profil. Er vereint die Fröhlichkeit der Mädchen im bauchfreien Shirt, die, altersuntypisch, einem Posaunenchor lauschen, mit dem Ringen um eine gerechtere Wirtschaftsordnung.

Er pflegt den institutionalisierten Zweifel, ohne den der Glaube immer fundamentalismusgefährdet ist. Seine Stärke ist die Irritation, die Verunsicherung festgefahrener Ansichten - deshalb kommen hier und nicht in Heiligendamm die Protagonisten der Globalisierung und ihre Kritiker zusammen, streiten Christen und Muslime über den Wert der Religionsfreiheit. Es gibt keinen anderen Ort in Deutschland, in dem das in gleicher Weise möglich ist."
- Matthias Dobrinski, Süddeutsche Zeitung

"Neben all den gutgemeinten Appellen und dringlichen Wortmeldungen etwa des eigens aus Rostock herbeigeschalteten Herbert Grönemeyer waren es wie beim Anti-Globalisierungs-Festival an der Ostsee neben der Ausnahmegestalt eines Bischof Tutu vor allem Künstler und ihre Musik, die die Jungen im Publikum bewegten."
- Thomas Holl, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Menschenmenge auf den Domterassen
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