Hannover 1949

Christlicher Studententag
1. bis 5. August 1949

"Kirche in Bewegung"

Mit Ruten auf den Rücken - Erinnerungen von Ernst Henze

Vom 28. Juli bis 1. August 1949 fand in Hannover die Deutsche Evangelische Woche statt. Danach wurde der Deutsche Evangelische Kirchentag gegründet. Sein erster Präsident war Reinold von Thadden-Trieglaff.

Der Deutschen Evangelischen Woche folgte vom 1. bis 5. August der Christliche Studententag. Er fand auch in Hannover statt. Die damalige Situation hatte etwas Unvergleichliches, was zu der heutigen Stellung der Kirche in der Gesellschaft kaum Parallelen aufweist. Deutschland war noch eine – freilich nur scheinbare – Einheit, verwahrt von vier Besatzungsmächten. Es zeichneten sich aber schon künftige Entwicklungen ab und damit auch die Trennung zwischen den drei Besatzungszonen der Westmächte und der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Durch die Währungsreform 1948 war in den westlichen Besatzungszonen eine wirtschaftliche Einheit in Ansätzen vorgegeben. Dort wurde 1949 die Bundesrepublik Deutschland gegründet, in der SBZ die Deutsche Demokratische Republik.

Zentrale Glaubensfragen im Mittelpunkt

Dies alles muss man sich vor Augen halten beim Rückblick auf die Deutsche Evangelische Woche und den Christlichen Studententag. Dennoch: Nicht gesellschaftliche Fragen, sondern zentrale Glaubensfragen bestimmten diese Tage. Denn Studenten kamen nicht nur von den Schulen, sondern hatten Krieg und Gefangenschaft erlebt.

Jeder Tag begann mit einer Bibelauslegung. „Die Botschaft der Bibel“ war der erste Programmpunkt. Es war ein ausgesprochener Glücksfall, dass Landesbischof Dr. Dr. Hanns Lilje die Bibelauslegung für die ganze Woche selbst übernommen hatte. Ein Jahr zuvor war sein Büchlein „Im finstern Tal“ im Lätare-Verlag schon in zweiter Auflage erschienen. Es ist ein Bericht von seiner Haft. Viele von uns hatten es gelesen. Ich erinnere mich nicht, dass der Landesbischof während der Bibelarbeiten auch nur ein einziges Mal von seiner Haft gesprochen hätte. Jede Form von Renommiersucht fehlte. Aber den Auslegungen merkte man an, dass hier einer sprach, der im finstern Tal seine Erfahrungen mit der Heiligen Schrift gemacht hatte.

Auffällig war im Vergleich zu späteren Kirchentagen, dass Fragen von Politik und Gesellschaft eher eine untergeordnete Rolle spielten. Nur einmal stand in diesen Tagen die Politik auf der Tagesordnung. Willem A. Visser’t Hooft aus Genf und der Leiter der Evangelischen Akademie Hermannsburg (später Loccum), Pastor Lic. Döhring, hatten sich dieses Themas angenommen. Sonst beherrschten die innerkirchlichen Fragen die Tage, die Referenten waren zum größten Teil Vertreter von Theologie und Kirche: Professor D. Dr. Rendtorff von der Universität Kiel, Rektor D. Merz aus Neuendettelsau, Professor D. Dr. Schlink von der Universität Heidelberg und Professor Dr. Ludwig Raiser aus Göttingen. Den Anfangsgottesdienst hielt Studentenpfarrer Horst Bannach, den Schlussgottesdienst Pastor Dr. Martin Fischer.

Ermutigung und Zuversicht


Wahrscheinlich lag in dieser innerkirchlichen Selbstbesinnung die Stärke dieser Zusammenkunft. Das Apostelwort, dass wir alle des Ruhms ermangeln, den wir bei Gott haben sollen, war uns zu den zurückliegenden Jahren mit Ruten auf den Rücken gezählt worden. Für forsche Selbstsicherheit fehlte jede Legitimation. Was uns nötig war, waren Ermutigung und Zuversicht. Und die erfuhren wir!

Am 5. August gingen die Tage mit einem Abendmahlsgottesdienst zu Ende. Jeder Gruppe, die zum Altar trat, sprach Landesbischof Lilje ein Segenswort zu. Unseres war das Wort Josua 1,9: „Siehe, ich hatte dir geboten, dass du getrost und freudig seist.“

Wir kehrten in eine Welt zurück, die sich schnell änderte. Neun Tage später, am 14. August 1949, fanden die ersten freien Wahlen in Westdeutschland statt. Sie waren Voraussetzung für die Gründung der Bundesrepublik Deutschland am 7. September 1949. Es folgte einen Monat später, am 7. Oktober 1949, die Gründung der DDR. Es sollte vierzig Jahre dauern, bis die Christen in Deutschland wieder ungehindert zusammenkommen konnten.

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