Regionales Kulturprogramm als pdf

Hamburg 2013

34. Deutscher Evangelischer Kirchentag.
1. bis 5. Mai 2013

„Etwas neues Drittes“ - Religion und Kunst im Dialog

Im Januar hat der Regionale Kulturbeirat seine Vorbereitungen für das Kulturprogramm abgeschlossen. Wir dürfen uns auf ein facettenreiches Kunstfestival freuen, das weit über Hamburg hinaus seine Kreise zieht. Die Vorsitzende,  Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck Kirsten Fehrs, stimmt uns im Interview schon einmal darauf ein:

Frau Bischöfin Fehrs, Kirche und Kunst, wie gehört das zusammen?

Auf den Punkt gebracht, ließe sich sagen: Kunst und Religion sind wie Schwestern: Beide stellen gewohnte Perspektiven gern auf den Kopf. Darin haben sie eine große inspirierende Kraft. Und mehr noch: So wie religiöse Äußerung eine Ausdrucksform braucht, die auch künstlerisch gestaltet wird, haben umgekehrt Kunstwerke vielfach auch eine transzendente Dimension. Kunst und Religion stehen sich also eigentlich sehr nahe. Nun haben wir streng genommen im Christentum ein Bilderverbot. Dies wirkte aber paradoxerweise nicht hemmend, sondern fördernd und befruchtend auf die bildende Kunst. Denn Künstler bildeten nicht in erster Linie Gott ab, sondern das, was der Glaube an ihn in den Menschen bewirkt hat. Die heilige Gertrud, Petrus mit dem Schlüssel, die Allegorik der Evangelisten: es ist über die Jahrhunderte eine christliche Symbolsprache gewachsen, die weit über das Wort hinausgeht – und eben nicht nur auf der kognitiven Ebene „verstanden“ wird. Diese Verbindung gibt es immer noch. Jedenfalls erlebe ich persönlich Kunst oft als religiös inspirierte Gestaltungskraft, mithilfe derer Leben und Welt bewältigt werden. In unserem Begriff vom Lebenskünstler, der Lebenskünstlerin schwingt diese Sehnsucht nach dem ganz anderen, das einen trägt, mit. Dabei ist meine Erfahrung, dass die Begegnung von Kunst und Glaube oft über den konkreten Raum gelingt. Allein durch einen Kirchraum bekommt Kunst einen Kontext, der sie neu in den Dialog bringt mit den Menschen, die existentielle Fragen auf dem Herzen haben.

Als Vorsitzende des Regionalen Kulturbeirates haben Sie die Zusammenarbeit, durch die viele künstlerische Initiativen ins Leben gerufen wurden, maßgeblich gestaltet. Wie haben sie diesen Dialog erlebt?

Als enorm bereichernd, absolut! Ich war beeindruckt von der großen Offenheit der Beteiligten und davon, wie in einem lebendigen Austausch Ideen entwickelt werden, durch die etwas wirklich „neues Drittes“ entsteht. Ein sehr gutes Beispiel hierfür ist eben das Programm „Artists in the Parish“, bei dem 10 ausgewählte Künstlerinnen und Künstler für einige Wochen in eine norddeutsche Kirchengemeinde gehen, und dort leben und arbeiten. Das Prinzip: Bildende Kunst bleibt immer sie selbst, unabhängig und frei im forschenden Ausdruck. Auch der Kirchraum, die Gemeinde ist, was sie ist. Beide aber lassen sich bewegen und inspirieren, denn der Kontext des Zusammentreffens ist ein neuer. Genau hier beginnt der Raum der Kreativität noch einmal neu.

Ist die Kultur ein Überbegriff für beides: sowohl für Kunst als auch für Religion?

Alle drei Begriffe haben viele thematische Überschneidungen. Und das findet sich leicht durch die Erfahrung bestätigt: Denn ich erlebe gerade Kulturschaffende, ob Theatermenschen, bildende Künstler oder Musiker, als sehr offen gegenüber religiösen Themen. Die Kulturschaffenden, die ich kenne und wahrnehme, haben ein ganz feines Gespür dafür, dass unsere Gesellschaft mehr braucht als wortgewaltige, doch letztlich emotional flache Wertedebatten. Es bedarf einer Auseinandersetzung mit existentiellen Fragen wie Tod, Liebe, Aufrichtigkeit und Würde. Die Religion ist dabei immer anwesend – manchmal unerkannt. Eben diese Auseinandersetzung wird durch die Kulturschaffenden aufgenommen.

Sind die Kunstwerke, Konzerte, Tanzaufführungen, Filme und Online-Art-Projekte Antworten auf die Frage„… und Hamburg, was glaubst Du?“?

Allein so ein Thema wie die Zehn Gebote in einer Art aufzunehmen, dass ganz unterschiedliche Theaterstücke plötzlich unter einer anderen Überschrift stehen, stellt diese existentielle Frage nach dem Glauben in ungewohnter Umgebung. Die ganz unterschiedlichen Beiträge sind unbedingt Antworten, aber eben welche, die man nicht in drei Sätze – vielleicht nicht einmal in Worte - fassen kann, sondern Antworten, die dazu anregen, sich diese Frage ganz persönlich, sehr offen und auch kreativ zu beantworten. Dann wird daraus auf einmal die Frage: „Hamburg, was glaube ich?“

Frau Bischöfin Fehrs, haben Sie ein Lieblingskunstwerk?

Ich freue mich auf alle Kunstaktionen des Kirchentages. Dass ich selbst bei einer Ausstellungseröffnung schon im April in der Kunsthalle aktiv mitwirken darf, freut mich besonderes. Die Beschäftigung hierzu mit den Engeln von Paul Klee hat mich auf viele neue Gedanken gebracht. Aber bei diesem Reichtum an Ausstellungen, Medienkunstprojekten, Filmreihen, Konzerten und Oratorien, Installationen im öffentlichen Raum und Lesungen, da kann und will ich mich gar nicht festlegen. Fragen Sie mich doch nach dem Kirchentag nochmal!

Interview: Georg H. Büsch  

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