Hamburg 2013

34. Deutscher Evangelischer Kirchentag.
1. bis 5. Mai 2013

Vom Ende der Unschuld

Oper in fünf Bildern
nach Motiven aus dem Leben und Denken des deutschen Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer, 1906 – 1945

Musik von Stephan Peiffer
Libretto von Theresita Colloredo und David Gravenhorst

Was ist in Deutschland durch unser Volk geschehen und wie gehen wir damit um?

kirchentag: Wie kam es zu der Idee, eine Oper für den Kirchentag in Auftrag zu geben?

Prof. Dr. Robbers: Der erste Impuls war zu fragen: Was kann dem Kirchentag neue Möglichkeiten eröffnen? Ich habe sehr schnell daran gedacht, eine Oper vorzuschlagen. Einerseits, um die musikalische Vielfalt des Kirchentages in eine neue, andere Richtung zu erweitern. Besonders aber auch, um Dietrich Bonhoeffer zu würdigen.

kirchentag: Warum Dietrich Bonhoeffer?

Prof. Dr. Robbers: Was würde Bonhoeffer dazu sagen, dass eine Oper zu ihm geschaffen wird? Das hat mich wirklich umgetrieben. Doch dann habe ich mir gesagt: Es geht bei der Fragestellung, die hinter der Bonhoeffer-Oper steht, vor allem darum: Was ist eigentlich in Deutschland, durch unser Volk, geschehen? Wie gehen wir damit um? Wie treten wir vor die Opfer? Wenn wir so etwas nicht in eine Oper bringen können, wenn wir darüber nicht singen, nicht musizieren können, weil es so schrecklich ist, was da geschehen ist, dann ließen wir den Nazis in gewisser Weise noch immer die Oberhand. Und dann hätten sie uns bis heute Bereiche vorenthalten, die ganz wesentlich zum Leben gehören. Insofern ist es Wagnis und Zumutung zugleich, über das, was da geschehen ist, eine Oper zu inszenieren. Damit überschreiten wir auch eine Schwelle - eine Schwelle, die die Nazis aufgerichtet haben. Also: ein Stück Wiedergewinnung von Richtigkeit. Es gibt Dinge, die kann man nicht sagen, die kann man nur singen. Das gibt es auch in dem, was mit Bonhoeffer geschehen ist, was Bonhoeffer selbst ist und was Bonhoeffer uns gegeben hat.

kirchentag: Wofür steht Bonhoeffer in dieser Oper?

Prof. Dr. Robbers: Er ist einer der Wenigen, die gegenüber dem Nationalsozialismus aus protestantischer Überzeugung heraus Widerstand geleistet haben. Er steht dafür, dass jemand in einer ganz schweren und falschen Zeit Richtiges tut. Er ist ein Mensch, an dem man sich ein Beispiel nehmen kann.

kirchentag: Im Libretto der Oper geht es um die Werte, für die Bonhoeffer steht, nicht um seine Person. Sie tritt nicht auf. Warum wurde die Oper als Parabel geschrieben?

Prof. Dr. Robbers: Der Evangelische Kirchentag hat den Künstlern nur die Bitte mitgegeben, zu diesem Thema eine Oper zu schaffen. Sich in die künstlerische Freiheit einzumischen, wäre verkehrt. Das könnte leicht dazu führen, dass solch ein Projekt scheitert. Dass die Librettisten eine Parabel gewählt haben, zeigt für mich die künstlerisch kluge und weiterführende Vorstellung, dass es nicht nur um einen spezifischen Lebenslauf geht, sondern um sehr viel mehr. Es geht um ein Beispiel, das Bonhoeffer gegeben hat, darum, was Bonhoeffer für Deutschland insgesamt ausmacht, für die Kirche, für den Glauben. Deshalb ist die Parabel ein sehr gutes Medium.

kirchentag: Was bedeutet dieses Projekt für den Deutschen Evangelischen Kirchentag?

Prof. Dr. Robbers: Die Oper ist ein durchaus weltliches Musikgenre, und es ist eher selten, dass Glaubensinhalte in Opern ausgedrückt werden. Diese Oper verbindet eine weltliche Kunstform mit Themen christlicher Ethik – und ist damit ein Stück Integration.

kirchentag: Für das Gelingen einer Oper sind viele Faktoren wichtig, unter anderem ein sehr hohes künstlerisches Niveau. Wie wird das gewährleistet?

Prof. Dr. Robbers: Tatsächlich wird hier versucht, höchste künstlerische Qualität mit dem Evangelischen Kirchentag zu verbinden. Das gelingt in anderen Bereichen des Kirchentages auch. Das erreicht man auf zweierlei Wegen: einmal, indem wirklich brillante Künstler gewonnen werden, die von diesen Dingen tatsächlich etwas verstehen - wie etwa Kirsten Harms für die Inszenierung. Und: man muss, wenn man vorzügliche Leute hat, ihnen die Freiheit geben, das zu tun, was sie können und was sie für richtig halten – und nicht zu viel hineinreden.

kirchentag: Wie wird denn die Oper in das Kirchentags-Geschehen eingebettet?

Prof. Dr. Robbers: Mit der Oper sollen möglichst viele Menschen erreicht werden. Darüber hinaus sind Begleitveranstaltungen vor und auf dem Kirchentag in Hamburg geplant: über Bonhoeffer, sein Leben, seine Bedeutung auch für die Zukunft. Wir arbeiten mit der Hamburger Hochschule für Musik und Theater eng zusammen. Wir werden auch Zeitzeugen hören, die Bonhoeffer noch gekannt haben – also ein breites Einbetten in den Kirchentag insgesamt. Die Oper zu Dietrich Bonhoeffer bindet ja im Grunde viele zentrale Themen des Kirchentages zusammen – Respekt vor dem anderen und vor anderen Kulturen, ethisch richtiges Handeln, Demokratie, bis hin zu Fragen der Inklusion, bis hin zu Fragen von Einsamkeit und ihrer Überwindung.

 

Das Interview führte Heike Rechkemmer

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