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Hamburg 2013

34. Deutscher Evangelischer Kirchentag.
1. bis 5. Mai 2013

Hamburg - Stadt der Täter?

Traditionell findet zum Kirchentagsauftakt das Gedenken zu Beginn statt. Die Hamburger Polizei und der Eimsbütteler Turnverband führten das Ausmaß der  Mitschuld von Verein und Feuerwehr an den NS-Verbrechen vor Augen. Ihr Bekenntnis zeigt, wie aktiv die Bevölkerung damals die Ausgrenzung von Juden, Sinti und Roma mitgetragen hat. Was heute unvorstellbar klingt, ist für Angehörige der Sinti-Gemeinde nach wie vor Alltag: Aus Angst, nicht akzeptiert zu werden, verbergen sie ihre Identität.  

HafenCity. Strahlend blauer Himmel und Gelächter. Das Café Royal Salonorchester untermalt die Feiertagsstimmung vor der Bühne am Lohseplatz mit Swing. Die Ausgelassenheit zu Beginn des Gedenkens weicht jedoch rasch Betroffenheit und Stille – unter dem Titel „Die Nazizeit als negatives Eigentum“ gedenkt Hamburg am Ort des Verbrechens seiner ganz persönlichen Tätergeschichte.

Zwischen 1940 und 1945 wurden am ehemaligen Hannoverschen Bahnhof 6.428 Juden sowie 1.264 Sinti und Roma in Vernichtungslager deportiert. Erst 2004 hat eine Studie der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg den Senat von der Notwendigkeit einer Gedenkstätte am einstigen Deportationsbahnhof überzeugt. Denkmäler, Ausstellungen, Stolpersteine – heute werde der deutschen Schuld in vielfacher Weise gedacht, resümiert der Historiker Hannes Heer, der die Eröffnungsveranstaltung moderiert. „Nur in der Frage der Täter sind wir nicht weitergekommen“.

Wunsch und Wille, das NS-Erbe anzunehmen 

Die Hamburger Polizei sowie der Eimsbütteler Turnverein haben sich diesem Versäumnis gestellt. Die Nachforschungen der Polizei haben ergeben, dass die in die Wehrmacht integrierte Polizeibataillon 01 bei sogenannten Säuberungsaktionen im Osten insgesamt rund 85.000 Menschen ermordeten. Die verantwortlichen Täter kamen mit geringen Haftstrafen davon, räumte Polizeipräsident Wolfgang Kopitzsch ein. Mit jährlichen Gedenkfahrten nach Ausschwitz, Belzec oder Ausschwitz-Birkenau, oder die Aufnahme der Befunde in den Schulplan will die Polizeibehörde sich ihrer Mitschuld an den NS-Verbrechen stellen, Verantwortung für ihre Täterschaft übernehmen und gesellschaftliche Aufklärung betreiben.

Die Gesellschaft legitimierte den Staatsterror mit der Überhöhung des Deutschtums. Beim Eimsbütteler Turnvereins (EVT) wurde diese unverhohlen praktiziert, erklärt Frank Fechner, Vorsitzender des EVT. 1910 brachte der Verein die sogenannten Turnerhakenkreuze an seiner Halle an, 1932 wurde der Wehrsport in das Programm aufgenommen. Selbst in den 60er Jahren vertrat der langjährige Vorsitzende Robert Finn noch offen völkisches Gedankengut.

„Ich bin Deutscher, kein Ausländer“

Als Angehöriger der Sinti war Rigoletto Weiß im Dritten Reich bereits als Kind Opfer gesellschaftlicher Diskriminierung. „In der Schule fing es an. Mit uns Zigeunern wollte keiner etwas zu tun haben“, berichtet Weiß. Mit elf Jahren wurde er deportiert, überlebte das Vernichtungslager Belzec. Nach dem Krieg kehrte er nach Hamburg zurück.  

Auch sein Sohn Robert und sein Enkel Lino, beide Dachdecker, können von Diskriminierung und fehlender gesellschaftlicher Anerkennung berichten. „Das Bild eines Sinto ist in den Köpfen der Menschen“, sagt Robert Weiß. Und ergänzt: „Ich bin hier geboren. Ich bin Deutscher, kein Ausländer.“ Während Vater Robert für die Anerkennung kämpft, verschweigt Sohn Lino bisweilen seine Herkunft. „Seitdem ich klein bin“, so der 26-Jährige, „lernen wir, dass wir ein schlechter Umgang für andere Kinder sind“. 

Kaum Gedenken an Roma und Sinti

Das Gespräch mit den drei Generationen der Familie Weiß zeigt, wie jung die gesellschaftliche Ausgrenzung von Sinti und Roma in Deutschland ist. Einen ersten erinnerungspolitischen Schritt hat der Hamburger Senat gemacht: Die Ausstellung „In den Tod geschickt. Die Deportationen von Juden, Roma und Sinti aus Hamburg 1940 bis 1945 “, die noch bis zum 16. Mai am Lohseplatz geöffnet ist, soll ein Baustein des künftigen NS-Gedenkortes am ehemaligen Hannoverschen Bahnhof sein.

von Ralf Pauli

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