Gauck kritisiert deutsche „Angst-Sucht“

Zu einem realistischen, vom Glauben getragenen Umgang mit Sorgen und Angst hat der Theologe und Bürgerrechtler Joachim Gauck aufgerufen. „Manchmal sind wir in Deutschland geradezu angstsüchtig“, betonte Gauck bei seiner Bibelarbeit in der völlig überfüllten Messehalle 3. Als Beispiele nannte er den Umgang mit Schweinegrippe, EHEC und die Tatsache, dass in Berlin kurz nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima Geigerzähler völlig ausverkauft waren. „Verantwortung ist etwas anders als dieses Jagen nach Angst und Sorge“, erklärte der Theologe. „Manche glauben, es gäbe eine geheime Magie, das Böse zu bannen, indem man sich möglichst intensiv fürchtet. Das aber ist nicht die Botschaft der Bibel.“

Gauck warnte vor einem wörtlichen Verständnis des Textes aus der Bergpredigt, in dem Jesus vor dem Sorgenmachen und dem Sammeln irdischer Schätze und Sicherheiten warnt. „Wenn wir diese Worte wörtlich verstehen, dann müssen wir gleich alle unsere Lebensversicherung zerreißen“, betonte der ehemalige Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten. Völlig auf Besitz und Vorsorge zu verzichten, das sei nur den wenigsten Menschen in den Klöstern gegeben. „Und es gibt keine Automatik, dass man automatisch Schätze im Himmel sammelt, wenn man arm ist. Armut und Entbehrung schaffen nicht wirklich den edlen Menschen, dass haben wir in der DDR gelernt.“

Nicht das Sorgen an sich sei falsch. Es komme vielmehr darauf an, sich nicht „von der Sorge regieren und besitzen zu lasse – denn dann verlieren wir uns.“ Ein beherzter Glaube an Gott vertreibe nicht die Sorgen, nehme ihnen aber ihre beherrschende, tödliche Macht.

Diese Seite teilen