Bibeldiskussion in 140 Zeichen

Gestern gab es sogar Kurznachrichten von den Dresdner Straßen. „Einige Kirchentagsbesucher haben im Stau gestanden und konnten nicht rechtzeitig hier sein, da haben sie unsere Bibelarbeit einfach aus dem Bus oder dem Auto über ihr Handy verfolgt“, sagt Alexander Schnapper. Er und seine Kollegen sind eigentlich Programmierer der Internetseite „evangelisch.de“. Heute sind sie wieder für die technische Umsetzung der Bibelarbeit zuständig, die viele Neugierige in die Dresdner Liebigstraße nahe der Technischen Universität lockt.

Schon lange vor der Veranstaltung sitzen die Teilnehmer dicht gedrängt in dem hellen Raum im Gebäude der Evangelischen Hochschulgemeinde (ESG). Vorne ist eine große Leinwand aufgebaut, auf die ein Beamer bereits einige Twitter-Nachrichten wirft: „Guten Morgen nach Dresden. Sehr langer Bibeltext heute“, ist da zu lesen. Die Online-Bibelarbeit feiert auf dem diesjährigen Kirchentag Premiere – und ist schon jetzt sehr beliebt. Auf dem Kirchentag in Bremen kam dem ESG-Team die Idee, so etwas einmal anzubieten. Die meisten der rund 80 Teilnehmer sind zwischen 15 und 30 Jahre alt, viele haben ein internetfähiges Handy mitgebracht. Doch die Veranstaltung richtet sich auch an Kirchentagsbesucher, die von Twitter noch nie etwas gehört haben und sich mit dem Internet nicht so gut auskennen. Um sie mit einzubinden, haben sich die Veranstalter etwas einfallen lassen: bei der Bibelarbeit können die Besucher ihre Botschaften auch anstatt in ihr Handy auf Zettel schreiben. Die Texte werden vom Team um Alexander Schnapper eingetippt.

Spannend – nicht nur für die Jugend

Zwei ältere Damen gehen auf die Türsteherin zu, die gegen 9.15 Uhr Neuankömmlinge bereits abweisen muss. „Wir haben gestern den Schmetterlingsgottesdienst hier besucht und dabei von der Veranstaltung gehört. Wir würden so gern noch reinkommen!“ sagt die eine Dame fast flehentlich. Die Organisatoren drücken ein Auge zu und finden noch ein Plätzchen für die beiden. Man scheint es zu schätzen, wenn auch Vertreter jenseits der Generation Web 2.0 Interesse bekunden. Schließlich wird es doch zu voll im Raum, weitere Gäste müssen draußen bleiben. „Aber wenn ihr ein internetfähiges Handy habt, könnt ihr ja auch von draußen teilnehmen!“ erklärt die junge Frau an der Tür den Leuten aufmunternd.

So etwas haben Martin und Dorothee Maile aus Esslingen nicht dabei, doch sie gesellen sich zu Jörn Möller. Der hat es sich vor dem Gebäude in der Sonne gemütlich gemacht und zückt nun sein Smartphone. „Ah, jetzt wird grade der Bibeltext vorgetragen!“ berichtet er, nachdem er bei Twitter die Seite der Bibelarbeit aufgerufen hat. Über die nächste Stunde versorgt er die Esslinger mit den Informationen, die die Teilnehmer von drinnen twittern.

Zu Beginn liest ESG-Pfarrer Tilmann Popp den Bibeltext für alle Gäste einmal vor. Heute geht es um einen Abschnitt aus dem 5. Buch Mose. Im Anschluss sind alle eingeladen, sich in Kleingruppen, den sogenannten „Murmelgruppen“, über den Text auszutauschen. Dann twittern sie, welche Textpassage sie besonders angesprochen hat.

Drinnen und draußen wird „gezwitschert“

„Wir kennen Twitter eigentlich nur aus dem amerikanischen Wahlkampf und waren neugierig, wie man so etwas bei einer Bibelarbeit einsetzt“, sagt der 56-jährige Martin Maile. Gespannt wartet er auf die nächsten Nachrichten von drinnen, die Jörn Möller ihm vorliest. Inmitten der Jugendgruppe seiner Gemeinde sitzt drinnen Daniel Meyer Do Santos. Er versucht, neben der Bibelarbeit auch seine kleine Tochter Paula (zweieinhalb und noch nicht sehr medieninteressiert) im Blick zu behalten. Der junge Pastor hat diese Bibelarbeit ausgewählt, weil er sie passend findet für die jungen Leute, mit denen er hier ist.

„Mir war es wichtig, Impulse zu geben“, zieht ESG-Pfarrer Tilmann Popp später sein Fazit. „Wie bei einer Glocke, die man anstößt und so zum Schwingen bringt.“ Die Bibelarbeit sei eine von vielen auf dem Kirchentag, sagt er, „und sie war ruck zuck überfüllt“. Popp beschreibt die Veranstaltung als ein Pilotprojekt. „Das Internet ist ein Medium für junge Leute“, sagt er, „und das sollten wir nutzen.“

Die Beiträge der Teilnehmer sind auf 140 Zeichen beschränkt. Popp sieht hierin Chance und Schwierigkeit zugleich: „Dinge müssen auf den Punkt gebracht werden, gleichzeitig ist es schwierig, in die Tiefe zu gehen.“

Von Elisabeth Heinen und Katharina Deuling

 

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