Zukunft der Kirche: Staatstragend oder bedeutungslos?

Die Kirchen brauchen nach Ansicht des Vizepräses der EKD-Synode Günther Beckstein keine Angst vor der Zukunft zu haben. Als Orte der Gemeinschaft blieben sie weiterhin gefragt, denn „Facebook und Twitter reichen den Menschen dafür auf Dauer nicht aus“.

„Wenn uns das gelingt, dann bin ich nicht bereit zu sagen: Die Kirchen sind auf dem Rückzug“, sagte der ehemalige bayerische CSU-Ministerpräsident auf einem Podium zur Zukunft der Kirchen. Im Gegenteil seien die Kirchen heute trotz Mitgliederverlusten stärker als noch vor 30 Jahren. Parteien, Gewerkschaften und Verbände hätten dagegen an Bedeutung verloren. Beckstein verwies auch auf kirchliche Einflüsse in der polnischen Solidarnosc-Bewegung und auf die Wende in der DDR. Zentrale Frage bleibe, wie es den Kirchen gelinge, ihre Mitglieder und Menschen überhaupt zu erreichen. Der langjährige bayerische Innenminister räumte ein, „dass wir uns oft zu sehr mit technischen Fragen und Planstellen beschäftigen“.

Kirchen keine staatstragende Gebilde

Der Schweizer Zukunftsforscher Andreas Walker bestätigte zwar, dass „Christen auch künftig für sich immer wieder Formen der Organisation finden werden“. Kirchen als „staatsartige Gebilde“ würden künftig aber nur geschwächt oder gar nicht existieren. Aus Studien zum Wertewandel in der Schweiz entwickelte Walker Szenarios, die sowohl bei sinkendem wie bei steigendem Wohlstand und in einer stark individualisierten ebenso wie in einer verfassten Gesellschaft stets eine Marginalisierung der Rolle der Kirche nahe legten.
Unterschiede erkannte Walker lediglich in der Frage, ob Kirchen ihren Bedeutungsverlust durch wachsenden Wettbewerb mit Freikirchen und anderen Religionen oder durch einen Rückzug der Religion ins Private erlitten. Den Kirchen zumindest in der Schweiz warf er vor, an der Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Zukunft  nicht genug Interesse zu zeigen.

Zukunft der Kirchen hat begonnen

Die Übertragbarkeit der Schweizer Studien auf Deutschland wollte der Berliner Religionssoziologe Hubert Knoblauch nicht hat ausschließen. Sie belegen für ihn aber lediglich die seit 200 Jahren beobachtete Säkularisierung. Damit sei es jedoch vorbei: „Die Zukunft der Kirchen hat schon begonnen.“ Religion sei künftig öffentlich. Auch hätte in kaum einem Land die Kirchen eine derart tragende Rolle wie in Deutschland. Auf außerhalb ihrer Institutionen entstehende Glaubensformen müssten sie aber eingehen und sie integrieren. Da in der Wissensgesellschaft auch religiöses Wissen jedem jederzeit zur Verfügung stehe, erschienen Priester als Vermittler entbehrlich. Darauf bräuchten Kirchen neue Antworten.

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