Steffensky: Gewalttätige Jugendliche gehören zu Gottes Lieblingskindern

Der evangelische Theologe Fulbert Steffensky hat in seiner Bibelarbeit auf dem Evangelischen Kirchentag in Dresden die Kirche ermahnt, an der vorrangigen Option für die Armen festzuhalten. „Gott hat Lieblingskinder und Menschen seines ersten Augenmerks, es sind die Armen“, so der emeritierte Religionspädagogik-Professor in seiner Auslegung der Seligpreisungen aus der Bergpredigt Jesu. Als Beispiele für heutige „geistlich Arme“ nannte er unter anderem Arbeitslose, die „die Hoffnungslosigkeit in den Suff getrieben“ habe und „die verlorenen und gewalttätigen Jugendlichen, die aus Angst vor der eigenen Armut die noch Ärmeren und die Fremden hassen“. Ihnen gehöre trotz ihrer Schuld die besondere Zuwendung Gottes. So verkünde es Jesus in der Bergpredigt. Diese Botschaft sei „eine glückliche Last der Kirche und der Christen“.

Das Evangelium erlaube keine Neutralität, betonte Steffensky vor etwa 3.000 Zuhörern. Es frage die Christen und die Kirche: „Auf welcher Seite stehst du? Für wen stehst du auf? Für wen redest du? Mit welchem Interesse schweigst du? Was verschweigst du?“ Der Theologe charakterisierte in seiner Bibelarbeit die derzeitige Gesellschaft als narzistisch, da in ihr „die Gier nach dem eigenen Glück zum großen Götzen geworden“ sei. „Die höchste Form der Verblödung ist, sich selbst Ziel und Endpunkt zu sein; nichts anderes wahrzunehmen als sich selbst und für nichts anderes einzustehen als für sich selbst.“ Das sei nicht nur amoralisch, sondern auch eine Form der Erschöpfung in sich selbst, eine Form des Unglücks.

Auch die Kirche könne sich selbst zum Götzen werden, wenn sie nicht mehr sucht als sich selbst und ihre Erhaltung, sagte Fulbert Steffensky. „Es ist das Merkmal einer erwachsenen Kirche, wenn sie sich von der narzistischen Selbstbesorgung gelöst hat und aufmerksam ist für die Leidenden dieser Welt, auf den Frieden, auf die ökologische Bedrohung dieser Erde und der Lebensmöglichkeit unserer Kinder und Enkel. Wir sind als Kirche dem Geheimnis Gottes nahe, wo wir uns dem Geheimnis der Armen nähern.“
Der Theologe kritisierte die vorherrschende Ansicht, dass man mit affektfreier Neutralität ein klareres Urteil habe und empfahl der Kirche den Zorn als ein „Charisma des Herzens“. „Es gibt eine unerlässliche Voreingenommenheit, die die Augen öffnet. Wenn ich nicht voreingenommen bin von dem Wunsch nach Gerechtigkeit, dann nehme ich das Leiden der Gequälten nicht einmal war. Vorgenommenheit ist die Bildung des Herzens, die uns das Recht der Armen vermissen lässt.“ Der gerechte Zorn verurteile die Tat, aber bejahe den Täter und wolle ihn zur Veränderung locken.

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