Die Stadt schläft, der Himmel steht offen

Es ist Himmelfahrtstag, kurz vor sechs Uhr. Dresden schläft noch. Fast. Um die Frauenkirche herum windet sich eine endlose Schlange von Kirchentagsbesuchern – mehrere hundert sind es am Ende. Die ersten harren hier seit fünf Uhr aus. Nur 45 können aufsteigen.

Das gemeinsame Ziel: Die Kuppel der Frauenkirche, auf der die allererste Veranstaltung des Tages ihren Ort hat: Eine Andacht zum Himmelfahrtsfest, an dem Christen der Rückkehr des auferstandenen Jesus Christus zu Gott in den Himmel gedenken. Wo sollte das besser möglich sein als hoch über den Dächern von Dresden, dem Himmel ein Stück näher.

Endlos erscheint der Weg hinauf, die Erdenschwere hängt zu dieser Zeit besonders tief in den Kleidern. Noch ein Schritt – dann öffnet sich die Tür zur Kuppel: Federleichte Saxophonklänge, dazu eine Sonne, die sich langsam durch die Wolken stiehlt – und das grandiose Panorama des barocken Dresden, „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“, erklingt es aus erstaunlich aufgeweckten Kehlen. Stimmt. War da was mit Erdenschwere?

„Einmal am Tag, mindestens, sollte man in den Himmel schauen“, empfiehlt Frauenkirchspfarrer Holger Treutmann, der die Andacht vorbereitet hat. „Er ist nie ganz gleich, da gibt es viel zu entdecken.“ Wo Gott wohne, könnten wir nicht wissen, der Himmel sei ein Ort jenseits unserer Verfügbarkeit  und Vorstellungskraft. Es sei aber der Ort der Vollkommenheit, ohne jede Erdenschwere – und Jesus habe mit seinem Leben und Sterben den Weg für uns Menschen dorthin neu gebahnt. „Seitdem steht der Himmel offen.“ Daher sei es gut, nicht allein einmal täglich in den Himmel zu blicken, sondern auch auf die Geschichte Jesu, „der den Himmel auf die Erde gebracht hat.“

Wieder spielen die Saxophone, der Blick schweift noch einmal herum. Die Sonne hat sich durchgesetzt mittlerweile und die Wolke weggeschoben. Federleicht geht es hinab ins immer noch schlafende Dresden, dem ersten Kaffee des jungen Tages entgegen. Währenddessen öffnet sich die Tür zur Kuppel erneut: Spontan wird die Andacht wiederholt, und wer immer noch keinen Einlass gefunden hat, wird mit einer Kirchenführung getröstet – am Himmelfahrtsmorgen, halb sieben Uhr.

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