Schuldsteine. Stolpersteine. Steine der Erinnerung

Sigrid Radenz steht ein wenig abseits auf dem Hof der neuen Dresdner Synagoge. Ganz bei sich. Die Dresdnerin lehnt an einem Baum, einen kleinen grauen Stein in der Hand. Sigrid Radenz spricht langsam, ja bedächtig: „Es bewegt mich sehr, dass so viele Menschen als Einstieg in den Kirchentag ersteinmal zurückdenken, an ihre Schuld, ob direkt oder indirekt erinnern.“

 

„Wir erkannten unsere Brüder und Schwestern nicht.“

Am Mittwoch ist Sigrid Radenz nicht die Einzige, die zu Beginn des Evangelischen Kirchentages den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus gedenkt. Hunderte sind auf den Altmarkt gekommen. Von dort startet der Gedenkweg, der an die Vernichtung jüdischen Lebens in Dresden erinnern soll. Einige haben die Augen geschlossen, hören auf die Musik des Saxophons und die Stimmen der Sprecher. Es ist vor allem ein Satz, der hängen bleibt: „Wir erkannten unsere Brüder und Schwestern nicht.“

Das „Gedenken zu Beginn“ findet vor jedem Evangelischen Kirchentag statt. Die Erinnerung an die Vernichtung jüdischen Lebens in Dresden sei ein bewusst gewähltes Thema für die diesjährige Veranstaltung, wie die Projektleiterin Esther Pofahl erklärt. Mit Blick auf die Bombardierung Dresdens am 13. Februar 1945 gebe es zu viele, die allein die eigene Opferrolle sehen würden. „Wir wollen dem etwas entgegensetzen“, sagt sie. Ziel des Gedenkens sei es auch, dass „die Täterschaft der Kirche klar benannt werde.“ Für Esther Pofahl, Geschäftsführerin der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Dresden, ist es eine Genugtuung, dass der Weg des Gedenkmarsches an der restaurierten Frauenkirche entlang führt. Schließlich vermittle diese nach ihrer kompletten Wiederherstellung den Eindruck, dass alles wieder „heile“ sei und die Vergangenheit zugedeckt werden könne. Ein Trugschluss.

Erinnerung und Gebet an der Neuen Synagoge

Langsam aber stetig setzt sich der Gedenkmarsch vom Altmarkt in Gang. Die meisten Teilnehmer haben nun einen der kleinen grauen Steine in der Hand, den sie sich zuvor aus einem großen weißen Plastiksack Sack gegriffen haben. „Kantig und rau und doch an einigen Stellen sanft, sei ihr Stein gewesen, wird die Teilnehmerin Therese Beck nach der Veranstaltung berichten. „Aber das Leben der Juden war ja auch so. Ein ständiges auf und ab“, interpretiert die Wormserin. Tatsächlich sind die kleinen grauen Steine, das zentrale Symbol der Veranstaltung. Schuldsteine. Stolpersteine. Steine der Erinnerung, wie sie häufig auf den Grabsteinen jüdischer Friedhöfe zu finden sind.

Der Weg führt entlang der Frauenkirche hin zur Neuen Synagoge, die vor zehn Jahren fertig gestellt wurde. Dort auf dem Innenhof betet Landesrabbiner Salomon Almekias-Siegl ein jüdisches Segensgebet und Heinz-Joachim Aris, 1934 in Dresden geboren und heute Vorsitzender des Landesverbands Sachsen der jüdischen Gemeinde, erinnert sich an die Zeit des Holocaust.

Allmählich löst sich die Versammlung auf. Zurück bleiben zwei mahnende Haufen kleiner, grauer Steine.

Christine Richter

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