Die gastgebende Landeskirche

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Kirche in Dresden

Evangelisches Leben in Elbflorenz.

Dresden 2011

33. Deutscher Evangelischer Kirchentag
3. bis 7. Juni 2011

Dresdens Visitenkarte

Dresden ist eine geschichtsträchtige Stadt. Der Superintendent des Kirchenbezirks Dresden Mitte, Dr. Peter Meis, hat seine Gedanken zur Kirchentagsstadt in folgendem Text zusammengefasst. Als Inspiration diente ihm der Apostel Paulus, der sich seinerzeit - wie im Juni die Kirchentagsbesucher - aufmachte, "dem unbekannten Gott" (Apostelgeschichte 17,23) ein Gesicht zu geben - in den Großstädten seiner Zeit.

Ach, du liebe Stadt!  An Bewunderern hat es Dir zu keiner Zeit gefehlt. Von der Reformation bis zum Jahrhunderthochwasser 2002 haben Dir Zeitzeugen, Dichter, Maler, Wissenschaftler und selbstredend Musiker Reizendes ins Stammbuch geschrieben. Besonders  die in Stein gesetzten Liebeserklärungen der Architekten verhelfen Dir zu jenem unvergleichlichen Panorama, das heute mit dem Wiederaufbau des Zentrums - im Herzen Zwinger, Schloss und Frauenkirche - Gäste aus aller Welt in seinen Bann zieht. Die Elbhänge entlang des Flusses sowieso.

Man muss nicht in dieser Stadt geboren sein, um sich von ihrem Erscheinungsbild  beeindrucken zu lassen. Mehr noch scheint es die Seele dieser Stadt, das Eintauchen in ihre Atmosphäre, die berührt. So wenig man sich ihr entziehen kann - zu fassen ist ihr Wesen freilich schwer.

Vielleicht gelingt das den Augen eines Fremden besser. Nehmen wir also an, Paulus würde Dresden besuchen. Nomadisierende Lebensentwürfe wie der seine, die Reise zwischen Inseln, das ständige "Umtopfen" (Richard Sennett), ist uns modernen Menschen ja nicht unvertraut. Er käme immerhin mit einem Rucksack voller Erfahrungen für das Wesen selbstbewusster Städte. Und mit einem wachen Blick für deren stolze Schönheit - wie auch ihre sozialen Verwerfungen.

Wie damals in Athen (Apostelgeschichte 17,16ff.) sähe er sich ebenso streitbaren wie neugierigen Bewohnern gegenüber. Nicht nur aufgeregte Debatten am grünen Tisch, auch ein beherztes Einmischen zeichnet die Dresdner aus. Autobahn- und Brückenbau, Fassaden- und Platzgestaltungen erregen und scheiden die Geister, mehr noch als Konzertkritiken.

Indes, wer schimpft, trennt sich noch lange nicht. Die Faszination der Heiligtümer ist zu groß. Paulus hatte sie in Athen gesehen, Tempel und Götterstatuen auf Schritt und Tritt. Die jüngsten – "im Dreibuchstabenland" (Uwe Kolbe) aufgestellten - sind mittlerweile weggeräumt. Nike dagegen, die golden geflügelte Siegesgöttin auf der Kuppel der Kunstakademie, wäre ihm von der Akropolis her durchaus bekannt.

Was für halbneue Gerüchte mag sie - hier mit der Fanfare der Fama - über dem "Balkon Dresdens" wohl ausposaunen?

Den Altar freilich, den Paulus in Athen mit der Aufschrift fand "Dem unbekannten Gott", würde er so nicht finden. Die Stadt versteht sich aufgeklärt.

Immerhin, bemerkenswert angesichts der Tradition einer Technischen Universität,  untersucht jetzt ein Sonderforschungsbereich den Zusammenhang von „Transzendenz und Gemeinsinn.“  Vielleicht würde Paulus auch hier anknüpfen und – dem ausgeprägten Dresdner Residenzbewusstsein durchaus nahe - die stoische Tradition zitieren. Eben jene vornehm affektlose Vernunft, nach der wir "als ganzes Menschengeschlecht in ihm (dem unbekannten Gott) leben, weben und sind." (V. 28)

Sicher, auch der Atheismus zeigt sich wieder selbstbewusster. Aber die Bereitschaft, Kirchen aufzusuchen, hervorragende Kultur- und museale Angebote wahrzunehmen, schwillt nicht ab.

Dass in dieser Stadt weniger als ein Viertel der Bevölkerung einer der Kirchen angehören, besagt also nicht viel. Immer mehr, vor allem junge Menschen, zeigen zwar, dass sie tatsächlich ohne jede religiöse Bindung zu leben vermögen. Aber auch die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt in Dresden nicht: Vorübergehend, in bestimmten Lebensphasen scheinen kirchliche Bindungen wichtig.

Vor allem aber sind es die schwer fassbaren zivilreligiösen Momente, die dem urbanen Körpergefühl einen Rhythmus geben. Mehr noch als bei heiteren Stadtteilfesten zeigen sie sich im Ernst der Erinnerungskultur.

Ist es der „Mythos Dresden“, der so viel Binderkraft besitzt? Glüht die Asche noch, die die verwundete Seele der Stadt wetterfühlig allemal im Februar schmerzen lässt? Selbst die dritte Generation scheint noch zu ahnen, dass das Herz Dresdens einmal zerrissen wurde.

Mythen freilich sind riskant. Vor allem wenn sie sich mit dem Heiligenschein einer Verheißung schmücken. Sie machen verletzbar. Leipzig hat sich mit dem Mythos "Heldenstadt" umgeben. Nicht weniger kühn war auf einem Plakat am Altmarkt in Dresden zu lesen "Stadt der Auferstehung".

Städte, die sich mit der Aura einer Verheißung umgeben, waren schon immer Zielscheibe der Zerstörungswut. Erschütternd hat das die "Stadt der Freiheit", New York, zu Beginn des Jahrtausends erfahren. In Dresden sind es neonazistische Gegner der Demokratie, die immer wieder ein ebenso erregendes wie riskantes Gesellschaftsspiel provozieren. Wie gut, dass auch viele Dresdner die Kraft ihrer Zivilcourage vom Oktober 1989 nicht vergessen haben.

Ach du liebe Stadt. Voller Schätze bist Du, menschlicher wie kultureller.

Paulus wusste, dass wir sie nur in irdenen Gefäßen haben. Darum suchte er den Bürgern von Athen jenen Unbekannten bekannt zu machen, nämlich "den Herrn des Himmels und der Erde …, der jedermann Leben und Odem gibt" (V. 24f.).

Ihn zu suchen, der "fürwahr keinem von uns ferne ist", laden die Christen der Stadt ein, die sächsische Landeskirche – und natürlich der 33. Deutsche Evangelische Kirchentag.

 

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