„Ihr sollt ein Segen sein“

Berlin 2003

1. Ökumenischer Kirchentag
28. Mai bis 1. Juni 2003

"Eine Zeitansage dieses Ökumenischen Kirchentages steht, das können wir heute sagen, jetzt schon fest: Christen haben gemeinsam etwas zu sagen."

Ihr sollt ein Segen sein

Leitwort des 1. Ökumenischen Kirchentages

Schon in den späten 60er Jahren hatte eine engere ökumenische Kooperation von DEKT und ZdK begonnen. Damals kamen die beiden großen Laienbewegungen überein, 1971 in Augsburg ein ökumenisches Pfingsttreffen zu veranstalten. Allerdings endete diese Veranstaltung eher mit einer großen Ernüchterung über weitere Schritte in der ökumenischen Zusammenarbeit.

Die Initiative zum ersten von den beiden großen Laienbewegungen getragenen Ökumenischen Kirchentag ging 1996 dann von der katholischen Seite aus. Das ZdK schlug zunächst dem Deutschen Evangelische Kirchentag (DEKT) vor, den Katholikentag 2000 wegen des für das Millennium geplanten Heiligen Jahres ausfallen zu lassen und stattdessen gemeinsam einen Ökumenischen Kirchentag durchzuführen. Nach intensiver Beratung stimmte der DEKT der Idee zu und einigte sich mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) auf das Jahr 2003.

Unter dem Motto „Ihr sollt ein Segen sein“ kamen mehr als 200 000 Dauerteilnehmer in die Hauptstadt. Sie wollten Zeugnis von ihrem Glauben geben, zugleich aber gemeinsam ihre Verantwortung für Gesellschaft und Welt betonen. Ein Eklat überschattete das Christentreffen in Berlin. Ein katholischer Geistlicher lud in einer Messe am Rand des Kirchentags Protestanten zum gemeinsamen Abendmahl ein. Nach dieser nach katholischem Kirchenrecht illegalen gemeinsamen Abendmahlfeier wurde er von seinem Bischof gemaßregelt.

aus "Die Geschichte des ÖKT" auf oekt.de

Segenskreis am Brandenburger Tor bei Nacht

Aus der Eröffnungs-Pressekonferenz

Eine Zeitansage dieses Ökumenischen Kirchentages steht, das können wir heute sagen, jetzt schon fest: Christen haben gemeinsam etwas zu sagen, und sie haben etwas beizutragen zur politischen Gestaltung der Zukunft in Deutschland, in Europa und auf dem ganzen Globus, der gesamten bewohnten Erde. Wenn sie jetzt zu 200.000 zusammenkommen in Berlin – mitten im politischen und gesellschaftlichen Zentrum des seit 13 Jahren vereinten Deutschlands und begleitet von einem außergewöhnlichen Interesse der Öffentlichkeit –, dann wird ihre Stimme unüberhörbar, und zwar nicht durch Lautstärke oder die Masse der Menschen, sondern weil im Denken, Reden und Debattieren auf dem Ökumenischen Kirchentag deutlich wird, wie Christen aller Konfessionen miteinander ihre Verantwortung in der Welt wahrnehmen.

Elisabeth Raiser, evangelische Präsidentin des Ökumenischen Kirchentages

Schon vor dem Beginn können wir von einem Ertrag des Ökumenischen Kirchentages sprechen. Denn die Jahre der Vorbereitung haben zu einer Vielzahl von neuen ökumenischen Initiativen, Aktivitäten und Projekten geführt, haben neue Formen der Partnerschaft und Zusammenarbeit zwischen Gemeinden, Organisationen und Institutionen geschaffen und so neue Wege gegenseitiger Kenntnis und gegenseitigen Verstehens gebahnt. Was bisher nicht selten vor Ort die Sache einiger ökumenischer Aktivisten war, hat jetzt eine sehr viel breitere Basis gewonnen. Das zeigt sich nicht zuletzt an der großen Zahl gemeinsamer Gruppen aus Gemeinden und Verbänden für die Teilnahme in Berlin. So ist ein dichtes und kräftiges Wurzelwerk der ökumenischen Zusammenarbeit entstanden, durch das die neu gewachsene Gemeinsamkeit über den Tag hinaus Bestand haben wird.

Hans Joachim Meyer, katholischer Präsident des Ökumenischen Kirchentages

Gottesdienst am Brandenburger Tor
Abendmahlsliturgen

Grußwort des Papstes

Ihr wohnt in dem Land, in dem die westliche Kirchenspaltung ihren Anfang nahm. Viele Schritte zur Versöhnung sind schon erfolgt. Setzt diese Bemühungen mit Sensibilität und Rücksichtnahme aufeinander, in Geduld und zugleich mit Mut in Ehrfurcht vor der Wahrheit und in aufrichtiger Liebe fort: im gemeinsamen Bekenntnis und Gebet, im theologischen Gespräch, in Vorschlägen zur Gestaltung des öffentlichen Lebens, in einem missionarischen Aufbruch zu einer neuen Evangelisierung und im Dienst der Liebe für die Armen und Bedrängten allüberall, und schließlich in einem neuen, an der Person Jesu Christi ausgerichteten Lebensstil, der die Schätze dieser Erde schonend gebraucht, nicht zuletzt im Blick auf die kommenden Generationen.

Papst Johannes Paul II., bei der Eröffnung verlesen durch den Apostolischen Nuntius in Deutschland Erzbischof Dr. Giovanni Lajolo

Themenbereiche und Bibelarbeiten

Die vier Themenbereiche des Ökumenischen Kirchentages 2003 waren nicht benannt, doch die Titel ihrer Hauptveranstaltungen geben Hinweise auf die Schwerpunkte. Im Themenbereich 1 sprachen Eberhard Tiefensee und Christoph Türcke zum Thema "Christ-Sein in der Welt von heute", Annette Schavan fragte in ihrem Hauptvortrag: "Wozu braucht die Gesellschaft heute das Evangelium?" Im zweiten Themenbereich drehte sich das Hauptpodium um "Visionen für die Ökumene", ein Podium war gar "Zur Ökumene verpflichtet" betitelt. Im Themenbereich 3 standen Freiheit und Würde im Mittelpunkt. Sie "fallen nicht vom Himmel" konstatierte Marianne Birthler in ihrem Hauptvortrag. Auf Podien wurde diskutiert, wie Menschen "In Würde arbeiten", "In Würde mit Behinderung leben" und "In Würde sterben" können. Themenbereich 4 forderte mit Wolfgang Thierses Hauptvortrag "Neue Perspektiven für die Demokratie" oder gar "Perspektiven für eine Weltordnung im 21. Jahrhundert" im Gegenstück von Nobelpreisträgerin Vandana Shiva.

Zu den Bibelarbeiterinnen und Bibelarbeitern gehörten Walter Klaiber, Aldo Giordano, Herta Däubler-Gmelin und Eckhard Minthe, Kathy Galloway sowie Christian Wulff am Donnerstag zu Epheser 1,3–14. Wolfgang Huber, Serafim Romul Joanta, Ingrid Riedel, Bernhard Schlink, Franz Kamphaus und Andrea Fischer am Freitag zu 1. Mose 32,23–33. Jürgen Ebach, Joachim Wanke, Chiara Lubich, MartinHein, Bekir Alboga und Sandra Kamutzki sowie Hartmut von Hentig am Samstag zu 1. Mose 1,26–2,3.

Junge Menschen am Brandenburger Tor

In Zahlen

Genau 191.349 Menschen kauften 2003 eine Dauerkarte für den Ökumenischen Kirchentag. 4.981 Menschen aus 86 Ländern repräsentierten die internationale Ökumene. 72.249 Personen schliefen in 403 Schulen, 11.424 kamen im Privatquartier unter. 28.535 kamen in Sonderzügen zum Kirchentag. Beim Schlussgottesdienst wurden 244.471,29 Euro gespendet. Der Haushalt betrug 18.211.503 Euro.

Alle Statistiken zum Ökumenischen Kirchentag

Gottesdienst am Bundestag
Bläser

Schlussgottesdienst

Wenn die Erde einen so guten Ertrag gibt, wenn alle wirklich in Frieden leben können und wenn die Fruchtbarkeit als fortwährender Gunsterweis Gottes verstanden wird, dann liegt darin auch eine große Hoffnung für die Zukunft der Welt: die Erde ist in den Augen und nach dem Willen Gottes so reich, dass sie auch die kommenden Generationen ernähren kann. Dies gibt uns in keiner Weise das Recht zu einem egoistischen Abbau der natürlichen Ressourcen, zu einem räuberischen Verhalten auf Kosten kommender Generationen. Es ist vielmehr vorausgesetzt, dass wir nicht die unumschränkten Herren dieser Welt sind und dass wir zum Teilen bereit sind. Dies ist aber nur möglich, wenn wir in der Verwaltung unserer Welt schonend und bewahrend mit unseren Schätzen umgehen. Dies gilt auch für den Umgang mit der Mangelware Arbeit in unserem Land und mit unserem Verhältnis zu den Arbeitslosen.

Wenn dies gelingt, aber nur wenn dies gelingt, sind wir ein wahrer Segen für die künftigen Generationen in unserem Land und auf der ganzen Welt. Wir haben in diesen Tagen als Christen bei vielen Problemen immer wieder gespürt, wie verheißungsvoll und zukunftsweisend solche Perspektiven aus dem Glauben sind. So erhält der Segen, der ursprünglich Israel allein zugesagt worden ist, eine menschheitliche, ja sogar eine politische und ökologische Dimension. Erst dann vollzieht sich wahrhafte »Ökumene«: eine wahrhaft für alle bewohnbare Welt.

Kardinal Karl Lehmann, aus der Dialogpredigt

Da gab es im Vorfeld dieses ökumenischen Kirchentages – und auch noch hier in Berlin – die Klage über das, was wir in unseren Kirchen noch nicht gemeinsam können: das Mahl am Tisch des Herrn gemeinsam zu feiern.Wir empfinden das Leiden daran ja deshalb so stark, weil wir so nahe beieinander sind. Doch das

gelungene Miteinander dieser Tage in Berlin hat uns gezeigt: Der Schmerz über das, was noch aussteht, wird weit überboten von der Freude über das, was uns verbindet. Darum können uns alle noch bestehenden Schwierigkeiten die Zuversicht nicht austreiben.

Wir haben Segen empfangen, darum können wir selber ein Segen sein. Kehrt nun gestärkt zurück an die Orte, wo sich die Gemeinden sammeln! Tragt diese Erfahrungen weiter in die Gemeinden und in die Orte, an denen Ihr lebt! Haltet Euren Gemeinden die Treue, auch wenn es im Alltag nicht immer so festlich und fröhlich zugeht wie hier in Berlin. Wo wir Gottes Namen die Ehre geben, wird sein Segen uns tragen und trösten. Ihr sollt ein Segen sein!

Präses Manfred Kock, aus der Dialogpredigt

Zusammenarbeit in den Gremien

Bei der Auswertung des Ökumenischen Kirchentages ist zu Recht festgestellt worden, dass in den Gremien in einer sichtbaren Weise das Vertrauen ineinander gewachsen ist. Die Vorbereitung des ÖKT war nicht nur in den Gemeinden, Landeskirchen und Diözesen, sondern insbesondere auch für die in den Gremien des ÖKT handelnden Personen ein unschätzbarer Lernprozess von bleibendem persönlichen Gewinn. Im manchmal mühsamen Prozess des Austauschs, des gegenseitigen Verstehens und der Annäherung, durch die man neue, für beide Seiten akzeptable Lösungen finden konnte, ist ein "ökumenischer Mehrwert" entstanden, der auch über das Ereignis Ökumenischer Kirchentag hinaus seine Früchte zeigen wird. Die Erfahrung der Vorbereitung und Durchführung des Ökumenischen Kirchentags 2003 in Berlin schafft die besten Voraussetzungen, auf einen neuen, zweiten Ökumenischen Kirchentag zuzugehen. Heute wissen wir noch nicht, wann und wo er stattfinden wird. Dass er aber möglich werden wird, dafür hat der Ökumenische Kirchentag in Berlin die notwendigen Voraussetzungen geschaffen.

Friederike Woldt, Generalsekretärin des DEKT, und Stefan Vesper, Generalsekretär des ZdK, im Dokumentarband

Gottesdienst vor dem Bundestag
Segenskreis am Brandenburger Tor

Den Test glänzend bestanden

Einen derartigen Erfolg hätte sich niemand träumen lassen. Der erste Ökumenische Kirchentag hatte alle Erwartungen übertroffen und sich als eindrucksvolles Zeugnis christlicher Präsenz im Land entpuppt. Das Zusammenleben der Kirchen empfing in den fünf Tagen neue Impulse, die papiernen Theologenstreitigkeiten der letzten Jahre sind in den Hintergrund gerückt. Für die Christen war das Großtreffen eine eindrucksvolle Erfahrung und eine wertvolle Selbstvergewisserung, von der sie lange zehren können. Beigetragen zu dem Erfolg hat nicht zuletzt die mutige Wahl des Orts. Denn Berlin ist kein einfacher Gastgeber. Die Hauptstadt ist zwar das politische und kulturelle Nervenzentrum des Landes, gleichzeitig aber ein raues, säkulares Pflaster. Wer hierher kommt, der muss selbstbewusst sein, der muss etwas zu bieten haben. Wo sonst aber gäbe es in Zeiten gesellschaftlicher Neubesinnung so produktive Berührungsflächen zwischen den Kirchen und der Politik, wenn nicht in Berlin? Die Kirchen sind das Risiko eingegangen und haben den Test glänzend bestanden. Nicht nur war die Atmosphäre des Ökumenischen Kirchentags an vielen Stellen der Stadt zu finden und zu spüren. Auch die inhaltlichen Debatten in den Foren waren teilweise von bemerkenswerter Intensität und von maßgeblichem Niveau.

Martin Gehlen im "Tagesspiegel", 2. Juni 2003

Segenskreis am Brandenburger Tor

Die Fleischwurst

interner Name des großen Segenskreises am Brandenburger Tor

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