„Unsere Zeit in Gottes Händen“

Berlin 1989

23. Deutscher Evangelischer Kirchentag
7. bis 11. Juni 1989

"Laßt euch ermutigen über die Grenze hinweg, laßt euch ermutigen durch das gemeinsame Gottesdienstfeiern so vieler Christenmenschen und sucht Gemeinschaft dort, wo ihr seid."

Unsere Zeit in Gottes Händen

Losung des 23. Deutschen Evangelischen Kirchentages

Die letzten Dinge - Losung, Themen, Vorfälle

[Die Losung] war angelehnt an Psalm 31, Vers 16 "Meine Zeit steht in deinen Händen". Wo Christen über ihre Zeit, ihre Zukunft in Gottes Händen nachdenken, müssen sie auch über die "letzten Dinge" sprechen. über die Zukunftshoffnung des christlichen Glaubens. Dies war das gemeinsame Thema von drei Hauptvorträgen im Themenbereich I des Kirchentages: Jürgen Moltmann sprach über "Das Reich Gottes", Christian Link über "Auferstehung der Toten. Gibt es ein Leben nach dem Tode?", Eberhardt Jüngel referierte über "Gericht und Gnade". Auch wenn im Zentrum der Vorträge die Grenzen des Lebens und die Gegenwart und Zukunft des Reiches Gottes standen, so versuchten sie nicht, die letzten, unbekannten, unserer Vorstellungskraft gänzlichentzogenen Rätsel von Zeit und Ewigkeit aufzulösen [...] Aber die Vorträge regten an und ermutigten, an solchen Fragen weiterzudenken und in diesem Leben am Reich Gottes zu arbeiten. [...]

Ein geplantes Podiumsgespräch konnte allerdings erstmals in der Geschichte des Kirchentages nicht wie geplant durchgeführt werden, weil die Toleranz gegenüber der Meinung Andersdenkender und die Bereitschaft zum Zuhören fehlte: Am 10. Juni sollte in der Halle 25 unter dem Titel "Menschenrechte sind unteilbar" ein Gespräch u. a. mit einem Vertreter der "Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte" (IGFM) stattfinden. Kritiker aus dem Kreis der Lateinamerika- und Südafrika-Solidaritätsgruppen, die der IGFM vorwarfen, sie sympathisiere mit dem südafrikanischen Apartheid-System und mit den nikaraguanischen Contras, besetzten das Podium und erzwangen den Abbruch. Hier zeigte sich die Verletzlichkeit eines Kirchentages, der auf die Anwendung jeglicher Gewalt verzichtet. Der Kirchentag muß, und das wurde bei diesem Vorfall ganz deutlich, ein Ort bleiben, wo ohne Haß und Verachtung auch über emotionsgeladene Themen in zivilisierter Rede und Gegenrede gestritten werden kann. Daß dies vor allem dann nicht leichter wird, wenn sich das Klima der Auseinandersetzungen in der Gesellschaft verschärft und die Toleranz gegenüber Andersdenkenden abnimmt, ist deutlich. Zu Recht schrieb Wulf Reimer in seinem Schlußkommentar in der Süddeutschen Zeitung: Der Kirchentag ist ein "bleibendes Risiko".

Konrad von Bonin im Vorwort des Dokumentarbandes

Bibelarbeiten

Als Texte für die Bibelarbeiten waren Psalm 90 (Donnerstag), Markus 13,28-33 und Lukas 13,6-9 (Freitag) und 1. Samuel 1,1-11 + 20 und 2,1-10 (Samstag) ausgewählt worden. Im Programmheft fanden sich alle Bibeltexte auch in "frauengerechter Sprache".

Illustration einer Berliner Stadtlandschaft in hellen Farben
Postkartenset des Berliner Kirchentages 1989

So groß wie nie zuvor. Zu groß?

Auch auf einer anderen Ebene hat dieser Kirchentag seine Grenzen berührt. Nach Berlin kamen 151.422 Dauerteilnehmer und 15.337 Tagesteilnehmer, so viele wie nie zuvor. Von ihnen waren fast 25.000 an der Vorbereitung, Planung und Gestaltung beteiligt: als Bläser und Helfer, als Musikanten und Referenten, als Mitarbeiter in Vorbereitungskreisen und Gruppenvertreter. Auch die Zahl der angemeldeten Gruppen im Markt der Möglichkeiten und im kommunikativen Bereich hatte sich noch einmal erhöht: auf mehr als 1.100. Dies alles schafft nicht nur kaum zu bewältigende organisatorische Probleme, es hat auch zunehmend Auswirkungen auf die Inhalte: Je größer die Zahl der Menschen, desto geringer ist die Chance der persönlichen Begegnungen und Raum für in die Tiefe gehende Gespräche und desto unvermeidlicher ist die Weitergabe fertiger Gedanken von einem Podium ohne die Möglichkeit echter Beteiligung von Zuhörerinnen und Zuhörern. [...] Der Berliner Kirchentag war mit seinen mehr als 3.000 Einzelveranstaltungen in seiner Vielfalt kaum noch zu überschauen.

Konrad von Bonin im Vorwort des Dokumentarbandes

Vollständige Teilnehmerstatistik des Berliner Kirchentages von 1989

Über die Entwicklungen im jeweils anderen Deutschland mitreden

Deuten sich - vielleicht im Zuge der Bewegung. die den Ostblock ergriffen hat - Veränderungen der deutsch-deutschen Enthaltsamkeit an? Sind wir inzwischen unbefangen genug, freimütiger und vielleicht auch ungeduldiger über die Entwicklungen im jeweils anderen Deutschland mitzureden? Kann sich die Beziehung zwischen Christen in beiden deutschen Staaten wirklich in einer ökumenischen Gemeinsamkeit erschöpfen? Was bedeutet es denn, daß die Deutschen in Ost und West nach Geschichte, Kultur und Lage eine besondere Gemeinschaft bilden, die sich 50 Jahre nach Beginn des deutschen Angriffskrieges als Haftungsgemeinschaft, als Risikogemeinschaft, als Verantwortungsgemeinschaft und vielleicht als Hoffnungsgemeinschaft präzisieren läßt und die sich zumindest in den Anstrengungen zur Friedenssicherung auswirken müßte? Schon politisch entwickelt sich im Rahmen des europäischen Hauses eine beziehungsreiche Nachbarschaft, wobei - wie es in der bekannten SPD/SED-Erklärung aus dem Jahre 1987 heißt - Kritik, auch in scharfer Form, nicht als unzulässige Einmischung in die inneren Angelegenheiten der anderen Seite zurückgewiesen werden darf.

Kirchlich haben sich erfreulicherweise die Kontakte zwischen den beiderseitigen eigenständigen Kirchentagsbewegungen wieder verstärkt. Nach wie vor kann es dabei nicht um ein gegenseitiges Hineinreden gehen und erst recht nicht um Rückfälle in gesamtdeutsche Träume oder gar um destabilisierende Einwirkungen Aus dem grenzüberschreitenden Glauben an den einen Gott, aus der gemeinsamen Geschichte, der engen räumlichen Nähe und auch aus persönlicher Verbundenheit erwächst aber jedenfalls eine besondere Lerngemeinchaft, bei der man sich gegenseitig befragt, was jeder für sich und was wir gemeinsam im konziliaren Prozeß für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung tun können und tun müssen.

Kirchentagspräsident Helmut Simon auf der Eröffnungspressekonferenz

Mit einer "Zeitkarte" kann man einem Mitmenschen eine Stunde seiner Zeit schenken.
Die "Zeitkarte" erlaubt es Teilnehmenden, einem Mitmenschen eine Stunde ihrer Zeit zu schenken.

Transitbestimmungen

Sie benötigen in jedem Fall einen Reisepaß, der bis zum 12. Juni 1989 gültig ist. Ausführliche Hinweise erhalten Sie
- als Pkw-Fahrer bei allen ADAC-Geschäftsstellen; hier können Sie kostenlos den Prospekt "Berlin-Transit" anfordern;
- als Busreisegruppe von der Geschäftsstelle des Kirchentages, die Ihnen den ADAC-Prospekt zuschickt;
- als Sonderzug-Fahrgast vom Hapag-Lloyd-Reisebüro, das Ihnen mit Ihrer Fahrkarte ein entsprechendes Merkblatt zusendet.

Aus dem Programmheft

Leben heißt das Böse wenden

Der Ausschnitt aus dem Losungslied von Fritz Baltruweit und Hans-Jürgen Netz zeigt den Stil typischer Kirchentagslieder (auch in der Instrumentierung) aus den 1980er Jahren. Erhältlich war das Lied mit weiteren Liedern der Zeit auf einer CD.

Lasst euch ermutigen

Laßt euch ermutigen über die Grenze hinweg, laßt euch ermutigen durch das gemeinsame Gottesdienstfeiern so vieler Christenmenschen und sucht Gemeinschaft dort, wo ihr seid. Laßt euch ermutigen durch den Segen Gottes.

Superintendentin Martina Gern auf der Schlussversammlung

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