Im Plakat des 17. Kirchentages in Westberlin 1977 ist der Längsbalken des großen Kreuzes im Jerusalemkreuz durch ein Joch ersetzt worden. Der Hintergrund ist grün.

Berlin 1977

17. Deutscher Evangelischer Kirchentag
8. bis 12. Juni 1977

"Ein linkslastiger Kirchentag? Wohl kaum. Aber ein soziallastiger."

Einer trage des anderen Last

Galater 6,2

Zum Geleit

Wir wollen nicht für jede Kleinigkeit anständigen menschlichen Umgangs miteinander unsere Kirchentagslosung bemühen. Aber wenn wir durch Wahrnahme der Beschwernis, die wir selbst oft für unsere Mitmenschen sind, im Mittragen der Lasten anderer ein Stück freier werden von unserer eigenen Gedrücktheit, dann hat sich in der Gemeinde Jesu Christi wieder einmal erfüllt, was der Prophet geschaut hat: „Fürwahr, Er trug unsere Krankheit und nahm auf sich unsere Schmerzen".

Generalsekretär Hans Hermann Walz im Programmheft

Programmheft und Liederbuch

Zahlen und Orte

Der 17. Deutsche Evangelische Kirchentag zählte 58.945 Dauerteilnehmer, darunter 1467 Gäste aus dem Ausland, und 14.711 Tagesteilnehmer. Hinzu kamen fast 10.000 Kinder beim Kinderkirchentag. Am 8. Juni luden 25 Eröffnungsgottesdienste insgesamt 27.360 Menschen in die Berliner Kirchen. Der Abend der Begegnung fand auf dem Kurfürstendamm mit 130.000 Personen statt, 35.000 kamen zur Schlussversammlung vor der Kongresshalle im Tiergarten.

Der Kirchentag von 1977 gehörte "zu den größten in der bisherigen Kirchentagsgeschichte und, so gesehen, in die Reihe der großen Kirchentage während der 50er Jahre", wie Friedebert Lorenz im Vorwort des Dokumentarbandes schreibt.

Der gespaltene Kirchentag

Die Erwartungshaltung gegenüber dem Kirchentag war unterschiedlich Zwar war Frankfurt als ein junger und festlicher Kirchentag in Erinnerung geblieben, die ständigen Vorwürfe der Bekenntnisbewegung hattet jedoch wenigstens das publizistische Ziel erreicht, dem Kirchentag diesmal besonders kritisch begegnen, ihn auf seine wahre Substanz hinterfragen zu wollen. Dazu kamen die Meldungen von den großen Zahlen, mit denen der [drei Wochen vor dem Kirchentag stattfindende] "Gemeindetag unter dem Wort" in Dortmund rechnete: es mehrten sich Stimmen, die von einer Spaltung der Kirche wissen wollten, von Kirchenkampf und einer nicht zu behebenden Feindschaft. In der "Deutschen Zeitung" war Ende April zu lesen: "Die Rivalen rüsten sich zum Kampf". Und weiter: "In der Logik der Bekenntnistreuen liegt es, daß sie den Kirchentag nicht als Anti-Kirchentag empfinden, sondern als die Fortsetzung des eigentlichen Kirchentages, wie es der Vorsitzende der Bekenntnisbewegung, Pfarrer Rudolf Bäumer, kürzlich erklärte. Daß dies eine Herausforderung bedeutet, die jede gü liehe Einigung der beiden Gruppierungen unmöglich macht, liegt auf der Hand. Kein Zweifel, die Bewegung des Gemeindetages will die Konfrontation." In der "Welt" vom 9. Mai schreibt Henk Ohnesorge unter der Überschrift "Der gespaltene Kirchentag": "Deutschlands protestantische Christen erleben auch dieses Jahr wieder ein deprimierendes Bild von der Zerrissenheit ihrer Kirche... Heute hat die allgemeine Polarisierung auch die Kirche ergriffen, läuft die Spaltung manchmal quer durch die Gemeinden... Daß es nicht möglich ist, zur Gemeinsamkeit zu finden, demonstriert den desolaten Zustand der protestantischer Christenheit in der Bundesrepublik."

aus: "'Der Kirchentag lebt': Das publizistische Echo auf den Berliner Kirchentag" von Carola Wolf

Junge Menschen im Zentrum Jugend

Mehr Zahlen

Vom Berliner Kirchentag berichteten 515 Journalistinnen und Journalisten, dazu kamen 278 Technikerinnen und Techniker. Der SFB strahlte (inklusive ARD) insgesamt über 200 Stunden Programm in Hörfunk und Fernsehen aus, im Radio allein 13,5 Stunden Mitschnitte von den über 300 Veranstaltungen.

Pressestimmen

Junge Menschen bei der "Meditationsnacht im Zentrum Jugend"

„Nur auf einem Auge blinde Beobachter können übersehen, daß in den Messehallen mehr gebetet und Wissen empfangen als agitiert wurde. Bibelarbeiten waren wichtiger oder zumindest gleichgewichtig wie Diskussionen über Weltpolitik ... Die Station der Polarisierung hat der deutsche Protestantismus verlassen."
Günter Tilliger, Frankfurter Neue Presse

„Die Frage ist, ob der im Protestantismus neu gefundene Gleichklang zwischen frommem Glauben, sozialem Handeln und Missionswillen auch auf dem Berliner Pflaster Gemeinschaft erzeugt ... Die Bedeutung des Berliner Kirchentages entscheidet sich daran, ob über diese Gegensätze das Vertrauen siegt, die Glaubwürdigkeit, die Frömmigkeit und die Hingabe ans Praktizieren christlichen Glaubens."
Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Im Grunde war Berlin nicht anders als erwartet. Neben sehr viel Erfreulichem (großes Verlangen nach Gottesdienst und Bibelarbeit, Offenheit der Teilnehmer, reiches Angebot missionarischer und diakonischer Möglichkeiten...) stand manches recht Bedenkliche: ... schwärmerisch diesseitige Weiteinheitsutopien, Meditation eher im Stil des Yoga als christlicher Frömmigkeit, starker Einfluß radikaler Theologen... Erschrocken war ich, daß die biblisch-eschatologische Dimension fast völlig fehlte. Deutlicher gesagt, ich habe nirgends einen Hinweis auf die Wiederkunft Jesu Christi gehört."
Wolfgang Müller, idea

„Der Öfters geäußerte Verdacht, der Kirchentag '77 sei zu linkslastig, bestätigt sich bei den Foren- und Podiendiskussionen in den Messehallen ... Einen besseren Dienst wenige Tage vor Beginn der Belgrader KSZE-Nachfoigekonferenz hätte sich die SED-Propaganda nicht wünschen können."
Deutsche Tagespost

„Ein linkslastiger Kirchentag? Wohl kaum. Aber ein soziallastiger. Doch darüber gibt es keinen Zweifel: Sozial voll wirksam können die jungen und alten Lastenträger Gottes in Berlin und anderswo nur werden, wenn sie Kontakt halten oder wieder gewinnen zu jenem Jesuswort, von der die Berliner Losung bzw. das Pauluswort nur die authentische Auslege ist: ‚Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst und nehme täglich sein Kreuz auf sich. So folge er mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es retten'."
Fuldaer Zeitung

Alle Zitate aus: "'Der Kirchentag lebt': Das publizistische Echo auf den Berliner Kirchentag" von Carola Wolf

Nürnberg 1979|Zurück zur Übersicht|Frankfurt 1975

Diese Seite teilen