Das Plakat des 10. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Berlin 1961

Berlin 1961

10. Deutscher Evangelischer Kirchentag
19. bis 23. Juli 1961

"Helft mit Eurem Kommen, daß der Kirchentag Menschen in Berlin aus allen Lagern zusammenführt unter das Regiment dessen, der die völlige Liebe ist."

Ich bin bei euch

Losung des 10. Deutschen Evangelischen Kirchentages

Eröffnung: Eine am "Ku.-damm" aufgestellte Glocke läutet die Gottesdienste ein.

Rüstet Euch

Ihr Christen in Deutschland, Evangelische Brüder und Schwestern in Ost und West, wir rufen Euch zum 10. Deutschen Evangelischen Kirchentag nach Berlin. Wir bitten jedermann aus beiden Teilen der Evangelischen Kirche in Deutschland und aus der Oekumene. Trotz der sehr ernsten politischen, organisatorischen und auch kirchlichen Bedenken ist die Entscheidung für Berlin als Kirchentagsort gefallen. Wir laden alle ein, die Frieden suchen. Helft mit Eurem Kommen, daß der Kirchentag Menschen in Berlin aus allen Lagern zusammenführt unter das Regiment dessen, der die völlige Liebe ist. Die Bibel sagt, daß diese Liebe die Furcht austreibt, den Haß beseitigt. Kommt, bereitet Euch auf diesen Kirchentag vor, studiert die Themen. Wir wollen uns in Berlin eng auf die Thematik konzentrieren. Rüstet Euch auf die Fragen an Gottes Wort, auf das Gebet miteinander. Erwartet viel von Berlin, daß Gott gerade hier durch Sein Wort etwas Besonderes zustande bringen kann, auch wenn manches beschwerlich sein wird und wir uns nicht in den gewohnten Größenordnungen treffen. Gebt in Ost und West für den Kirchentag und sorgt mit Eurem Opfer und Gebet, daß dieser Kirchentag ein Tag der 'Gemeinde unter dem Wort' werde. Bleibt nicht fern. Laßt Euch nicht aufhalten. Über alle Grenzen hinweg laßt uns beieinander sein in Seinem Namen. Sind wir in Seinem Namen zusammen, gilt uns Seine Verheißung: Ich bin bei euch.

Prases D. Kurt Scharf Vorsitzender des Vorbereitenden Ausschusses, im Programmheft

Dass der Kirchentag stattfand war ein Geschenk Gottes

Als das Präsidium sich im Februar 1960 für diesen Tagungsort entschied, und als diese Losung etwa ein halbes Jahr später gewählt wurde, war nur deutlich, daß der Kirchentag an einem der dann wahrscheinlich kritischsten Punkte der Weltpolitik stattfinden würde. Um so notwendiger erschien es, gerade hier die Frohe Botschaft Jesu Christi, Seine Herrschaft über alle Fürstentümer und Gewalten und Seinen Frieden, der höher ist als alle menschliche Vernunft, mit den Mitteln und in den Formen des Kirchentages zu verkündigen. Zu dieser Überzeugung wurde das Präsidium auch immer wieder geführt, als es sich vom Januar 1961 an bis zum Beginn des Kirchentages beinahe ununterbrochen und gleich-zeitig mit der politischen wie innerkirchlichen Bestreitung seines Beschlusses, mit der eventuellen Möglichkeit, die große Versammlung in Leipzig durchzuführen, und mit dem Gedanken, den Kirchentag für dieses Jahr überhaupt abzusagen, auseinanderzusetzen hatte. Das geschah unter ständigem Gebet und Flehen und in Beratung mit den leitenden Brüdern der gastgebenden Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg und anderer Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland in Ost und West. (...) Daß aber der Kirchentag in Berlin stattfand und wie er vor sich ging, war wohl für alle, die an ihm als Mitarbeiter und Besucher teilgenommen haben, ein Geschenk Gottes — und ist heute, nach den Ereignissen des 13. August 1961 und der folgenden Wochen in Berlin, eines Seiner Wunder, für das sie nicht dankbar genug sein können.

Friedebert Lorenz im Vorwort des Dokumentarbandes

Ein Stoffabzeichen des Kirchentages

Elf Tage vor Beginn: Kein Kirchentag in Ost-Berlin

Der 10. Deutsche Evangelische Kirchentag konnte in Berlin nicht so durchgeführt werden, wir er für die beiden Teile der Stadt annähernd gleichmäßig geplant und vorbereitet war. Elf Tage vor seinem Beginn hieß es: "Der Polizeipräsident von Berlin teilt mit: Im Interesse der Gewährleistung von Ruhe und Ordnung und zur Sicherung des Friedens ist der Kirchentag in der Hauptstadt der DDR (Demokratisches Berlin) verboten ..." (ADN-Meldung vom 8. Juli 1961). Infolge dieses Verbotes war, wie das Präsidium auf seiner Sitzung am 11. Juli 1961 feststellte, die Durchführung des Kirchentagsprogramms in Ost-Berlin nicht mehr möglich. Der Vorbereitende Ausschuß im Ostteil der Stadt, die Mitarbeiter aus den östlichen Gliedkirchen und die dortigen Kirchentagslandesausschüsse wurden aus ihrer Verantwortung für diesen Berliner Kirchentag entlassen. Die Kirchentagsveranstaltungen in West-Berlin fanden, soweit möglich, statt. In Ost-Berlin wurden auf Beschluß der Berlin-Brandenburger Kirchenleitung in diesen Tagen gottesdienstliche Veranstaltungen angeboten: so am Mittwochnachmittag – nach den Gottesdiensten zur Eröffnung des Kirchentages in West-Berlin – Bittgottesdienste um 18 Uhr an schließlich acht Stätten; am Donnerstag-, Freitag- und Samstagvormittag Gottesdienste mit Feier des heiligen Abendmahls in der Bartholomäus-, Immanuel- und Marienkirche, bei denen Studiendirektor Dr. Krusche und die Professoren D. Fischer und D. Vogel über dieselben Texte predigten, über die in West-Berlin die Bibelarbeiten gehalten wurden (...). Bei diesen gottesdienstlichen Veranstaltungen suchten und fanden die Teilnehmer aus dem westlichen Bereich und aus der Ökumene die Brüder und Schwestern aus dem anderen Teil. Aber es war auch umgekehrt. Denn dieser Kirchentag vereinte über 45.000 Dauerteil-nehmer. Von ihnen kamen 1.200 aus der Ökumene, 22.000 — davon 7.000 Jugendliche — aus den westlichen Gliedkirchen, denen die Inhaber der 8.200 ausgegebenen Tageskarten noch hinzuzuzählen sind, und, soweit verbindlich feststellbar, 19.700 aus den östlichen Gliedkirchen. (...) So wurde auch in Berlin wieder die Einheit und die Gemeinsamkeit der evangelischen Christenheit und der Evangelischen Kirche in Deutschland unter der Verheißung ihres gegenwärtigen Herrn lebendige und leibhaftige Wirklichkeit.

Friedebert Lorenz im Vorwort des Dokumentarbandes

Hauptversammlung im Olympiastadion Gäste aus Japan und Afrika mit Präses Scharf, Bischof Otto Dibelius und Präs. von Tadden-Trieglaff

Bibeltexte und Bibelarbeiter

Der Eröffnungsgottesdienst stand unter Josua 3,9-17 ("Dabei sollt ihr merken, daß ein lebendiger Gott unter euch ist"), die Festgottesdienste am Sonntag unter Jesaja 41,1-12 ("Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein"). Als Bibelarbeiten waren Psalm 139 (Donnerstag), Johannes 21,1-14 (Freitag) und Römer 8,31-39 (Samstag) ausgewählt worden.

Als Bibelarbeiter fungierten Pfr. Georges Casalis (Straßburg), Pfr. Helmut Class (Herrenberg), Landesbischof Hermann Dietzelfelbinger (München), Prof. Martin Fischer (Berlin), Helmut Gollwitzer (Berlin), Propst Heinrich Grüber (Berlin), Pfr. Johannes Hamel (Naumburg/Saale), Bischof Johannes Jänicke (Magdeburg), Studiendirektor Dr. Werner Krusche (Lückendorf), Landesbischof Hanns Lilje (Hannover) und Prof. Heinrich Vogel (Berlin).

Arbeitsgruppen und Themen

Der Berliner Kirchentag 1961 war in sieben Arbeitsgruppen unterteilt. Am Donnerstag und Freitag wurden jeweils zwei Aspekte des Gruppenthemas referiert, am Samstag folgte darauf eine Podiumsdiskussion. Die Gruppen und zugehörigen Tagesthemen lauteten: Bibel (Gott spricht in der Bibel; Unsere Fragen an die Bibel), Familie (Eltern, seid Eltern!; Kinder: Programme, Illusionen); Politik (Unser Weg in die Katastrophe von 1945 - Rechenschaft und Besinnung heute; Unser Weg in die Zukunft - Schuld und Chance), Wirtschaft und Gesellschaft ('Wir können doch nichts ändern!' - Ausrede oder Tatsache?; Gottes Heil und der Menschen Wohl), Mensch (Wer ist der Mensch?; Woher kommt der Mensch?), Juden und Christen (Gottes Weg zur Welt; Wurzeln des Antisemitismus), Oekumene (Afrika - Kirche im Kampf um neue Ordnungen; Asien - Kirche im Angriff der Religionen; Südamerika - Kirche im Säkularismus; Europa - Kirche in der Tradition?).

Arbeitsgruppe "Juden und Christen" in der Messehalle am Funkturm

Flugverkehr

Für Teilnehmer, die nach Berlin und zurück wollen, haben wir bei den Fluggesellschaften Air France, BEA und PAA eine größere Anzahl von Nachtflügen als billigste Flugmöglichkeit vorsorglich reservieren lassen. Die Flugpreise für den Hin- und Rückflug betragen von den für Nachtflüge zugelassenen Flughäfen:

Hamburg 86,- DM
Hannover 68,- DM
Düsseldorf 152,- DM
Köln 152,- DM
Frankfurt 136,- DM
München 158,- DM

Aus dem Programmheft

Titel der Zeitung "Christ und Welt"

Ein Aufbruch in der Kirche?

Der Zehnte Deutsche Evangelische Krichentag war umstritten wie wenige dieser großen Laientreffen zuvor. Um so schwerer wiegt sein Erfolg. Die Skeptiker, die Kleingläubigen und Verzagten (wie man es in der Kirchensprache ausdrückt), die Schlechtwetterpropheten und Miesmacher (wie man es populär sagt) - sie wurden alle gründlich widerlegt. Es blieb der Ernst, wie ihn die unmittelbaer Begegnung mit Berlin, mit der bedrohten deutschen Hauptstadt eingibt. Aber die anfänglich gespannte Atmosphäre war bald einer großen Klarheit und Nüchternheit gewichen, die auch fromme Halleluja-Stimmung nicht einmal im Ansatz aufkommen ließ. Man abstrahierte nicht von der Politik, sondern man tat einen Schritt über sie hinaus, indem man Verkündigung, glauben, Evangelium, die Besinnung also auf die eigentliche Aufgabe des Kirchentages nun doppelt ernst nahm. (...)

Die Bischöfe glaubten, die Konsequenz aus dem vieldeutigen Bibelwort "Seid untertan der Obrigkeit" ziehen zu müssen. Wo beginnt der Gehorsam des Christen gegenüber der Obrigkeit? Wo hat er seine Grenzen im totalitären Staat, der auch das Gewissen seiner Bürger sich und damit einer Herrschaft der Willkür zu unterwerfen sucht? (...) Über dem Zehnten Evangelischen Kirchentag lag nicht nur der Schatten des zweigeteilten Berlins. Zugleich stand hinter all dem das unheimliche Anschwellen des Flüchtlingsstroms aus der Zone. Wenige Kilometer von den Messehallen, dem Tagungsort entfernt, stauten sich in Schlangen erschöpfte, verängstigte Menschen, die für ein Dasein in Freiheit Heimat und Existenz preisgegeben haben. Seit acht Jahren hatte es im Notaufnahmelager Marienfelde einen solchen Zustrom nicht gegeben.

Wolfgang Höpker in der Berichtausgabe von "Christ und Welt"

Die Bilder aus dem Bundesarchiv sind in Kooperation mit der Wikimedia Foundation unter Creative Commons 3.0 lizensiert.

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