Das Plakat zeigt zwei männliche Köpfe und die Losung "Wir sind doch Brüder"

Berlin 1951

3. Deutscher Evangelischer Kirchentag 1951
11. bis 17. Juli

"Den Raum schaffen, in dem sich das zerrissene Deutschland wieder verstehen kann."

Wir sind doch Brüder

Leitwort des 3. Deutschen Evangelischen Kirchentages

Zum Geleit

Zwei Deutsche Evangelische Kirchentage haben wir in der Nachkriegszeit auf deutschem Boden erlebt. Das erstemal kamen wir 1949 in Hannover zusammen im niedersächsischen Bauernvolk und inmitten vieler Neubürger dort im Land, das zweitemal in Essen 1950 als Gäste der Industriebevölkerung an Rhein, Ruhr und Wupper. in diesem Jahr gehen wir nun nach Berlin, an die Stelle, wo sich die östliche und die westliche Welt auf engem Raum begegnen. Wenn Christen sich treffen, dann ist solch ein Zusammensein nicht vergleichbar mit sonstigen Begegnungsversuchen der Welt. Die Christen verbindet nicht eine gemeinsame Ideologie oder Weltanschauung, sie bindet der gemeinsame Herr. Weil von Jesus Christus die Rede sein soll in Berlin, weil wir dort miteinander froh werden wollen im Austausch der Erfahrungen, die wir im Osten und im Westen mit dem lebendigen Gott gemacht haben, darum können wir in Berlin als Glieder der deutschen evangelischen Kirche zusammenkommen und eine Gemeinde sein. Wir brauchen den Austausch. Gott schenkt seinen Reichtum hüben und drüben und zeigt uns die Formen eines praktischen Christengehorsams dort und hier. Davon ist auf den Seiten dieses Vorbereitungsheftes die Rede. Daß wir uns vorbereitet treffen, ist der Sinn dieses Heftes. Laßt uns vorher darüber nachdenken, was Gott an uns tut und was Gott von uns will, ehe wir uns zum Deutschen Evangelischen Kirchentag 1951 in Berlin aufmachen. Dann werden uns die Berliner Tage viel bedeuten, und wir können als Beschenkte im Alltag Zeugnis geben von der Barmherzigkeit Gottes, die aus uns Brüder machte. Wer nicht nach Berlin kommen kann, der helfe, daß andere teilnehmen können. Wer sich die weite Reise aus gewichtigen Gründen versagen muß, der helfe mit an der geistigen und gedanklichen Vorarbeit. Vor allein brauchen wir die Christen, die das Wagnis mit fürbittendem Gedenken und mit den Opfergaben ihrer Liebe mittragen. Wir sind doch Brüder.

Otto Dibelius, Evangelischer Bischof von Berlin, und Reinold von Thadden-Trieglaff, Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages, im Vorbereitungsheft

Schlussversammlung des Kirchentages 1951

Auszug aus dem Tagungsprogramm

Mittwoch, 11. Juli

Am Morgen
Rüststunde
für alle Mitarbeiter, Referenten und Predigende

Am Nachmittag
Eröffnung des Deutschen Evangelischen Kirchentages

Am Abend
Eröffnungsgottesdienst

Donnerstag, 12. Juli

Am Morgen: Abendmahl am Morgen · Gebetsgemeinschaft · Morgensegen · Die Botschaft der Bibel · Singkreise

Vorträge in den Arbeitsgruppen an vier verschiedenen Orten

Wir sind doch Brüder

in der Kirche

Arbeitsgruppe I ......... Wozu ist die Kirche da?

zu Hause

Arbeitsgruppe II ......... Wem gehören unsere Kinder?

im Volk

Arbeitsgruppe III ........... Macht die Macht böse?

bei der Arbeit

Arbeitsgruppe IV ........... Wofür arbeiten wir eigentlich?

Am Nachmittag

Aussprache über das Thema vom Vormittag
Kulturelle Veranstaltungen

Am Abend

Abend der Begegnungen
Abendmahl am Abend

Programmheft des Kirchentages 1951

Grußwort des Präsidenten

Zum dritten Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin grüße ich all Brüder und Schwestern aus unseren Evangelischen Landes- und Freikirchen im Osten und Westen unseres Vaterlandes sowie alle unsere lieben Gäste aus der ökumenischen Welt mit einem herzlichen Willkommen.

Im vergangenen Jahr haben wir uns in Essen getroffen, uns im Zentrum des rheinisch-westfälischen. Industriegebietes versammelt, um dort den modernen Menschen unserer Zeit aufzusuchen. Den Menschen der Arbeit an der Stätte seines Lebenskampfes und seiner Mühsale, an der Stätte seiner Hoffnungen und Enttäuschungen, am Ort seines Kollektivdaseins im Massenzusammenstrom der großen Städte und am Ort seiner verborgenen Einsamkeit.

In diesem Jahr sind wir nach Berlin gekommen, um aufs neue auf die Suche zu gehen. Vielleicht auf die Suche nach dem Familienangehörigen, den man lange nicht wiedersah, auf die Suche nach dem Heimatgefährten vergangener Tage, auf die Suche nach dem deutschen Landsmann, dem wir uns von Herzen zugehörig fühlen. Aber doch noch viel mehr auf die Suche nach dem evangelischen Glaubensgenossen am Rande und vor den Toren der Kirche, auf die Suche nach dem christlichen „Bruder", der uns in der Gemeinde Jesu Christi begegnet.

"Wir sind doch Brüder"

Das soll das Leitwort unseres Kirchentages im Jahre 1951 sein. Wir freuen uns, daß uns diese Losung durch die Tage begleitet, und meinen, daß sie uns wie kaum eine andere beieinander hält. Aber wir nehmen sie nicht als eine leere Redensart, nicht als platte Selbstverständlichkeit in dem Sprachgebrauch bürgerlich-gemütlicher Verbrüderungsfeste, nicht als allgemeines idealistisches oder politisches Programm. Sondern wir verstehen sie als Geschenk der Barmherzigkeit Gottes. Als das Angebot einer neuen Existenzmöglichkeit in der Gemeinschaft der Jünger und Jüngerinnen Jesu Christi. Als die Frucht des Heiligen Geistes, wo immer Er Raum gewinnt in unseren Herzen und Seine Herrschaft antritt in unserem Leben. Als lebendige und mit Freuden in die Tat umgesetzte Bereitschaft von Christen diesseits und Jenseits der Grenzen, es in Zukunft ernster zu nehmen als bisher mit ihrer Verantwortung „für den andern", mit ihrer Anteilnahme. mit ihrer tragenden und vergebenden Liebe, 'mit ihrer Fürbitte, mit ihrem Dienst.

"Soll ich meines Bruders Hüter sein?"

Das war die fast höhnische Gegenfrage Kains auf Gottes Anruf ganz am Anfang der Menschengeschichte, als er seinen Bruder Abel erschlagen hatte. Und unzählige Millionen bis in die Gegenwart hinein haben seither theoretisch wie praktisch seine skeptische Lebensweisheit übernommen, um dementsprechend zu verfahren.

"Soll ich meines Bruders Hüter sein?"

Auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin wollen wir antworten: Ja, wir sind unseres Bruders Hüter. Wir dürfen es sein.

Reinold von Thadden-Trieglaff im Programmheft

Unter den Linden und Friedrichsstraße, zum Kirchentag geschmückt

Grußwort des Propstes

Die Evangelische Kirche in Berlin grüßt zum Deutschen Evangelischen Kirchentag alle ihre Gäste aus Nord und Süd, Ost und West. Inmitten unserer Stadt, die aus so vielen Wunden geblutet hat und noch heute ein so erschütterndes Bild der Zerrissenheit bietet, lebt eine Gemeinde, die sich darauf freut, mit ihren Brüdern und Schwestern aus aller Welt gemeinsam ihren Herren zu bekennen. Wo Er, Jesus Christus, an-gebetet und gepriesen wird, da ist Befreiung von den Mächten der Finsternis, da allein ist Friede im Streit, Trost in aller Not, Kraft und Zuversicht in aller Hoffnungslosigkeit.

Um Ihn allein geht es auf diesem Kirchentag. Er will mit Seinem Wort zu Gehör kommen, wo wir der Worte müde geworden sind. Er will Rat geben, wo wir in den Wirrnissen unserer Tage uns nicht mehr zurechtfinden. Er will Bruderschaft stiften, wo einer des anderen Feind geworden ist. Darum flehen wir zu Gott für diesen Kirchentag: Er wolle alles Volk, das hier zusammenkommt, durch Seinen Geist zu einer einzigen großen Gemeinde machen, die aus einem Munde ihren Herrn lobt und Seinem Winke in neuem Gehorsam gewärtig ist. Berlin ist die Stadt Paul Gerhardts. Die Nikolaikirche im Zentrum Berlins, auf deren Kanzel er gestanden hat, ist nur noch eine Ruine. Aber das Wort, das er in den Schrecken des Dreißigjährigen Krieges verkündigte, das Lied, das er gesungen hat, lebt unter uns. Mit dem großen Sänger unserer Kirche fassen wir im Gebet zusammen, was uns auf unserem Kirchentag in Berlin bewegen soll:

Du, Herr, hast selbst. in Händen
die ganze weite Welt, kannst Menschenherzen wenden,
wie Dir es wohlgefällt;
so gib doch Deine Gnad
zu Fried- und Liebesbanden,
verknüpf in allen Landen,
was sich getrennet hat.

Hans Böhm im Programmheft

Die Gastgeber

Die berlinischen Mannsleute sind nun einmal despektierlich. Sie lieben keine Pose, sie reagieren "sauer", wenn man ihnen allzu hoheitsvoll gegenübertritt. Kurz und gut, "meckern" ist ein Wort, das in Berlin geboren wurde. Man meckert selbst da, wo man liebt. Minister und Bürgermeister — und am Ende sogar Pfarrer — können das bezeugen. In das schäumende Lob den scharfen Tropfen Ironie zu mischen, ist typische Eigenart der berlinischen Mannsleute.

Es soll aber niemand kommen und nun etwa behaupten, Kritik wäre das wichtigste der Ingredienzien, aus denen der Berliner so wunderbar zusammengesetzt ist. Denn der Berliner ist pünktlich! Und er ist fleißig! Beides vielleicht, so sagen fremde Beobachter, in zu großem Maße: pünktlich um der Pünktlichkeit willen, fleißig, der Arbeit an sich zuliebe. Das würde bedeuten, er versteht die köstliche Kunst des Ausruhens nicht, muß immer, sogar wahrend des Urlaubs, in Betrieb sein. Stimmt! Aber gehen Sie mal an die Krumme Lanke, an den Wannsee, in den Tegeler Stadtforst. Es stimmt eben auch wieder nicht, der Berliner hat das Wort Meckern erfunden, er hat sich auch das Wort „Aalen" geschafft.

Aus dem Programmheft

Anhängermedaillon zum Kirchentag 1951

Hinweis für die Teilnehmer

Liebe Brüder und Schwestern! Der Kirchentag wurde unter vielen Opfern vorbereitet. Auch seine Durchführung ist nur möglich, wenn wir alle bereit sind, Opfer auf uns zu nehmen. Seid darum bei Schwierigkeiten nicht ungefällig, sondern guten Mutes. Mit fröhlichem Sinn lässt sich sich alles viel leichter überwinden und vergessen wir niemals das Thema des Kirchentages: "Wir sind doch Brüder"

Aus dem Programmheft

Gemeinschaftsquartiere

Bei der überaus großen Zahl der Kirchentagsteilnehmer müssen wir einen großen Teil in Gemeinschaftsquartieren unterbringen. Wir bitten Sie, in diesen Quartieren den Anordnungen der eingesetzten Ordner Folge zu leisten und mitzuhelfen, daß auch in den Quartieren alle Teilnehmer Gelegenheit zum Ausruhen und Schlafen bekommen. Viel Brüderlichkeit kann gerade in diesen Quartieren geschehen.

Aus dem Programmheft

Die zerstörte Friedrichstraße, geschmückt für den Kirchentag

Der Ruf zur Bruderschaft

Das für die Dreimillionenstadt Berlin fast Unfaßbare ist geschehen: Der Ruf der christlichen Gemeinde hat diese ganze Stadt und etwa 150 000 Menschen aus ganz Deutschland und der er Welt in seinen Bann gezogen. Der Kirchentag hat den Raum geschaffen, in dem sich das zerrissene Deutschland wieder verstehen konnte. Das Geheimnis dafür lag in der Losung: "Wir sind doch Brüder!"

Ein besonderes Zeichen dieser umfassenden Begegnung in Reden, Diskussionen und Gesprächen war die Atmosphäre der Freiheit, die den gesamten Bereich des Kirchentages beherrschte. Daß jeder seine Meinung sagen durfte und daß sich trotzdem keine Massenagitation durchsetzte, ist ein Hinweis darauf, daß diese Freiheit aus einer Bindung entspringt. Es ist die Bindung an den gemeinsamen Herrn, der in allen Teilen der Weit die letzte Herrschaft hat.

Diese Freiheit hat den Weg zur Bruderschaft geöffnet, weil sie frei macht von der Angst vor dem anderen und das Herz befreit zur Liebe gegen den anderen. Die Losung, die zur Bruderschaft rief, ist nicht nur ein Appell geblieben, sondern sie hat sich in den zahllosen Gesprächen und Begegnungen dieser Tage auf Schritt und Tritt verwirklicht. Der Geist Gottes, der am Pfingstfest in die Welt einbrach, hat auch in diesen Tagen – angefangen von der morgendlichen Gebetsgemeinschaft bis hin zu den großen Versammlungen – ein umfassendes Wunder unter uns vollbracht.

Aus der Kirchentagszeitung

Stadtplan von Berlin 1951

Programmvorschläge für einen Berlin-Bummel

Bei einem Tag Aufenthalt:

    vormittags: Große Stadtrundfahrt
    nachmittags: Kurfürstendamm-Bummel
    abends: Oper, Theater, Kino oder Kabarett

Bei 3 Tagen Aufenthalt:

    1. Tag wie oben

    2. Tag

    vormittags: Botanisches Museum und Garten
    nachmittags: Ausstellungsgelände mit Blumengarten am Funkturm oder Janika-Dachgarten am Fehrbelliner Platz
    abends: Kino oder Varieté

    3. Tag

    vormittags: Zoologischer Garten oder Museum für Völkerkunde

Aus dem Programmheft

Die Bilder aus dem Bundesarchiv sind in Kooperation mit der Wikimedia Foundation unter Creative Commons 3.0 lizensiert.

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