Pressekonferenz zur Vorstellung der Losung

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Diese Themen und Worte prägen einen Kirchentag

Die Losung eines Kirchentages ist der Leitgedanke, an dem sich alle Vorbereitungen und Veranstaltungen inhaltlich orientieren. Sie entstammt einem Bibelzitat und wird vom Präsidium beschlossen. Der Deutsche Evangelische Kirchentag in Berlin und Wittenberg steht unter der Losung "Du siehst mich" aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 16, Vers 13.

Markus Dröge, Christina Aus der Au und Ellen Uberschär präsentieren die Losung "Du siehst mich" vor dem Berliner Dom

Christina Aus der Au: Ein Blick ohne Vorbedingungen

Porträt von Christina Aus der Au

„Du siehst mich“ – diese Losung hat das Präsidium am Samstag für den 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages 2017 in Berlin und Wittenberg beschlossen.

„Du siehst mich“. Dieser besondere Kirchentag 2017 hat nun eine Überschrift. Der Kirchentag, an dem wir auch 500 Jahre Reformation feiern, der in Berlin und Wittenberg stattfinden wird und in acht mitteldeutschen Städten bei den Kirchentagen auf dem Weg – auf dem Weg zum großen Festgottesdienst in Wittenberg.

„Du siehst mich“. Du, Gott, siehst mich Mensch. Dies ist im 1. Buch Mose die Erkenntnis von Hagar, einer jungen Frau auf der Flucht. Ihr ist Unrecht geschehen. Gott sieht sie. Er sieht ihre Situation und gibt Rat. Hagar fühlt sich wahrgenommen und beachtet. Daraus schöpft sie Kraft.

Angesehen sein, wahrgenommen werden. Diese Sehnsucht ist groß. Dafür schicken wir permanent Bilder von uns selbst in die Welt, per Selfie, Facebook und Whatsapp. Doch wirklich gemeint sein – das geht tiefer.

„Du siehst mich“. Du, Mensch, siehst mich Mensch. Die Freude darüber, dass mich jemand sieht und sich für mich interessiert, die kennt Jede und Jeder. Das verbindet Menschen untereinander, egal ob, was oder an wen sie glauben. Der Kirchentag kommt nach Berlin, in diese säkulare und zugleich multireligiöse Stadt. Er will sich nicht nur auf das Messegelände zurückziehen. Sondern seine über 100.000 Teilnehmenden werden in der Stadt unterwegs sein, wollen sehen, wahrnehmen und fragen: Wer bist du? Was ist dir wichtig? Was macht dich aus?

In Berlin ist nichts, was mit Religion zu tun hat, selbstverständlich. Deswegen wird der Kirchentag fragen: Wie können wir verständlich reden; davon, dass wir glauben, dass Gott uns ansieht? Welche neue Sprache brauchen wir, um gemeinsam über Dinge zu sprechen, die jeden Menschen in seinem Innersten bewegen? Christinnen und Christen sind eine gesellschaftliche Kraft, aber sie sind Teil eines Ganzen. Daraus ergeben sich Blicke auf Augenhöhe für ein neues Miteinander.

Der reformatorische Aufbruch vor 500 Jahren war ein Ausbruch aus alten Gewohnheiten. Reformation ist Veränderung. Wie brechen wir heute auf, mutig, kreativ und mit Kraft, um Herausforderungen von Klimakrise, Wirtschaftskrise, Finanzkrise, Friedenskrise zu begegnen?

Aber auch umgekehrt: Wie halten wir Stand in Zeiten rasanter Transformationsprozesse. Was trägt und was ist überhaupt noch gewiss? Was hält Gesellschaft zusammen, wenn alte Gewissheiten wegzubrechen drohen? Gibt es Grenzen der Toleranz?

„Du siehst mich“. Das fordert auch dazu auf, sich den vor Krieg und Gewalt Flüchtenden zuzuwenden. Die langfristige Integration dieser Menschen steht als immense Aufgabe vor uns. Leben in Vielfalt. Gerade in Berlin schon immer. Wir wollen Gesellschaft neu denken. Wie kann Gemeinschaft bestehen bleiben, wo sich ganze Landstriche im Osten Deutschlands, auch in Brandenburg entvölkern? Und wie kann Gemeinschaft entstehen, wo jeden Tag Neues und auch Fremdes hinzukommt? Wir sollten damit beginnen, dass wir hinsehen, ansehen, annehmen – und auch uns ansehen und anfragen lassen.

Christinnen und Christen wissen sich selbst angesehen und angenommen, und darum haben sie einen offenen Raum, sich anderen zu zuwenden. Gesehen zu sein und selbst hinzusehen lässt Solidarität entstehen. Mit denen, die nahe sind, europäisch und weltweit. Als Menschen verbunden.

„Du siehst mich“. Und davon lebe ich. Der Blick ohne Vorbedingungen. Hinsehen, wo Menschen nicht das Nötige haben zum guten Leben, wo sie am Rand stehen oder abgehängt sind. Sie nicht verloren geben, sie nicht einfach ignorieren. Aus der Losung ergibt sich eine Aufmerksamkeit für soziale Themen in Berlin: Gentrifizierung, Anonymisierung und Obdachlosigkeit; aber auch für die Frage des Wohnens in einer wachsenden Stadt.

Der Kirchentag bringt Menschen zusammen, die sich engagieren und die kritisch diskutieren. Menschen, die den anderen nicht aus dem Blick verlieren wollen und die zugleich genau hinsehen. So wird der Kirchentag im Mai 2017 eine Plattform sein, auf der wenige Monate vor der Bundestagswahl verhandelt wird, wie sich die Menschen in einer wachen Zivilgesellschaft verbinden gegen das Aushöhlen der Demokratie von rechts, für Integration und neues Miteinander, für Solidarität im eigenen Land und weltweit.

„Du siehst mich“. Eine tolle Losung für die Kirchentage auf dem Weg in den Städten in Mitteldeutschland und für den Kirchentag 2017 in Berlin und Wittenberg!

Ellen Ueberschär: Sehen stiftet Beziehung

Porträt von Ellen Ueberschär

Du siehst mich – Losungen für Kirchentage sind Einladungen zum Gespräch über Gott und die Welt. Die Losung für den Berliner Kirchentag greift zum Reformationsjubiläum ein Thema auf, mit dem der Protestantismus sonst weniger identifiziert wird – das Visuelle. In der Bibel ist Sehen immer mehr als gucken, glotzen, herumschauen. Sehen ist mehrdimensional und hat eine besondere Qualität. Der Kontext der Losung, die Geschichte der Sklavin Hagar, die erst als Leihmutter herhalten muss und dann von ihrer Herrin so gedemütigt wird, dass sie flieht, ist keine Nacherzählung menschlicher Tragödien. Die Erzählungen über die Familien der Erzeltern Israels im 1. Buch Mose erheben nicht den Anspruch, historische Erzählungen zu sein. Sie sind Ursprungslegenden des Volkes Israel, das sich selbst beschreibt – als ursprünglich fremd im Land, aber aus einer Ur-Familie stammend. Abraham und Sara sind seine Erzeltern, deren Nachkommen sich vielfach verzweigen.

Mit heutigen Maßstäben bewertet sind die Geschichten problematisch im Blick auf die Rolle der Frauen und auf den Umgang mit Gewalt. Umso wichtiger ist es, sie in ihren ursprünglichen Kontext einzuordnen und auf die Besonderheiten dieser Geschichte zu achten:

Hagar, die geflohene Sklavin, schwanger und schutzlos, hält sich in der Wüste auf, dem Raum des Todes. Von dort aus gibt es nur dunkle Wege – entweder zurück in die Demütigung oder in ein langsames, qualvolles Sterben.

Im Kern der Erzählung, aus dem die Losung unmittelbar entnommen ist, entwickelt sich Erstaunliches: An einer Wasserquelle in der Wüste trifft Hagar einen Engel, der sie zurückschickt, ihr aber eine doppelte Verheißung mit auf den Weg gibt: Ihre Nachkommen werden zahlreich sein und ihr Sohn Ismael wird seinen Brüdern trotzen und als freier Mensch im Land wohnen. Zu diesem Engel sagt Hagar „Du bist ein Gott, der mich sieht“ (1. Mose 16,13). Hagars Geschichte geht weiter: Als sie aus dem Familienverband erneut – mit dem Kind – weggeschickt wird und wiederum dem Todesraum der Wüste ausgesetzt ist, nimmt sich Gott ihrer an und rettet sie (1. Mose 21). Nach dieser zweiten Gottesbegegnung in der Wüste leben Hagar und Ismael als freie Menschen.

Zwei Dinge fallen auf:

1) Hagar selbst gibt Gott einen Namen, der ihr eigenes Leben umwertet: In diesem Moment ist sie mehr als eine rechtlose Frau. Von Gott gesehen eröffnen sich ihr neue Lebensmöglichkeiten und Handlungsfreiheiten. Von Gott angesehen zu werden, begründet die Würde des Menschen als Gottes Geschöpf. Gottes Sehen meint ein Anerkennen und Retten. Dieses Sehen stiftet Beziehung.

2) Hagar bekommt als rechtlose Frau eine Verheißung, die in der Bibel sonst nur Männern zugesprochen wird: Zahlreiche Nachkommen. Das biblische Denken in Generationen ist ein Synonym für das Leben selbst. Verheißungen sind Potenziale der Zuwendung Gottes, Lebensmöglichkeiten, die Menschen ausschöpfen sollen und können. Gott verheißt der verzweifelten Hagar und ihrem Sohn eine gute Zukunft, die zwar voller Konflikte sein wird, aber ein Leben in Freiheit bedeutet.

Aus dem biblischen Kontext der Losung ergeben sich mehrere Anknüpfungspunkte für den Kirchentag in Berlin:

1) Sehen stiftet Beziehung, nicht nur mit Gott, sondern auch im Miteinander aller Menschen. Ansehen bedeutet Anerkennen und Wertschätzen. Wegsehen ist Mißachtung und Ignoranz.

2) Hagar ist eine Frauengestalt, die in einer patriarchalen Gesellschaft Selbstwirksamkeit erlangt und eine Freiheitsverheißung bekommt.

3) Hagar wird im Neuen Testament erwähnt, ihre Geschichte wird in den Hadithen, den Sammlungen der Aussprüche Mohammeds, ausgeschmückt. Weil sie aus dem Umkreis der Abraham-Geschichten stammt, ergeben sich Verbindungslinien und Anknüpfungspunkte für den interreligiösen Dialog.

Du siehst mich – ein Satz, der über den biblischen Kontext hinaus auch heute Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung aussagt.

Markus Dröge: Ein Kirchentag voller Aufmerksamkeit

„Du siehst mich!“ (1. Mose 16,13) – die Losung für den Deutschen Evangelischen Kirchentag 2017 hat mich sofort fasziniert und inspiriert! „Du siehst mich!“ – Jemand schaut mich aufmerksam an. Und sofort steht mir vor Augen, was heute alles aufgeboten wird, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Was wird nicht alles ins Netz gestellt, damit die Klickzahl steigt. Nur wer gesehen wird, ist etwas wert; kann sich entwickeln, kann etwas bewegen.

„Du siehst mich!“ – das ist eine gute Losung für einen Kirchentag in Berlin. Denn hier in der Bundesmetropole gibt es eine ständige gespannte Aufmerksamkeit. Hier wird genau hingesehen, was Politiker sagen oder lieber nicht gesagt hätten; was Künstler aufbieten, um das Erwartbare zu durchbrechen. Hier wird auch genau beobachtet, ob das, was die Kirchen und Religionsgemeinschaften sagen, dem kritischen Hinterfragen standhält. „Du siehst mich!“ – eine inspirierende Losung für einen Kirchentag, der spannend zu werden verspricht.

„Du siehst mich!“ – das sagt eine junge, schwangere Frau auf der Flucht. Sie hat die Heimat verlassen, weil es dort nicht mehr zum Aushalten war. In einem Engel, der ihr Mut macht, begegnet sie Gott und spricht ihn an: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Das ist der biblische Kontext der Kirchentagslosung. Ich bin gespannt, wie diese Losung uns im Jahr 2017 anregen wird, das Evangelium in die Probleme, die Herausforderungen und die aktuellen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Streitfragen hineinzusprechen.

„Du siehst mich!“ – eine gute Losung für den Kirchentag des Jubiläumsjahres 2017. 500 Jahre Reformation: Ein an sich selbst verzweifelter Mönch hat entdeckt, dass ein gnädiger Gott ihn anschaut. Und das hat ihn verändert. Und dann die Welt. Seine theologischen Erkenntnisse haben die Kirche reformiert, seine Bibelübersetzung die Einheit der deutschen Sprache befördert, sein Katechismus eine Bildungsbewegung begründet. Seine Ermutigung, das eigene Gewissen durch selbstständige Bibellektüre zu schärfen, hat den Wert der Gewissenfreiheit bewusst gemacht und den Weg in die Neuzeit mit bereitet. „Du siehst mich!“ - Die Kirchentagslosung reizt, die Bedeutung der Reformation noch einmal anders in den Blick zu nehmen und wieder neu zu verstehen, wie befreiend es ist, Wertschätzung bei Gott zu genießen.

„Du siehst mich!“ – Ich freue mich, dass ich jetzt mit dieser Losung auf den Kirchentag 2017 zugehen kann. Mit ihr wünsche ich mir einen Kirchentag voller Aufmerksamkeit: aufmerksam für Menschen ohne Ansehen, in einer Stadt, in der arm und reich weit auseinanderklafft; aufmerksam für politische Entwicklungen, in einer sich rasant verändernden Gesellschaft; aufmerksam für Menschen, die nicht oder anders an Gott glauben, hier im Osten Deutschlands und in einer Stadt voller kultureller und weltanschaulicher Gegensätze; aufmerksam für eine Kirche, die sich ändert, weil sie sich ändern muss.?

Der Kirchentag 2017 wird ein besonderer Kirchentag werden. Im Jubiläumsjahr der Reformation wird er in Berlin und in Potsdam gefeiert und mit einem einmaligen Festgottesdienst in der Reformationsstadt Wittenberg beendet. Jetzt hat dieser besondere Kirchentag auch eine ganz besondere Losung: „Du siehst mich!“ Wir in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz sind heute schon in der Vorbereitung unterwegs, voller Erwartung. Und wir freuen uns Gastgeberin dieses besonderen Kirchentages zu sein!

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