Ein Fernsehreporter interviewt Christina Aus der Au

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In unserer Datenbank haben Sie die Möglichkeit, Redebeiträge von Referenten auf dem Kirchentag in Berlin und Wittenberg einzusehen. Diese Sammlung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; wir veröffentlichen alles, was uns Referentinnen und Referenten zur Verfügung stellen. Die Dokumentationsrechte für ganze Texte liegen bei den Urheberinnen und Urhebern.

 

Do
09.30–10.30
2
Bibelarbeiten am Donnerstag
Bibelarbeit B. Schlink
Prof. Dr. Bernhard Schlink, Schriftsteller und Jurist, Berlin

1.

Bevor Lukas uns die Weihnachtsgeschichte erzählt, "Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging ...", erzählt er uns in einem Prolog die Geschichte von Maria und Elisabeth. Sie ist eine Geschichte voller Wunder – ein Prolog des wunderreichen Evangeliums   

Elisabeth ist, obwohl unfruchtbar und kinderlos, in hohem Alter nach einer entsprechenden Verheißung des Engels Gabriel an ihren Mann Zacharias mit Johannes dem Täufer schwanger geworden – das erste Wunder. Der Engel Gabriel besucht auch die mit Elisabeth befreundete Maria und verheißt ihr, dass der heilige Geist über sie kommen und sie Jesus, Gottes Sohn gebären werde – das zweite Wunder. Bei diesem Besuch schickt der Engel Gabriel, ohne es sagen zu müssen, Maria auf eine Reise zu Elisabeth, die im sechsten Monat schwanger ist.

Maria geht – damit fängt der Text der Bibelarbeit an. Sie kommt zu Elisabeth, begrüßt sie, und das dritte Wunder ereignet sich. Der ungeborene Johannes hüpft im Leib Elisabeths, weil der heilige Geist über Elisabeth und auch über ihn kommt. Der heilige Geist lässt Elisabeth erkennen, dass Maria schwanger ist, dass sie und die Frucht ihres Leibes gesegnet sind, dass sie Jesus gebären und die Mutter des Sohnes Gottes sein wird. Er lässt den ungeborenen Johannes erkennen, dass er dem ungeborenen Jesus begegnet. Wie Elisabeth von der Gegenwart Mariens, der Mutter des Sohnes Gottes, überwältigt ist, ist es auch der ungeborene Johannes von der Gegenwart des ungeborenen Jesus; wie sie Maria mit ihren Worten begrüßt, begrüßt er ihn mit seinem Hüpfen.

Die schwangere Elisabeth und die schwangere Maria, der ungeborene Johannes der Täufer und der ungeborene Jesus – in dieser doppelten Begegnung und Begrüßung scheint auf, was sich später ereignen wird. Wie der ungeborene Johannes der Täufer den ungeborenen Jesus begrüßt, wird er ihn später als den Messias erkennen und ihm den Weg bereiten. Wie die schwangere Elisabeth sich vor der schwangeren Maria erniedrigt, wird sich später Johannes der Täufer vor Jesus erniedrigen, und wie Maria darauf demütig reagiert, wird Jesus später Demut gegenüber Johannes dem Täufer zeigen. 

Von Elisabeth erfahren wir im Text der Bibelarbeit nur noch am Ende, dass Maria drei Monate bei ihr bleibt, vielleicht bis zur Geburt Johannes des Täufers, von der im Anschluss an den Text der Bibelarbeit berichtet wird. Luther stellt sich vor, dass Maria der schwangeren Elisabeth gedient hat, und sieht auch darin ihre Demut bewiesen und Jesu Demut aufscheinen. 

Maria stimmt nach der Begrüßung das Lob und den Preis Gottes an – das sogenannte Magnifikat Mariens. Es beginnt persönlich; Maria freut sich Gottes, ihres Heilands, weil er große Dinge an ihr getan hat und alle kommenden Geschlechter sie selig preisen werden. Dann wird das Magnifikat allgemein; Maria lobt und preist Gott, der zu denen, die ihm Ehrfurcht erweisen, barmherzig ist und die, die überheblich sind, gewaltsam auseinander treibt, der die Erniedrigten erhöht und die Mächtigen von ihren Thronen stößt, der die Hungrigen versorgt und die Reichen leer ausgehen lässt. Das Magnifikat endet mit Lob und Preis dafür, dass Gott an Israel erfüllt, was er Abraham und dessen Nachkommen verheißen hat.

Erstaunlich ist, dass Maria Gottes Tun als gegenwärtiges Tun lobt und preist. Als geschehe es hier und jetzt, dass Gott die belohnt, die ihn fürchten, und die bestraft, die sich über ihn erheben, als geschehe es hier und jetzt, dass er die Erniedrigten aufrichtet und die Mächtigen stürzt, als beseitige er den Hunger hier und jetzt. Ich muss Ihnen den desolaten Zustand der Welt nicht beschreiben. Sie kennen ihn so gut wie ich. Gott lässt Unrecht, Gewalt und Not geschehen, hier und jetzt, und er hat es auch zu Marias Zeit geschehen lassen. Was also soll das Präsens, in dem Maria spricht?

Die traditionelle theologische Erklärung geht dahin, dass Gott Unrecht, Gewalt und Not nicht für immer geschehen lassen werde. Am Ende der Tage werde er eine gute Ordnung der Gerechtigkeit und der Freiheit von Gewalt und Not schaffen. Mit Jesu Empfängnis beginne schon die Wende zu dieser guten Ordnung. Weil sie mit Jesu Empfängnis schon beginne, könne Maria sie als gegenwärtige beschreiben, loben und preisen, und weil wir seit Jesu Kreuzestod, Auferstehung und Himmelfahrt um sie wüssten, könnten wir in den Lobpreis einstimmen. 

Vielleicht trifft die traditionelle theologische Erklärung, was Lukas meinte. Für ihn standen, anders als für uns, das Ende der Tage, die Wiederkehr Jesu und die von Gott geschaffene gute Ordnung nahe bevor. Wer sich in der Endzeit sieht, für den verschmelzen Gegenwart und Zukunft in eins. Auch wer sich nicht in der Endzeit sieht, mag Unrecht, Gewalt und Not in der Gewissheit ertragen, dass Gott am Ende der Tage alles erlittene Unrecht, alle erlittene Gewalt, alle erlittene Not heilen kann und wird. Die dies können, sind glückliche Gläubige. Noch glücklicher sind die Gläubigen, denen Unrecht, Gewalt und Not dieser Welt nur vordergründige Erscheinungen sind, hinter denen Gott in oft nicht wahrnehmbarer, oft nicht begreiflicher Weise durchaus Gerechtigkeit wirkt, Gewalt straft und Not wendet. 

2.

Aber Maria sieht sich nicht in der Endzeit, und lobt und preist Gott nicht wegen seines verborgenen Tuns oder seines zukünftigen Waltens am Ende der Tage. Sie lebt in einer Welt voller Unrecht, Gewalt und Not. Gleichwohl redet sie, als habe Gott Unrecht, Gewalt und Not schon beseitigt, preist und lobt sie Gottes Tun als gegenwärtiges Tun. Warum? Lassen Sie uns die Geschichte von Elisabeth und Maria einmal nicht als heilsgeschichtliche Verheißung lesen, sondern einfach als Geschichte. Als Geschichte von zwei Frauen.

Die eine, Elisabeth, ist alt, unfruchtbar, kinderlos. Die andere, Maria, ist jung, verlobt, und nach damaliger Vorstellung schon wie eine verheiratete Frau verpflichtet, den Verkehr mit einem anderen Mann zu meiden, wenn sie nicht wie eine Ehebrecherin be- und verurteilt werden will. Elisabeth wird wider alles Erwarten, ihr eigenes, das ihres Mannes, das ihrer Verwandten und Bekannten schwanger, und es ist schwer vorzustellen, dass sie die Schwangerschaft im hohen Alter nicht ebenso ängstigt wie freut – Altersschwangerschaften sind Risikoschwangerschaften. Maria hat eine Erscheinung; sie sieht und hört einen Engel, der ihr eine baldige Schwangerschaft ankündigt, obwohl sie mit keinem und vor allem nicht mit ihrem künftigen Mann geschlafen hat, der ihr also die Gefahr ankündigt, als Ehebrecherin verurteilt zu werden, und überdies die Geburt eines Sohnes, der eine großartige Rolle in der Welt spielen soll. Wie soll dies nicht auch sie in einen Aufruhr der Gefühle gestürzt haben: Erschrecken und Staunen, Hoffen und Bangen, Freude und Angst. Dann besucht Maria Elisabeth und wird von dieser, die von nichts wissen und auch noch nichts sehen kann, als Schwangere angesprochen, die einen Sohn gebären wird, der eine großartige Rolle in der Welt spielen wird, und dies mit einer Demut, die zu dem Verhältnis zwischen der alten und der jungen Frau eigentlich nicht passt. Elisabeth selbst muss sich gewundert haben, was da über sie gekommen ist, gewundert und geängstigt. Maria muss die Begrüßung durch Elisabeth ebenfalls seltsam vorgekommen sein, wunderlich, verwirrend und beängstigend. 

In dieser Situation setzt sie zum Lob und Preis Gottes an. Sie tut es, um sich und Elisabeth Mut zu machen. Damit ihnen nichts Schlimmes passiert, beschwört sie Gott, der nichts Schlimmes passieren lässt. Damit ihnen, den einfachen, bescheidenen, gottesfürchtigen Frauen durch ihre Schwangerschaften und in ihren Schwangerschaften, bei ihren Geburten und mit ihren Kindern, denen Großes geweissagt ist, weder die Mächtigen noch die, die sich über Gott und seine Gebote erheben, noch Hunger und Not etwas anhaben können, beschwört sie Gott, der den Mächtigen und Überheblichen wehrt und den Armen hilft. Der Gott, den sie lobt und preist, ist nicht der Gott, der so ist, sondern der, den sie so will. Deshalb singt sie in der Welt, in der sie und Elisabeth leben und in der von Gottes Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Hilfe nicht viel zu sehen ist, das Lied von Gottes Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Hilfe.

Sie kann nicht meinen, dass Gott wegen ihres Lobes und Preises der Gott wird, den sie will. Gott kann noch so sehr gelobt und gepriesen und noch so sehr angefleht werden, Unrecht, Gewalt und Not in der Welt zu beenden oder zu lindern – er tut es nicht. Aber darum sind Marias Lob und Preis nicht etwa töricht. Sie haben ihren Sinn und Zweck.

Wie das Pfeifen im Wald seinen Sinn und Zweck hat. Es ruft keine höhere Gewalt an, die schützen und helfen könnte. Es ruft auch keine Menschen herbei; wenn man auf sie hoffen könnte, würde man nach ihnen rufen, nicht einfach pfeifen. Es vertreibt keine wilden Tiere, es lockt sie vielleicht sogar an. Es ändert nichts an den Gefahren des dunklen Waldes, in dem man sich verirren oder in einem Moor versinken oder stolpern und stürzen kann. Es nützt nicht gegen das, was an der Situation gefährlich ist und Angst einflößt. Trotzdem pfeifen wir, und es macht uns Mut und tut uns gut.

Warum? Weil wir in atavistischer Tradition mit dem Geräusch unser Revier markieren wollen? Weil Musik die Aktivität des Mandelkerns, der für Angst zuständigen Region des Gehirns hemmt? Weil das Pfeifen uns von den uns umgebenden Gefahren und unserer Angst immerhin ablenkt? Das mag sein und trifft doch nicht das Wesentliche. Das Wesentliche ist die Vergewisserung der eigenen Existenz. Wer pfeift, vergewissert sich, dass er im dunklen Wald nicht verloren ist, nicht verloren gegangen ist und nicht verloren gehen wird, dass er nicht das bedrohte, hilflose Nichts ist, als das er sich in seiner Angst fühlt. Er vergewissert sich, indem er sich bemerkbar macht. Nicht einem anderen – wollte und könnte er sich einem anderen bemerkbar machen, würde er ihn rufen. Er macht sich sich selbst bemerkbar. Damit erinnert er sich daran, dass er noch lebt, dass er noch nicht aufgegeben hat und auch nicht aufgeben wird. Dass er ist. 

Auch Maria vergewissert sich. Sie vergewissert sich, dass sie als einfache, bescheidene, gottesfürchtige Frau mit und in ihrer Schwangerschaft, bei ihrer Geburt und mit ihrem Sohn, dem Großes geweissagt ist, darauf hoffen darf, nicht ein Opfer von Unrecht, Gewalt und Not zu werden. Obwohl die Welt des Unrechts, der Gewalt und der Not, in der sie lebt, und die Erscheinung des Engels und die Begegnung mit Elisabeth Gründe in Fülle bieten, verwirrt und ängstlich zu sein, gibt Maria der Verwirrung und der Angst nicht nach. Sie macht sich Hoffnung und Mut – und auch Elisabeth, die ihrem Lobpreis zuhört. Zwar macht der Gott, den Maria als gerecht, barmherzig und hilfreich lobt und preist, keine Anstalten, die Welt von Unrecht, Gewalt und Not zu befreien. Aber Maria singt den Lobpreis, der die Situation besser darstellt, als sie ist, weil er Mut macht – wie der, der im Wald pfeift, nicht eine Melodie seiner Misere pfeift, sondern eine, die Mut macht.

3.

So begegnen uns im Text der Bibelarbeit zwei Marias, die Maria der heilsgeschichtlichen Verheißung und die, die im Wald pfeift. Wer an Gottes verborgenes Walten oder daran glaubt, dass Gott am Ende der Tage alles Unrecht, Gewalt und Not heilen kann und wird, der mag sich an der Maria der heilsgeschichtlichen Verheißung freuen und mit ihr Unrecht, Gewalt und Not der Gegenwart als vordergründig oder vorübergehend vernachlässigen. Ich kann das nicht. Ich sehe mich nicht in der Endzeit und glaube weder an Gottes Wirken am Ende der Tage und dessen heilende Kraft noch an Gottes gegenwärtiges, aber verborgenes Gerechtigkeit wirkendes, Gewalt strafendes und Not wendendes Walten. Ich sehe die Welt voller Unrecht, Gewalt und Not als die Wirklichkeit, in der ich lebe; Gott hat sie geschehen lassen und lässt sie weiter geschehen. Daher ist mir die Maria näher, die nicht auf Gottes gute Ordnung am Ende der Zeit wartet und Unrecht, Gewalt und Not der Welt nicht als vordergründig oder vorübergehend vernachlässigt, sondern de ernst nimmt, wie es um die Welt steht, und weiß, dass wir Grund zur Angst haben. Die ihrer Angst aber nicht erliegt, sondern pfeift. 

Es ist die Maria für die, denen der Glaube wichtig ist, selbst wenn sie nicht an Heilsgeschichte, Endzeit und Jenseits glauben und auch nicht an die Jungfrauengeburt, an die Erlösung durch Jesu Kreuzestod, Auferstehung und Himmelfahrt und an die Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Das sind viele von uns, und es sind auch viele Theologen und Pfarrer, die ich kenne. Ich kenne kaum einen, der die biblischen Berichte und Verheißungen wörtlich nimmt; fast jeder versteht sie als Mythen, Allegorien und Metaphern. Dann wird die Vorstellung eines Jenseits, in dem wir uns in Fleisch und Blut auferstanden begegnen, zur Vorstellung, dass irgendwas von uns irgendwie nicht verloren geht und irgendwo weiter besteht; Jesu Wunder werden Inspirationen, mit Liebe Gutes zu tun; die Erlösung wird zur Befreiung aus Ängsten, Zwängen und dem Leiden an Schuld, ähnlich der Befreiung, die Psychoanalyse und -therapie versprechen; Auferstehung und Himmelfahrt werden zur Aufforderung, angesichts des Todes nicht zu verzweifeln; und der dreieinige Gott steht für die Vielgestalt, in der wir dem begegnen, was unsere Vorstellung und unsere Vernunft übersteigt, mag es als Gott, das Göttliche oder das Spirituelle erfahren werden. Damit leben viele von uns, Laien wie Theologen und Pfarrer. 

Wir tun es ein bisschen verschämt. Die Lieder, die wir singen, die Gebete, die wir beten, und die Liturgien und die Predigten nehmen die biblischen Berichte und Verheißungen immer noch wörtlich. Nun sind die Lieder und die Liturgie alt. Aber wie die Predigten sind die Gebete immer wieder neu, und sie bitten um Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Hilfe, als wären sie von Gott zu haben, der doch keine Anstalten macht, Unrecht, Gewalt und Not abzuwenden. Sie preisen und loben Gott, als habe er die Welt besser gemacht oder mache er sie besser, obwohl davon nichts zu sehen ist. Sie behaupten, was sie eigentlich nicht behaupten können, und versprechen, was sie eigentlich nicht versprechen können.

Dennoch sind sie nicht Lug und Trug. Sie sind unser Pfeifen im Wald. Unsere Gebete um Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Hilfe sind nicht töricht, denn wir machen uns mit ihnen in der Welt des Unrechts, der Gewalt und der Not Mut. Mut, angesichts des Unrechts, der Gewalt und der Not nicht zu verzweifeln, Mut, für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit einzutreten und Hilfe zu leisten, Mut, dies auch dann zu tun, wenn es scheinbar aussichtslos ist. Was für die Gebete gilt, gilt auch für die Predigten, Lieder und Liturgien. Sie machen uns Mut, in unseren Hoffnungen und Handlungen über das hinauszugehen, was die Welt, wie sie ist, an Möglichkeiten zu bieten und Hoffnungen zu erlauben scheint. Es schien vergebens, gegen das Unrecht des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten aufzustehen – die meisten von denen, die es gleichwohl taten, nahmen den Mut dazu aus ihrem Glauben an Gottes Gerechtigkeit. Die Not der Flüchtlinge in der Welt scheint so groß, dass Barmherzigkeit vor ihr nur kapitulieren kann – viele ziehen aus ihrem Glaube an Gottes Barmherzigkeit die Kraft, nicht zu kapitulieren. Die wirtschaftlichen Interessen, die den Hunger in der Welt verschulden, scheinen übermächtig – der Glauben an Gott, der die Hungrigen speist, kann Mut machen, sich dennoch für eine Welt ohne Hunger einzusetzen. 

Dabei ist das Wissen darum wichtig, dass andere den Glauben teilen, dass wir in unserem Einsatz für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit und in unserer Bereitschaft, Hilfe zu leisten, nicht alleine sind. Dass wir zu der Gemeinschaft der Heiligen gehören, die wir im dritten Teil des Glaubensbekenntnisses bekennen

Glaube ist Pfeifen im Wald. Wer an Gott glaubt, aber die Augen nicht verschließt, weiß, dass die Welt voller Unrecht, Gewalt und Not ist und dass Gott keine Anstalten macht, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen, die Gewalt zu überwinden und die Not zu beenden, es sei denn am Ende der Tage, für die meisten kein rechter Trost in schlimmer Zeit. Wer an Gott glaubt, aber die Augen nicht verschließt, weiß, dass er allen Grund hat, Angst zu haben – um die Welt, sein Land, seine Familie, sich selbst. Das gilt unabhängig davon, welches Buch seinen Glauben an Gott begleitet, das Alte Testament oder das Neue Testament oder der Koran. Und unabhängig vom Buch gilt auch, dass dessen Lektüre und die Gebete und Lieder, Predigten und Liturgien uns darin bestärken können, der Angst nicht zu erliegen, sondern mutig zu bleiben, uns um die Familie, das Land und die Welt zu kümmern, für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit einzutreten und Hilfe zu leisten. 

4.

Mit dem Pfeifen vergewissern wir uns. Wenn wir im finsteren Wald pfeifen, vergewissern wir uns, dass wir nicht das bedrohte, hilflose Nichts sind, als das wir uns in unserer Angst fühlen. Indem wir uns pfeifend bemerkbar machen, nicht einem anderen, aber uns selbst, vergewissern wir uns, dass wir noch leben, dass wir noch sind, vergewissern wir uns unserer Existenz. Das gibt uns Hoffnung und macht uns Mut.

Maria, die das Magnifikat pfeift, vergewissert sich, dass sie als einfache, bescheidene, gottesfürchtige Frau mit und in ihrer Schwangerschaft, bei ihrer Geburt und mit ihrem Sohn trotz aller Gefahren und Ängste mutig hoffen darf, alles werde gut werden. 

Auch mit unserem Glauben vergewissern wir uns, dass wir hoffen und mutig sein dürfen. Die Hoffnung und der Mut haben einen tiefen Grund. Ich meine nicht die Erlösung durch Jesu Tod am Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt, die Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist und Gottes Verheißung von Gericht und guter Ordnung am Ende der Zeit. Auch wer nicht daran glauben kann und doch in der Tradition dieses Glaubens und seiner Gebete und Lieder, Predigten und Liturgien lebt, nicht nur äußerlich, sondern mit freudiger innerer Anteilnahme, hat einen tiefen Grund, der ihn hoffen und mutig sein lässt und dessen er sich im Pfeifen vergewissert.

Bei allem Wissen, das wir haben und das sich von Generation zu Generation mehrt, können wir nicht wissen, dass unsere Existenz einen Sinn hat, wir können es nur glauben. Dass die  Gegenwart eine Zukunft hat, dass morgen nicht alles vorbei ist, sondern dass das Heute weiter geht, ist wahrscheinlich, aber wir wissen es nicht. Wir glauben es. Wir glauben es, indem wir unser Leben nicht nur in der Gegenwart, sondern in die Zukunft leben, indem wir im Vertrauen auf die Zukunft eine Ausbildung machen und einen Beruf wählen, heiraten, Kinder, haben, ein Auto kaufen, ein Haus bauen. Im Vertrauen auf die Zukunft planen, entscheiden und handeln wir, geben wir unserem Leben Gestalt, geben wir ihm einen Sinn.

Die Bedeutung des Vertrauens auf die Zukunft geht aber noch weiter. Er ist schon Voraussetzung dafür, dass wir uns mit unserer Vergangenheit, in unserer Gegenwart und für unsere Zukunft als der- oder dieselbe erleben und von anderen als der- oder dieselbe erkannt und geachtet werden. Er ist Voraussetzung dafür, dass wir Person sind, denn Person sein heißt eben dies: sich durch alle Veränderungen hindurch als der- oder dieselbe zu erleben und von anderen als der- oder dieselbe erkannt und geachtet zu werden. Von anderen geachtet zu werden verlangt, andere zu achten; das eine geht nicht ohne das andere und in beidem zusammen liegt der Anfang moralischen Verhaltens. 

Erst das Vertrauen auf die Zukunft macht uns zu Personen und moralischen Subjekten, gibt unseren Entscheidungen und Handlungen Bedeutung und unserer Existenz Sinn. Statt vom Vertrauen auf die Zukunft können wir vielleicht weniger anschaulich, aber besser und richtiger von einem Glauben an den Bestand der Welt oder daran sprechen, dass die Welt bei allen unsicheren, ungewissen, schwierigen und gefährdeten Bedingungen unseres Daseins als ein Ganzes erhalten bleibt, auf das wir vertrauen und in dem wir uns verhalten können.

Dieses Vertrauen lässt uns leben, hoffen und mutig sein. Seiner und damit des Sinns unserer Existenz vergewissern wir uns mit unserem Glauben. Man kann den Glauben auch ohne Religion haben. Man kann alles ohne Religion haben; Menschen können ohne Religion glücklich und ohne Religion moralisch sein, und Menschen haben sich ohne Religion für andere eingesetzt und geopfert. Aber darum bleibt der Glaube an Gott eine gute Weise, an den Bestand der Welt zu glauben, und dass wir uns in Gebeten und Liedern, Predigten und Liturgien unseres Glaubens an den Bestand der Welt in unserem Glauben an Gott vergewissern, hat seinen Reichtum und seine Schönheit. 

5.

Glaube ist Pfeifen in der Welt, und das Pfeifen ist sinnvoll, angesichts welchen Unrechts, welcher Gewalt und welcher Not auch immer wir die Lippen spitzen. Wie das Pfeifen im finsteren Wald stimmt, welche Angst auch immer uns plagt. Es gibt Hoffnung und macht Mut.

Maria lehrt uns noch ein Weiteres über das Pfeifen. Sie stimmt das Magnifikat, das Lob und den Preis Gottes an und freut sich. Sie freut sich daran, dass sie bei Elisabeth ist und wie sie von dieser begrüßt wurde. Sie freut sich, weil Gott ihr Gutes getan hat und Gutes tun wird. Sie freut sich vor allem, dass Gott insgesamt und überall Gutes tut – das er doch gar nicht tut. Dass er Gutes tut, obwohl er es nicht tut, ist ihr Pfeifen. Sie freut sich an ihrem Pfeifen. Sie setzt ihre Hoffnung und ihren Mut gegen die Wirklichkeit und tut es voller Freude. 

Wie das? Ist es nicht schwer genug, gegen Unrecht, Gewalt und Not in der Welt und gegen Gott, der Unrecht, Gewalt und Not in der Welt geschehen lässt, mutig zu hoffen? Was soll darüber hinaus die Freude? Um konkret zu werden: wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben, dass im Nahen Osten Frieden einkehrt, dass Flüchtlinge entweder in ihre Heimat zurückkehren oder bei uns integriert werden können, dass die Spaltung der Gesellschaft in die, die dazugehören, und die, die herausfallen, endet und dass die populistischen nationalistischen Bewegungen in Europa und Amerika letztlich erfolglos bleiben, und wir wollen mutig dafür eintreten. Aber welchen Grund zu Freude haben wir dabei?

Maria pfeift nicht, weil sie sich freut, sie freut sich, weil sie pfeift. Gewiss, sie freut sich auch, dass Gott ihr Gutes getan hat, wie wir alle uns freuen können, dass uns im Leben Gutes wiederfährt, vielleicht nicht so viel, wie wir uns wünschen oder auch verdienen würden, aber nicht nichts. Aber darüber, dass Gott Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Hilfe in der Not bringt, kann sich Maria nicht freuen, weil er es nicht tut. Was das große Geschehen angeht, hat sie eigentlich keinen Grund zur Freude. Aber sie macht sich einen. Sie setzt ihren Mut und ihre Hoffnung und ihren Glauben an den Bestand der Welt und die Zukunft des Lebens gegen das Unrecht, die Gewalt und die Not. Dass sie dies kann, ist ihr Grund zur Freude. Auch dass sie es vor und mit Elisabeth kann, ist ihr Grund zur Freude. Es pfeift sich im finsteren Wald besser, wenn man zu zweit oder zu dritt gegen die Angst anpfeift, und es pfeift sich in der Welt besser, wenn man es in Gemeinschaft, als Gemeinde tut. 

Man kann nicht pfeifen, wenn einem zum Heulen ist – es geht einfach nicht. Auch der Glaube, das Pfeifen in der Welt, stimmt nicht, wenn die Melodie eine Melodie von Mühsal und Pflicht, Sünde und Schuld ist. Der Glaube stimmt nicht, wenn die Gläubigen an und mit ihm verzweifeln, wenn er sie depressiv lässt oder gar depressiv macht. Der Glaube stimmt nur, wenn er Hoffnung und Mut und Freude macht. 

Man kann nicht pfeifen, wenn einem zum Heulen ist – nicht im Wald und nicht in der Welt. Man muss der Angst und Traurigkeit angesichts von Unrecht, Gewalt und Not trotzen, das Herz über die Hürde werfen und erkennen, dass dies zu können schon Grund genug für Freude ist. Dass wir pfeifen können, ist Grund genug, voller Hoffnung, mutig und freudig zu pfeifen.

 

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