Reportage

Gemeinsam Leben teilen

In Dortmund fördert der W.I.R. e.V. generationenübergreifende Wohnprojekte. Eine verlässliche Nachbarschaft für Menschen in unterschiedlichsten Lebensphasen.

„Ich glaube, dass Menschen nicht dafür gemacht sind, isoliert zu wohnen“, sagt Kirsten Persson, die seit März 2017 mit ihrem Partner, zwei Söhnen und zwei Katern im Wohnprojekt „W.I.R. auf Phoenix“ lebt. Neben den Wohngebäuden selbst ist dabei auch der Standort ein besonderer: Der Phoenix-See mit den umliegenden Neubauten ist heute in Dortmund ein einladendes Naherholungsgebiet. Mittlerweile kaum vorstellbar, war dort aber bis 2001 das Stahlwerk Phoenix-Ost aktiv und macht damit das Phoenix Areal zu einem gelungenen Beispiel für den Strukturwandel im Revier.

Leben teilen

Die Wohnanlage gehört – wie fünf weitere in Dortmund – zum Verein W.I.R. e.V.: „Wohnen Innovativ Realisieren“. Die Menschen, die dort zusammenleben, glauben auch an Perssons Idee: Jung und Alt, Familien und Singles haben eine eigene Mietwohnung und teilen sich Gemeinschaftsräume, einen Garten und ihr Leben.

Der Verein W.I.R. entstand 1997 als Idee bei einem Seminar der Vereinigten Kirchenkreise in Dortmund. 1998 folgte die Vereinsgründung, und 2004 konnte das erste Wohnprojekt bezogen werden. Über allem stand der Wunsch, generationsübergreifendes und gemeinschaftliches Wohnen in Innenstadtnähe zu ermöglichen. Nachfrage ist groß. Ein Wunsch, der auf Nachfrage trifft, denn die Wohnungen sind sehr begehrt: „Hier gilt die Regel: Es zieht niemand aus. Wer einmal hier wohnt, der bleibt auch“, erzählt Persson, die nach mehreren Jahren erfolgloser Suche glücklich ist, einen Platz im gemeinschaftlichen Wohnprojekt bekommen zu haben. Nachdem sie im Studium das WG-Leben kennengelernt hatte, wollte sie dieses Gefühl nicht mehr missen: mit unterschiedlichen Menschen zusammenzuleben, immer jemanden zum Reden zu haben, sich gemeinschaftlich Aufgaben zu teilen. Vieles läuft auf Phoenix wie in einer großen Familie. Die Kinder für einen kurzen Einkauf bei den Nachbarn zu lassen ist selbstverständlich, und auch an die Ältesten wird gedacht. „Wenn jemand krank wird, helfen wir“, sagt Persson. „Nach einem Krankenhausaufenthalt haben wir zum Beispiel überlegt, wie wir das Einleben in der Wohnung für die betroffene Person erleichtern können.“

Wechselseitig unterstützen

Das klingt wie die Ziele des Vereins: Begegnungen schaffen, wechselseitig unterstützen und ein selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Leben in Gemeinschaft bis zum Lebensende ermöglichen. Ein paradiesischer Zustand? Nicht immer! Zusammenleben bedeutet auch Kompromisse eingehen, sich streiten und mit Entscheidungen leben können, die man selbst gerne anders hätte. Persson weiß, dass diese Art des Zusammenlebens nicht für jede und jeden richtig wäre. „Früher war es noch selbstverständlich, dass mehrere Generationen unter einem Dach leben“, sagt Persson. „Heute wachsen die Singlehaushalte.“

Gemeinschaftsgefühl überwiegt

Doch bei „W.I.R. auf Phoenix“ überwiegt trotz Diskussionen und Streitereien am Ende das Gemeinschaftsgefühl: „Auch wenn nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen ist, achten die Leute aufeinander und versuchen gut miteinander umzugehen.“ Um das Wirgefühl zu stärken, gibt es gemeinsame Aktionen: Im Gemeinschaftsraum finden regelmäßig Yogakurse statt, es wird zusammen gekocht oder gespielt, und in Dortmund darf natürlich der Fußballabend nicht fehlen. Einen Pflichttermin gibt es dabei für alle: Einmal im Monat gibt es eine Versammlung bei der es, vor dem gemütlichen Beisammensein, um die Belange des Wohnprojektes geht – neue Anschaffungen zum Beispiel.

Zukunftsprojekte

Zum gelungenen Zusammenleben trägt auch die Architektur bei. Laubengänge und eine Art Dorfplatz sind so angelegt, dass man sich öfter über den Weg läuft. Auch die Durchmischung spielt eine wichtige Rolle. So gibt es ganz unterschiedliche Wohnungsgrößen. Kleine Wohnungen für Singles und Doppelhaushälften für Familien. Das Ziel der W.I.R.-Projekte ist in die Zukunft gerichtet: Es geht um die Stärkung sozialer Gemeinschaften und Fähigkeiten. Zukunft ist dabei das Stichwort. Häuser, die jetzt geplant werden, prägen die Gesellschaft der Zukunft. „Ein Problem ist sicherlich auch die Überalterung der Gesellschaft. Generationenübergreifende Wohnprojekte bieten da eine gute Möglichkeit, Jung und Alt zusammenzubringen und nicht nur nebeneinander her zu leben, sondern wirklich zusammenzuleben“, sagt Persson. Gemeinsam könne man viel voneinander lernen.

Zum Autor:

Jan Lurweg ist Mitarbeiter in den Abteilungen Presse und Marketing des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Dortmund.

Foto: Ursula Emmerich

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