My Kirchentag
Bibelarbeit

Der Poet der Welt

Am 9. November 2015 war das Reformationsjubiläum Thema bei der EKD-Synode in Bremen. Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au begann den Tag mit einer Andacht. Ihre Bibelarbeit beschäftigte sich mit dem Gleichnis der Spatzen aus dem Matthäusevangelium.

Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Fünfer? Und nicht einer von ihnen fällt zu Boden, ohne dass euer Vater bei ihm ist. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. (Mt 10. 29-31)

Nein, diesen Bibeltext habe ich mir nicht selbst ausgewählt für die Bibelarbeit; es ist die Herrnhuther Losung für heute, den 9. November – der Geburtstag der Weimarer Republik und Tag des Hitlerputsches, Tag an dem die Synagogen brannten und Tag, an dem die Mauer fiel.

Nicht ein Spatz fällt zu Boden, ohne dass Gott dabei ist. Ich hätte von mir aus mich nicht getraut, davon zu reden. Und ich hätte von mir aus nicht gewagt zu sagen, dass alle unsere Haare auf dem Kopf von Gott gezählt sind.

Nein, das hätte ich nicht - nicht unter dem Eindruck von Bildern von ertrunkenen Kindern am Strand, von völlig erschöpften Menschen im Matsch vor geschlossenen Grenzen und von scheinbar endlosen Karawanen von Männern, Frauen, Kindern, auf dem Weg ins Nirgendwo. Hat Gott auch ihre Haare gezählt? Sind auch sie mehr wert als viele Spatzen? Und warum spüren sie nichts davon – im Gegensatz zu uns, die wir es trocken haben und warm, die wir satt sind und sicher?!

Aber nun steht es da im Matthäus-Evangelium. Gott sorgt für die Spatzen und hat die Haare auf unseren Köpfen alle gezählt.

Alle. Gewissermaßen

Providentia, Vorsehung, heißt das in der Dogmatik, und diese Bibelstelle ist eine der klassischen Belegstellen dafür. Die Lehre und die Überzeugung, dass Gott nicht nur die Welt einmal erschaffen und sie dann ihrem Lauf überlassen hat, sondern dass er auch in jedem Augenblick in seiner Schöpfung präsent ist und wirksam bleibt. Mit der Konsequenz, dass es Gott selber sein muss, der die einen ins Licht stellt – und die anderen ins Dunkel. Oder mit den Worten Calvins, des für Vorsehung und Prädestinationslehre berüchtigtsten Reformators: „Vorsehung (...) bedeutet also nicht, dass Gott müßig im Himmel betrachtete, was auf Erden vor sich geht, sondern im Gegenteil, dass er gewissermaßen das Ruder hält und also alle Ereignisse lenkt.“ Alle Ereignisse. Alle. Gewissermaßen.

Derselbe Calvin betont allerdings auch, dass mit der Vorsehung Gottes der Christenmensch nicht seiner Verantwortung enthoben ist – im Gegenteil! Die göttliche Vorsehung, so sagt er, begegnet uns nicht pur, nicht nackt und bloß, sondern Gott bekleidet sie mit den angemessenen Mitteln, nämlich mit unseren menschlichen Möglichkeiten, damit umzugehen. Derjenige, „der unserem Leben seine Grenzen gesetzt hat, der hat zugleich uns die Sorge darum anvertraut, hat uns Verstand und Mittel gegeben, es zu erhalten“. Die Welt dreht sich, von Umständen und Menschen getrieben, sie dreht sich damit aber nicht außerhalb von Gottes Herrschaftsbereich und deswegen auch nicht außerhalb unseres Auftrages, Sorge zu tragen und uns mit unserem Verstand und unseren Mitteln zu engagieren.

Kein vom Glauben getrennter Raum

Was im konkreten Fall heißt – ein Zitat diesmal nicht von Calvin selber, aber von einem überzeugten Calvinisten, was im konkreten Fall heißt:

„dass (der Christ) sich – darin mit allen seinen sonstigen Mitbürgern in der gleichen Lage – die in der zur Diskussion stehenden Sache zu bedenkenden Gründe und Gegengründe gewissenhaft, möglichst vollständig und nüchtern vor Augen hält, sie in ihrem Gehalt und Gewicht gegeneinander stellt, für und gegeneinander reden läßt – genau so, wie er das auch bei irgend einer anderen, auch bei einer 'privaten' Lebensentscheidung tun wird. Er wird ihren Gehalt und ihr Gewicht zu 'ermessen' suchen. Er wird das aber nicht – darin unterscheidet er sich von seinen Mitbürgern – in einem von seinem Glauben getrennten Raum, sondern vor Gott – nicht vor irgend einem, sondern vor dem im Evangelium von Jesus Christus zur Welt, zur Gemeinde und so auch zu ihm redenden Gott tun.“ - Karl Barth im Jahr 1952

Die Herausforderungen der Welt, die fallenden Spatzen und die vor Krieg und Not fliehenden Menschen, die Auswüchse des Kapitalismus und der Gier, das zerstrittene Europa und unsere eigenen, inneren Grenzen der Bequemlichkeit und der Angst – mit dem sollen wir Christinnen und Christen uns auseinandersetzen. Wir sollen uns einmischen, mitreden, uns engagieren – mit all unseren menschlichen Möglichkeiten und in aller Komplexität und Ambivalenz der Angelegenheit. Die Menschen, die an unseren Grenzen und unseren Bahnhöfen ankommen, spüren lassen, dass sie viele Spatzen wert sind. Im Wissen um die Zwiespältigkeit der Willkommenskultur, weil sie ja nicht freiwillig hier sind, sondern gezwungen, geflohen vor der noch schlimmeren Alternative. Und mit ihnen steht Gott vor unseren Grenzen.

Hier bin ich, deswegen sollst du auch hier sein

Uns mit Worten und Taten für die Spatzen und die Eisbären wehren – und für die Menschen, die ob dem Anstieg der Meeresspiegel, den langen Trockenheiten und den grossen Überschwemmungen ihre Lebensgrundlage verlieren. Und mit der zerstörten Umwelt und den ausgebeuteten Menschen leidet Gott.

Wie könnten wir da die Schultern zucken und sagen, das ist halt Gottes Plan mit der Welt?! Nein, so ist sie nicht, Gottes Allmacht, auch wenn mir das der muslimische Taxifahrer aus dem Libanon gestern auf dem Weg vom Bahnhof zur Stefani-Kirche so erklären wollte. Nein, Gottes Allmacht muss extra angeschrieben werden, wie in der Lutherpredigt, die gestern einer der Kandidaten zitierte. Seine Macht ist in den Spatzen, die zur Erde fallen und in den Haaren, die gezählt sind – und dann doch ausfallen.

Aber nicht, weil Gott die Welt gleichgültig sich selber überlassen hätte – im Gegenteil! Über den verzweifelten Menschen auf der Flucht und fremd in unseren Ländern, über den verwüsteten Feldern, den zerstörten Dörfern und Städten steht geschrieben: „Hier bin ich, Dein Gott! Und deswegen sollst auch Du hier sein, Christenmensch!“

Die Trotzdem-Hoffnung

Genau deswegen – weil wir nicht alleine sind, wenn wir uns dort engagieren, mit Herz, Mut, mit Kreativität, Fleiss und Verstand, nicht sozialromantisch, sondern nüchtern und pragmatisch, nicht blind für die langfristigen Konsequenzen, durchaus auch unterschiedlicher Meinung in einigem, aber einig in der „trotzdem-Hoffnung“ auf den Gott, der mit dabei ist – genau deswegen können wir auch hier sein, hier, wo es uns braucht. Und so hat auch Calvin seine Vorsehungslehre im seelsorgerischen Kontext verstanden. Es ist Trost, nicht Drohung. Um Gottes Engagement brauchen wir uns nicht zu kümmern, das ist uns zugesagt. Das befreit uns dafür, was wir tun können. „Nur ja die Ohren nicht hängen lassen! Nie! Denn es wird regiert“, das war der letzte Satz von Karl Barth im nächtlichen Telefongespräch mit seinem Freund Eduard Thurneysen über die bedrohliche Weltlage im Dezember 1968.

Es wird regiert. Das befreit uns, mit unbedingtem Engagement und gleichzeitig mit unbedingter Gelassenheit tätig zu sein, weil wir darauf vertrauen, das letztlich alles in Gottes Hand ist; Gott, der überall mit dabei ist, „der große Begleiter – der Leidensgefährte, der versteht.“ So verstehe ich mit dem britischen Philosophen Alfred North Whitehead göttliche Allmacht etwas anders als Calvin: Gott nicht als Steuermann, sondern als Poet der Welt, Schöpfer und Dichter der Welt, der sie zwar auch leitet, aber nicht mit zwingender Macht, sondern mit Liebe und zärtlicher Geduld durch seine Vision von der Wahrheit, Schönheit und Güte.

Dieser Gott lädt uns ein, mutig und unbeirrt diese Vision zu teilen, sie zu leben und andere damit anzustecken. Dieser Gott ist mitten unter uns - und bei den fallenden Spatzen und den Menschen, die mehr wert sind, als viele Spatzen. Im Kleinen, Geringen und im Grossen. Im Hellen wie im Dunkeln. Er ist in jedem Augenblick in seiner Schöpfung präsent und wirksam. Und deswegen dürfen, können und sollen wir mit ihm und vor ihm in der Welt hier und jetzt präsent und wirksam sein.

Fürchtet Euch also nicht.

Amen

Bildquelle: "House Sparrows in Pakistan" von Bilal Mirza (CC-BY 3.0), Mauer erweitert mit Hilfe von "Woodford Mill Garden Wall" von Nigel Mykura (CC-BY-SA 2.0)

Diese Seite teilen

Bleiben Sie immer über unsere neuesten Aktivitäten informiert.
Abonnieren Sie unseren regelmäßigen Newsletter.