Pressekonferenz zur Vorstellung der Losung

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Diese Themen und Worte prägen einen Kirchentag

Die Losung eines Kirchentages ist der Leitgedanke, an dem sich alle Vorbereitungen und Veranstaltungen inhaltlich orientieren. Sie entstammt einem Bibelzitat und wird vom Präsidium beschlossen. Der 37. Deutsche Evangelische Kirchentag in Dortmund steht unter der Losung "Was für ein Vertrauen" aus dem 2. Buch der Könige, Kapitel 18, Vers 19.

Hans Leyendecker: Gegengift gegen die Lust am Untergang

„Was für ein Vertrauen“ ist die Losung für den Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund vom 19. bis 23. Juni 2019. Das Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages hat diese Losung am Samstag in sorgfältigen, intensiven Gesprächen und Debatten ausgewählt und beschlossen.

In einer fiebrigen und fiebernden Welt scheint das alte Wort Vertrauen manchem heute seltsam verbraucht. Wem kann man überhaupt noch trauen? Wer ist denn überhaupt noch vertrauenswürdig? Ist man vielleicht sogar blauäugig, einfältig, wenn man jemandem da Oben, da Unten noch traut? Jeder Akt des Vertrauens birgt immer die Gefahr, verletzt zu werden. Das gilt für private Beziehungen, aber auch für die Politik.

„Was für ein Vertrauen“ ist deshalb eine Losung, die möglicherweise zunächst auch irritieren und zum Nachdenken Anlass geben kann: Sind die vom Kirchentag möglicherweise zu vertrauensselig? Soll man jetzt wirklich all den Institutionen trauen? Der Politik? Den Gewerkschaften? Vielleicht sogar den Banken, den Finanzorganisationen und ihren Protagonisten? Kann man Kirchen vertrauen? Vertrauen ist ein kostbares, aber auch leicht verletzliches Gut.

Nicht nur seit Trump gibt es ein Gefühl der großen Verunsicherung. Junge Leute haben oft kein Vertrauen in ihre Zukunft mehr, die Alten misstrauen den Eliten. Alle gemeinsam erleben immer wieder eine Welt, die von atemraubender Machtgier, von Rücksichtslosigkeit geprägt ist.

Europaverächter, Feinde von Menschenrechten verriegeln die Grenzen. Auf die Schwachen, die Armen wird oft keine Rücksicht genommen. Wer arm ist, ist angeblich selbst daran schuld. Lobbyisten versuchen, die Märkte zu beherrschen. Ihr Einfluss steht oft genug im Gegensatz zu unserer Ordnung, in der Privilegien abgeschafft sein sollen, aber immer noch da sind.

Der Turbokapitalismus ist zerstörerisch. Desinformation, Fake News, Halbwahrheiten – es gibt vieles, das wie eine Säure wirkt, die das Vertrauen in den Zusammenhalt der Gesellschaft zerstört. Auch ich habe, das muss ich einräumen, meine Schwierigkeit bei dem Vertrauen in Leute, die gern und oft von christlichen Werten reden und stumm zusehen, wie Flüchtlinge im Meer ertrinken oder in Lager gesperrt werden, in denen Warlords Männer erschießen und Frauen vergewaltigen. Christen müssen schreiendes Unrecht, schreiende Ungerechtigkeit in der Welt anprangern und aus der Empörung kann dann auch Ermutigung wachsen. Kirchentage gründeten immer in der Überzeugung, dass Christsein und politische Überzeugung zusammengehören.

Hirnforscher haben herausgefunden, dass das Vertrauen zunimmt, wenn die Angst in bestimmten Regionen des Denkorgans sinkt. Wir vertrauen also mehr, wenn wir weniger Angst haben. Zu viel Angst lähmt die Handlungsfähigkeit und trübt den Blick auf notwendige Veränderungen in Staat und Gesellschaft. Allerdings, darauf weisen die Hirnforscher auch hin, braucht es schon ein bisschen Angst, damit Menschen überhaupt Vertrauen suchen. Wer gar keine Angst mehr vor nichts hat, kann auch nicht vertrauen.

Gemeinsam müssen wir die Vertrauenskrise überwinden. Wir wissen aber, dass Vertrauen nicht befohlen oder angeordnet werden kann. Nur wer bereit ist, anderen zu vertrauen, kann auch Vertrauen bekommen. Die Losung ist also bestens geeignet, um darüber zu reden, in welcher Welt wir leben wollen und in welcher Welt nicht.

Sie passt zu Dortmund, zu einer Region, in der Menschen mit schwierigsten Problemen, mit gravierenden Strukturveränderungen, fertiggeworden sind. Auf die Frage „Was tun?“ haben viele Menschen im Revier geantwortet: „Wir tun was.“

In Wörterbüchern sinnverwandter Wörter wird darauf hingewiesen, dass die Wörter Vertrauen und Zuversicht Synonyme sein können. Wir brauchen mehr Zuversicht und können uns auch ein Beispiel an den Leuten im Ruhrgebiet nehmen. Sie haben Vertrauen in die gehabt, die Verantwortung tragen, und gleichzeitig haben sie die Bereitschaft gezeigt, selbst Verantwortung zu übernehmen. Sie waren und sind überzeugt, die notwendigen Veränderungen schaffen zu können. Zuversicht ist das Gegengift gegen die Lust an der manchmal schon modischen Untergangsstimmung. Auch deshalb ist Dortmund ein guter Platz für einen Kirchentag.

Mehr Gerechtigkeit, weniger Gewalt und Bewahrung der Schöpfung sind die Themen, denen sich der Kirchentag immer wieder aufs Neue stellt. Auch in Dortmund. Es soll dabei neue Formen, neue Inhalte geben. Über Armut, Reichtum, Nachhaltigkeit, Langfristigkeit, das richtige Wirtschaften soll intensiv gesprochen werden. Und es soll ein Kirchentag sein, in dem viel über Gottvertrauen geredet wird. Denn Christen haben in einer unsicheren Welt die Sicherheit, dass sie einen Ansprechpartner haben, dem sie vertrauen können – egal, was geschieht.

Wir freuen uns also sehr, dass der Kirchentag 2019 in Dortmund stattfinden kann, wir freuen uns auf die Menschen, die hier leben und auf die, die nach Dortmund kommen werden. Wir sind sicher, dass es ein gastfreundlicher, musikalischer, lebendiger und diskussionsfreudiger Kirchentag werden wird, und wir haben für das alles die richtige Losung gefunden.

Annette Kurschus: Umbrüche, Abbrüche und Spannungen

Was für ein Vertrauen.

In diesen Worten kann so viel stecken – je nachdem, wie sie gesagt werden. Oder gerufen. Oder gefragt.

Ehrliches Staunen kann darin liegen: Unglaublich, dass jemand überhaupt Vertrauen haben kann – ausgerechnet jetzt, gegen allen Augenschein und offensichtlich gegen jede Vernunft.

Anerkennung kann daraus sprechen, Bewunderung, vielleicht sogar heimlicher Neid: Donnerwetter, was für ein Vertrauen! Stark. Das hätte ich auch gern, aber ich weiß nicht wie.

Eine offene, interessierte Frage kann das sein: Was ist das eigentlich für ein Vertrauen? Woher hast du das? Trägt es dich – auch wenn es dicke kommt? Erzähl mir davon!

Zynische Häme kann in den Worten liegen – und verächtlicher Hohn: Was für ein Vertrauen! Seid ihr verrückt geworden? Oder einfach nur elend blauäugig und naiv? Kann man euch ernst nehmen?

Nagende Selbstzweifel können in diesem Satz stecken: Was machen wir da eigentlich, indem wir auf Gott vertrauen? Können wir das ehrlicherweise tun, wenn wir wahrnehmen, was in der Welt geschieht – und in manchem persönlichen Leben?

Was für ein Vertrauen.

Die Losung, die wir für den Dortmunder Kirchentag gefunden haben, spricht unmittelbar an, sie lässt niemanden unberührt. „Vertrauen“ – dazu kann jeder und jede etwas Persönliches erzählen.

Der Satz stammt aus einer eher unbekannten Geschichte im Alten Testament der Bibel. Aus einer kriegerischen Szene. Gewalt und Auseinandersetzung gibt es da, feindliche Rivalität zwischen unterschiedlichen Religionen. Der Textzusammenhang ist sperrig und verwirrend. Und gerade darin erschreckend aktuell. Es geht um Gottvertrauen. Darum, wie es zum Leben hilft. Wie es darüber hinaus Politik beeinflusst und gesellschaftliches Handeln. Ein Vertrauen, das im Extremfall ohne jede menschliche Rückversicherung auskommt. Hoch riskantes Vertrauen also.

Was für ein Vertrauen.

Diese Losung hat ein hohes aktuelles Potenzial. Was bedeutet Vertrauen eigentlich konkret? Was heißt es, auf Gott zu vertrauen? Und was heißt es heute – angesichts der Zerreißproben der Gesellschaft, in der wir gegenwärtig leben und Verantwortung tragen?

Wir werden viele Fragen stellen und gemeinsam nach Antworten suchen. Die werden vielschichtig sein wie die Wirklichkeit; vielschichtig wie unser Zweifeln und Glauben.

Dortmund, die Stadt des Kirchentages 2019, ist in besonderer Weise geprägt von Umbrüchen, Abbrüchen, Spannungen – und ebenso von ungeahnten Chancen, überraschenden Möglichkeiten und verheißungsvollen Entwicklungen. Vergangen – nicht ohne Schmerzen – ist die Zeit, in der Kohle, Stahl und Bier die bestimmenden Faktoren waren. Das Vertrauen in manches, was immer selbstverständlich schien, ist dahin. Was trägt?

Dortmund ist heute eine Stadt von Wissenschaft und Kultur, eine Industriestadt nach wie vor, eine Stadt des Sports. Eine Stadt kultureller, sozialer, politischer Gegensätze. Die können das Leben schwierig machen – und auch bereichern.

Was für ein Vertrauen.

Zum Wesen unserer Evangelischen Kirche von Westfalen mit ihrer außergewöhnlichen Vielfalt an Landschaften, Traditionen und Mentalitäten gehören Kontraste und Unterschiede. Bei uns gibt es ländliche Regionen und Ballungszentren, evangelisches Kernland und weite Gebiete, wo wir Protestanten in der Minderheit sind, wirtschaftlich starke Bereiche und strukturschwache Gegenden. Auch in unserer Landeskirche gibt es Umbrüche, Abbrüche, Spannungen.

Deshalb passt diese Losung mit ihren vielfältigen Möglichkeiten, mitten hinein ins volle Leben zu sprechen, gut zu uns als Gastgeberin des Kirchentages 2019.

Der westfälische Kirchentag in Dortmund wird bestimmt sein vom gemeinsamen Suchen und Fragen: Wo und wie wird Vertrauen heute konkret und fruchtbar? Und bereits in diesem Suchen und Fragen – davon bin ich überzeugt – wird Vertrauen wachsen und stark werden.

 

Julia Helmke: Vertrauen als Kraft, die aktiviert

Die Losung für einen Kirchentag verbindet eine Zeitansage mit der tiefen Wahrheit biblischer Texte. Die Geschichte, aus der die Losung für Dortmund 2019 stammt, ist eine Kriegsgeschichte aus dem 8. Jahrhundert vor Christus. Das übermächtige assyrische Heer hat wichtige Landstädte Judas eingenommen und steht nun vor den Toren Jerusalems. An einer für die Wasserversorgung der Stadt strategisch wichtigen Stelle treffen Delegationen beider Kriegsparteien aufeinander. Der assyrische Feldherr verkündet die Worte seines Großkönigs Sanherib, die einer Verspottung des hoffnungslos unterlegenen judäischen Königs Hiskia gleichkommen: „Was ist das für ein Vertrauen, das du da hast? Meinst du, bloße Worte seien schon Rat und Macht zum Kämpfen? Auf wen verlässt du dich denn, dass du von mir abtrünnig geworden bist?“ (2. Könige 18,19-20, Luther 2017)

Worauf vertraut Hiskia, dessen Hauptstadt bedroht ist? Hat er nicht schon fast alles verloren? Vertraut er auf die Hilfe von schwierigen Koalitionspartnern, wie hier den Ägyptern, die einer Ausbreitung des assyrischen Großreiches bis an ihre eigene Landesgrenze nicht tatenlos zusehen wollen und deshalb Hilfstruppen nach Juda schicken? Der assyrische König verspottet Ägypten als geknickten Rohrstab, der jedem die Hand durchbohrt, der sich auf ihn stützt (2. Kön 18,21). Oder glaubt Hiskia, dass Religion, Glaube, Gott ihn retten können? Der assyrische König behauptet, er sei vom Gott Israels gesandt, um Juda zu zerstören.

Ja, Hiskia vertraut auf seinen Gott – trotz des übermächtigen Feindes. Er zieht das Bußgewand an, geht in den Tempel und bittet seinen Gott um die Rettung der Stadt. Und der Prophet Jesaja überbringt Hiskia eine gute Botschaft: Der Gott Israels lässt sich nicht verspotten; er wird Jerusalem retten und den Feind überwältigen. Und so geschieht es: Sanheribs mächtiges Heer zieht ab.

Die Erzählung vom gottesfürchtigen König Hiskia und der wundersamen Verschonung Jerusalems ist so wichtig für das kulturelle Gedächtnis Israels, dass sie im Alten Testament gleich dreimal mit wenigen Varianten erzählt wird: in 2. Kön 18-20, in Jes 36-39 als Erzählung auch über Jesaja und schließlich in einer Kurzfassung in 2. Chronik 32. Die Chronik erwähnt zudem, dass Hiskia auch andere Maßnahmen ergriff, um einem assyrischen Angriff zu trotzen. Er ließ Tunnel zur Wasserversorgung bauen und eine weitere Stadtmauer errichten, die diejenigen Häuser schützte, die bereits außerhalb der Mauer gebaut worden waren. Menschliches und kluges Handeln und zugleich ein unbedingtes Vertrauen in Gottes Zugewandtheit und Da-Sein treffen dabei aufeinander, ebenso wie unerbittlicher Machtkampf und überraschend friedliche Lösungen.

Was für ein Vertrauen. In der Geschichte, aus der unsere Losung stammt, kann das gelesen werden als Frage, als Staunen. Und das trifft uns heute ebenso.

Vertrauen ist so komplex wie die gegenwärtige Welt. Die weiteren biblischen Texte des Kirchentages für Gottesdienste und Bibelarbeiten loten die Komplexität solchen Vertrauens aus und die Abgründe, die jenseits des Vertrauens auf Gottes Beistand lauern. Sie fordern uns heraus und nehmen damit die Fragen und Themen auf, denen sich Kirchentag als Bewegung stellt. Als Bewegung, die Menschen vereint, die sich gesellschaftlich engagieren, Verantwortung übernehmen – aus dem christlichen Glauben heraus.

Das ist die Frage, wie weit Vertrauen in existenziellen und gesellschaftlichen Krisen trägt und was geschieht, wenn Vertrauen auf die Probe gestellt wird und wieder neu zu lernen ist Als Kirchentag ist uns wichtig zu zeigen, wie Vertrauen hilft zu leben – Vertrauen als Kraft, die aktiviert und beiträgt, menschliche Enge und Vorurteile zu überwinden

Die Losung mag ein Ausruf des Unverständnisses über christliche Zuversicht gegen allen Anschein und Logik in der Welt sein. Es ist aber auch eine Einladung, sich miteinander auf das Abenteuer Vertrauen einzulassen, ohne naiv und weltfremd zu sein. Nicht aufgeben, immer wieder aufstehen, trotz und in aller Erschütterung.

Die Fragen liegen also auf der Hand: Was für ein Vertrauen haben wir heute in unsere eigene Kraft, unser eigenes Tun und unsere Möglichkeiten, die Welt zu gestalten? In welchem Verhältnis steht dieses Vertrauen zum Glauben an das rettende und befreiende Handeln Gottes? Was kann Vertrauen bewirken in einer Welt, die aus den Fugen geraten scheint?

Entstanden, und das ist mir wichtig, ist unsere Losung gerade im Gespräch mit den Mitgliedern des Jugendausschusses des Kirchentages und im Zuhören auf ihre Ängste, ihren zuweilen entmutigten Zweifeln, und ihrer Sehnsucht und ihrem trotzig-reformatorischen Dennoch. Eine Generation, die sich engagiert, die europäisch und grenzüberschreitend geprägt ist und sich zugleich abgehängt fühlt von manchen Gewissheiten.

„Was für ein Vertrauen“ ist eine Losung, die Zuversicht und Ermutigung gibt ohne Fragen und Zweifel auszusparen. Staunend. Fröhlich. Widerständig.

 

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