Predigt

Klara macht die Tür auf

Die Predigt zum Schlussgottesdienst von Dr. Kristin Jahn an der Seebühne im Westfalenpark.

Ein kleines Dorf ganz im Osten von Thüringen. Mittendrin steht eine Kirche und ein Pfarrhaus. Vor über 30 Jahren war das der Treffpunkt für alle, die anders waren, für alle, die mehr wollten als nur mitzumachen in einem abgeschlossenen Land. Hannes war auch oft dort. Ein Verwandter der Pfarrersfamilie. Er hat die Jugend angezogen, weil er Fragen stellte, die sonst keiner stellt. Er hat die Jugend zum Nachdenken gebracht. Ökologie – was ist das denn hier und heute?Sie haben diskutiert bis tief in die Nacht und manchmal staatsfeindliche Lieder gesungen: Großer Gott, wir loben dich und nicht die Regierung, die wir sehen. Wenn die Tür des Pfarrhauses offenstand, dann ging für die Jugendlichen im Ort der Himmel auf. Heute ist das Pfarrhaus verkauft. Hannes hat an der Uni studiert. Er ist Christ und nimmt das sehr genau. Für ihn ist der Glaube nicht nur was zum Händefalten, sondern etwas, das dich verändert und regiert. Hannes war da schon immer radikal. Heute sagt er: Ich will dieses Abendland retten. Was wird denn noch aus diesem Land? Pfarrhaus um Pfarrhaus wird verkauft. Gemeinden werden zusammengelegt. Wo bleibt denn noch Gott und Christus?Im Januar 2013 hat Hannes die AfD in Thüringen mitbegründet. Er meint: Die Flüchtlinge aus den muslimischen Ländern bedrohen unser Land. Multikulti sei nur was für Naive. Und Hannes glaubt ganz fest an Gott.

Hannes ist kein Einzelfall, ihr Lieben. Was ist richtig, was ist wichtig und was ist unser Weg? Abschottung oder ein offenes Land? Wie retten wir Christus oder rettet Christus vielmehr uns?Der Verfasser des Hebräerbriefes hat seinen Freunden inmitten ihrer Glaubenskrise einen Brief geschrieben. Ein kleines Wort, das schwebte wie ein roter Luftballon über allem. Gedenkt der früheren Tage, an denen ihr, nachdem ihr alles verstanden hattet, einen großen Kampf erduldet habt, indem ihr zum Teil selbst durch Schmähungen und Bedrängnisse zum Schauspiel geworden seid und zum Teil Gemeinschaft hattet mit denen, welchen es so erging. Denn ihr habt mit den Gefangenen gelitten und den Raub eurer Güter mit Freuden erduldet, weil ihr wisst, dass ihr eine bessere und bleibende Heimat besitzt. Darum werft euer Vertrauen nicht weg.

Klara lebt heute noch am Ort. Sie hat die Türen aufgemacht. Für wildfremde Leute. Sie kann nicht fassen, was aus Hannes geworden ist. Sie kennt ihn von den Treffen im Pfarrhaus. Bei ihm fand sie als Kind offene Türen und Freiheit. Und dieser Hannes will jetzt ein abgeschlossenes Land? Der Mensch, der an den Gott der Liebe glaubt, der sagt jetzt: Flüchtlinge geht nach Haus! Klara bekommt das gar nicht zusammen. Sie hat versucht, ihn anzurufen. Versucht, mit ihm zu reden. Sie hat Hannes gefragt: Was ist so schlimm daran, wenn ein Mensch ein anderes Wort für Heimat kennt und eine andere Brotsorte liebt? Was ist so schlimm daran, wenn das Gewürzregal eines Menschen größer ist als deines? Haben wir davon nicht immer geträumt - von der ganz großen, offenen Welt? Hannes, wir wissen doch von einem ganz anderen Land, das besser und bleibender ist!

Klara hat eine Ausbildung gemacht zur Pflegekraft und dann noch einmal studiert. Sie leitet mittlerweile ein Pflegeheim und macht dort die Türen auf. Sie erzählt mit den Sterbenden von Gott. Sie sagt, so machen wir das hier. Wir lassen hier keinen allein. So wie Christus auch keinen allein lässt. Sie sorgt sich um die Zukunft in diesem Land. Sie will keinen unnützen Plastikmüll und meint, dass alles auch anders geht, wenn man einmal die Folgen bedenkt. Ihre Mitarbeiter schauen Klara oft verständnislos an. Sie sagen: Du mit deinem Gott! Sie reden über Flüchtlinge, die angeblich klauen. Aber Klara fragt sie dann: Habt ihr das denn gesehen? Sonntags fährt sie quer über Land und feiert dort Gottesdienst. Als Lektorin in einem Kirchenkreis. Sie macht Menschen sonntags den Himmel auf und erzählt vom grenzenlos liebenden Gott. Auch wenn das nicht immer allen passt. Sie verkneift sich auch im Frauenkreis ihres Dorfes kein Wort: wenn die Alten über die Fremden herziehen. Wenn sie sagen, dass alles nur schlechter wird. Sagt Klara: Es geht uns doch gut! Wovor habt ihr eigentlich Angst? Werft doch euer Vertrauen nicht weg. Geduld aber habt ihr nötig. Und ihr hier im Gottesdienst! Was werdet ihr sagen, wenn ihr heute nach Hause fahrt? Ihr habt in fremden Betten geschlafen und von fremden Tellern gegessen. Ihr habt mit wildfremden Leuten an einem Tisch gesessen. Menschen haben euch die Türen aufgemacht. Lieder und Worte haben euch berührt. Ihr habt Menschen Obdach gegeben, Essen und Brot. Ihr habt Menschen geholfen und mit Fremden gelacht. Ihr habt Pfadfinder an eurer Seite gehabt. Werft euer Vertrauen nicht weg. Nehmt das mit in euren Tag. In den Alltag eurer Dörfer und Städte, damit ihr das Verheißene empfangt. Euren Kirchentagsschal werdet ihr vielleicht eines Tages verlegt haben und das dicke Programmheft auch. Aber nicht die Erfahrung von geteiltem Brot und Gottes Liebe. Die ist euch hier begegnet im Angesicht eines Fremden. Gott ist größer als ihr glaubt!

Als Anfang Juni der CDU-Politiker Walter Lübke erschossen wurde, erschienen im Internet Hasskommentare, nach dem Motto: weiter so! Walter Lübke hatte sich im Sommer 2015 klar für die Aufnahme von Flüchtlingen ausgesprochen. Vielen hat das nicht gepasst. Dutzende reagierten mit Häme und Mordaufrufen. Als Klara das mitbekam, hat sie sich gesagt: Jetzt erst recht! Eintreten für ein freies Land! Erzählen von Christus, der zu uns kommt. Ein Flüchtlingskind, dessen Brot ganz anders schmeckt und der Gott seine Heimat nennt. Denn unser Kreuz hat keine Haken. Unser Gott deckt für alle den Tisch!

„Jetzt erst recht“ – das haben sich auch Menschen im sächsischen Ostritz gesagt. Sie haben dort am Wochenende ein Nazi-Treffen sabotiert, indem sie den Ausschank von Alkohol verboten haben. Zu gefährlich, sagte der Staat. Das THW hat auf Geheiß der Polizei 4.200 Liter Bier abtransportiert und im Nachbarort St. Marienthal gab es kein einziges Bier mehr zu kaufen, dafür haben aufrechte Bürger gesorgt. Sie hatten alles weggekauft! Die Nazis saßen auf dem Trockenen! Widerstand, ihr Lieben, das kann lustig sein!

„Jetzt erst recht!“ haben sich Christen in Walter Lübkes letztem Wohnort gesagt und zur Mahnwache aufgerufen. Hunderte Bürger sind ihnen in Kassel gefolgt und haben gegen Gewalt und Rechtsextremismus demonstriert. „Wenn ihr einen von uns erschießt, dann steht unsere Hoffnung tausendfach auf! Tausendfach!! – Lasst uns das den Nazis und Verbrechern entgegenrufen! Wir lassen uns nicht bange machen von Gewalt! Wir glauben nicht an die Macht von Waffen! Wir glauben nicht an Grenzzäune und Mauern! Wir glauben an einen zärtlichen Gott, der Menschen verbindet über Grenzen hinweg durch seinen liebevollen Geist. Ein Gott, der alle zu sich ruft und in einem Flüchtlingskind zu uns kommt! Und dieses Kind zeigt uns Tag für Tag, was richtig ist, was der Weg für uns ist und wie ihr das Verheißene empfangt: Anklopfen, beten und mein Herz auftun für den Menschen nebenan. So soll es sein in diesem Land!

Amen

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