Podiumsdiskussion

Weiße Haut, weiße Weste?

Aktivist*innen und Expert*innen diskutieren über Sexismus, Rassismus und Rechtspopulismus und darüber, wie Integration wirklich funktionieren kann.

Von Lena Renner und Teresa Walter

„Sorry Jungs, wir haben heute schon genug Ausländer da“, sagt der Türsteher. Burak Yilmaz steht vor einem Club in Duisburg und will eigentlich sein Abitur feiern. Aber der Türsteher nimmt ihn als unerwünschten Ausländer wahr – trotz seines deutschen Passes. Dass zwei blonde Jungs hinter ihm Frauen belästigen, stört niemanden – sie kommen rein.

Szenen wie diese erlebt Burak Yilmaz täglich. Bei der Podiumsdiskussion "Wie Migrations- und Genderdebatten verquickt werden" berichtet der Pädagoge von seinen Erfahrungen. In seinem Projekt "Heroes Duisburg – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre" bildet er junge Menschen mit Migrationsgeschichte aus, die dann selbst als Multiplikator*innen Workshops in Schulen geben. Die Teilnehmenden des Gleichstellungsprojektes wollen aus den festgefahrenen Strukturen ihrer Familien ausbrechen und sich gleichzeitig gegen vorurteilsbehaftete Zuschreibungen von außen wehren.

"Wenn im Fernsehen Gewaltszenen laufen, wird geschwiegen – bei Kussszenen wird umgeschaltet", empört sich Yilmaz über die Erziehung in muslimischen Familien. Hier werde jede Form von Sexualität tabuisiert und die Familienehre an der Ehre der Frau festgemacht. Für die junge Generation aber stünden Werte wie Freiheit und Selbstbestimmung im Vordergrund. Gleichzeitig werde ihren Integrationsbemühungen mit gesellschaftlicher Ausgrenzung begegnet. "Wie sollen junge Leute unter diesen Bedingungen ihre Identität ausbilden?", fragt Yilmaz.

Mit den Leuten, die eine ausgrenzende Stimmung in Deutschland schüren, hat sich Dr. Liane Bednarz ausgiebig befasst. In ihrem Buch "Die Angstprediger“ geht die Publizistin und Juristin dem Einfluss rechter Christ*innen auf die Spur. Feminismus in Deutschland werde von ihnen als "Genderwahn" polemisiert. Gehe es aber um die feindliche Religion Islam, spielten sie sich plötzlich selbst als Schutzherr*innen von Homosexuellen auf. So würden verschiedene Feindbilder gegeneinander ausgespielt und herausgepickt, was zum eigenen Anliegen passe.

Wie feministische Positionen von Rechtspopulist*innen instrumentalisiert werden, beschreibt auch die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Heike Radvan. Das "Topos des sexistischen Fremden" sei weit verbreitet und im kulturellen Gedächtnis fest verankert. Auf der anderen Seite würde jeden dritten Tag in Deutschland eine Frau vom eigenen Partner getötet; 34 Prozent der über 16-Jährigen hätten bereits sexualisierte Gewalt erlebt. "In einer postmigrantischen Gesellschaft brauchen wir neue Bündnisse!" ruft sie auf, und wünscht sich einen neuen Feminismusbegriff, der alle Formen von Diskriminierung in den Blick nimmt.

Häufig werde es so dargestellt, als hätten wir den Zustand der Emanzipation längst erreicht, stimmt ihr Prof. Dr. Astrid Messerschmidt, Expertin für Geschlechterforschung, zu. "Die anderen sind sexistisch, aber wir haben das überwunden und sind frei von Gewalt. Das ist natürlich nicht so!" Das Bild des Fremden sei in vielen Köpfen immer noch vom orientalischen Mann bestimmt, der mehr einem Tier ähnele als einem zivilisierten Menschen. Dabei sei Deutschland seit langem eine Migrationsgesellschaft. Das Reden über Migration aber bleibe weithin undialogisch und eine Plattform für Ausgrenzung. Doch: "Wenn alle nur in den ihnen bekannten Diskursen sprechen, wird niemand etwas lernen."

Wie die Integration Jugendlicher gelingen kann, zeigt Fatima Caliskan, Leiterin des Instituts für Gegenwartsfiktion in Duisburg. In künstlerischen Projekten wie einem Tanztheater zum Thema Krieg oder elektronischer Improvisation über Beethoven sollen Jugendliche unterschiedlicher Herkunft gemeinsam ihre Potentiale entfalten.

Das Podium thematisiert auch den AfD-Ausschluss vom Kirchentag. Aus strategischen Gründen hätte man Vertreter*innen einbeziehen sollen, meint Bednarz, "um sie dann im öffentlichen Diskurs zu stellen und ins Schlingern zu bringen." Radvan hält die Entscheidung dagegen für nachvollziehbar. Zu schwierig sei es, die vereinfachenden Konstrukte zu widerlegen und zu groß die Gefahr, dass am Ende rassistische Aussagen und Verschwörungsmythen im Raum stehen blieben. Man dürfe sich nie auf das Vereinfachungslevel von Rechtspopulist*innen einlassen, stimmt Messerschmidt zu. Stattdessen solle man sich auf die christliche Botschaft zurückbesinnen, die in ihrem Kern universalistisch sei. "Diese Tradition müssen wir wieder nutzen!"

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