Podium

„Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich“

Soziale Ungerechtigkeit umfasst mehr als die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und die ungerechte Verteilung des Einkommens. Es geht um Bildung, Globalisierung und das Klima. Die Podiumsdiskussion "'Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich' – Ist die Vision von sozialer Gerechtigkeit am Ende?" nahm die Zusammenhänge in den Blick.

Von Deborah Hofer und Katharina Feuerstein

Obwohl die allgemeine Armut gesunken ist, ist jeder neunte Mensch auf der Welt von Armut betroffen. Die Einkommensungleichheit hat stark zugenommen. Die 45 reichsten Familien Deutschlands besitzen die Hälfte des Vermögens der Bundesrepublik.

„Die aus meiner Sicht wirklichen Leistungserbringer in dieser Gesellschaft – Krankenpfleger, Erzieher, die Leute, die den Müll wegbringen – die bekommen Niedriglöhne, sie bekommen wenig gesellschaftliche Anerkennung“, fasst Globalisierungskritiker Prof. Dr. Oliver Nachtwey zusammen. Er weist auf eine besorgniserregende Entwicklung hin: Viele von Armut Betroffene gehen nicht mehr wählen und beteiligen sich nicht mehr am demokratischen Prozess. Die Ursache sei vor allem in zunehmender Lenkung der Politik durch große Unternehmen und die starke Orientierung an rein wirtschaftlichen Interessen zu finden.

„Wir dürfen nicht nur über Armut, sondern müssen auch über Reichtum und über Umverteilung reden“, meint Dr. Carolin Butterwegge, sozial- und kinderpolitische Sprecherin der Partei Die Linke in Nordrhein-Westfalen. Besonders im Bildungssektor herrsche großer politischer Handlungsbedarf. Es gelte zu verhindern, dass Ungleichheit weiterhin bestehe und vererbt werde. „Bildung alleine löst das Problem der ungerechten Verteilung nicht“, betont sie jedoch.

Soziale Ungerechtigkeit ist ein globales Phänomen. Dr. Zephania Kameeta, Minister für Armutsbekämpfung und soziale Wohlfahrt aus Namibia und ehemaliger Bischof, rief die Zuhörer*innen zu mehr Mitmenschlichkeit auf. Schließlich würden wir alle in einem Haus wohnen, das wir unsere Erde nennen. In Namibia leben über 50 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Dies ist vor allem ein Erbe der Kolonialzeit und in der anhaltenden Ausbeutung afrikanischer Länder durch wirtschaftlich starke Staaten begründet.

Die Präsidentin von Brot für die Welt – Ev. Entwicklungsdienst, Dr. Cornelia Füllkrug-Weitzel, sieht Deutschland in der Pflicht: „Wir müssen aufhören, auf Kosten anderer zu leben!“ Damit spielt sie auf die Förderung fossiler Brennstoffe und den übermäßigen Import von Waren aus ärmeren Ländern auf Grund billigerer Produktionskosten an.

80 bis 85 Prozent derjenigen, die den Klimawandel verursachen, leben auf dem nördlichen Teil der Weltkugel, aber 85 Prozent der Personen, die schon akut davon betroffen sind, bewohnen die Südhalbkugel. Die Armut dort und die soziale Ungerechtigkeit auf globaler Ebene werden weiter vorangetrieben. 

Der zweite Teil der Podiumsdiskussion beschäftigt sich mit Visionen zu sozialer Gerechtigkeit und weckt Hoffnung. Prof. Dr. Oliver Nachtwey zieht Mut aus der jüngeren Geschichte. Wenn es im Kampf für soziale Gerechtigkeit zu Niederlagen kommen sollte, dürften wir nicht vergessen, dass der Sozialstaat schon immer darauf beruht habe, dass Menschen aufgestanden seien und sich nicht auf Erfolgen ausgeruht hätten.

Mit einem ermutigenden Statement verabschiedet sich Dr. Zephania Kameeta: Die wirklich Armen seien jene, die nur an sich selbst und ihren Gewinn denken. – Das sei die wahre Armut.

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