Hauptpodium

"Auf der richtigen Seite der Geschichte"

Über Vertrauen in der Politik diskutierten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Friedensnobelpreisträgerin Ellen Johnson-Sirleaf, die der deutschen Regierungschefin ein großes Kompliment machte.

Von Simon Rustler und Alexander Wenzel

Die europäische Verständigung, die Annäherung an Israel, die deutsche Wiedervereinigung – was Deutschland in den zurückliegenden 70 Jahren erreicht hat und geschenkt wurde, wäre ohne Vertrauen nicht möglich gewesen. Das betonte Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Rede in der nahezu komplett gefüllten Westfalenhalle. Nach dem Zivilisationsbruch der Shoah sei es alles andere als selbstverständlich gewesen, dass Länder wie Frankreich und später auch Polen Deutschland soviel Vertrauen entgegenbringen, dass es wieder seinen Platz in der Welt finden konnte.

Internationale Politik könne - wie alle Beziehungen - nur auf der Grundlage von Vertrauen gelingen. Doch Vertrauen nehme in den internationalen Beziehungen eher ab, wenn Akteure Kompromisse und Regeln in Frage stellen, kritisierte Merkel. Dabei könne kein Land die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts alleine bewältigen. Nachdrücklich plädierte sie dafür, "dass wir multilateral und weltoffen, gemeinsam statt alleine, denken und handeln“. Profitieren würden davon sowohl das globale Gemeinwohl, als auch nationale Interessen. Wichtig sei es deshalb in der Politik, "immer wieder von neuem Vertrauen zu schenken" und Gesprächskanäle zu suchen.

Auch wenn die internationale Zusammenarbeit gerade auf die Probe gestellt wird, zeigte sich die Bundeskanzlerin zuversichtlich: „Veränderungen zum Guten sind möglich, das zeigt unsere Geschichte und die anderer Länder.“ Die Erderwärmung stoppen, Krankheiten ausrotten, Ursachen von Flucht und Vertreibung bekämpfen: „All das können wir schaffen!“ Was den Klimaschutz betreffe, dränge die Jugend darauf, das Tempo zu erhöhen. Merkel appelliert deshalb vor allem an die Industrieländer, nach den besten technischen Lösungen zu suchen, um klimaneutral zu werden: „Bis 2050 müssen und werden wir das schaffen; und wir müssen die Vorreiter sein.“ Deutschland sei zwar "nur" für zwei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich, aber auch das sei doppelt soviel als der Anteil an der Weltbevölkerung. 

Gemeinsam mit Merkel auf dem Podium saß Ellen Johnson-Sirleaf, die ehemalige Präsidentin Liberias und Friedensnobelpreisträgerin. Johnson-Sirleaf, mittlerweile 80 Jahre alt, war das erste demokratisch gewählte weibliche Staatsoberhaupt in ganz Afrika. Sie übernahm die Führung in ihrem Land, als Liberia vor allem wegen Kindersoldaten und sogenannten Blutdiamanten traurige Berühmtheit erlangt hatte, und konnte ihrem Land maßgeblich neue Perspektiven eröffnen. Für Merkel hatte sie ein besonderes Lob parat: „Sie stehen auf der richtigen Seite der Geschichte.“ 

Beide Politikerinnen warben für mehr Frauen, vor allem in der Politik, das war Johnson-Sirleaf wichtig. Tendenziell seien eher die Männer in der Politik die Kriegstreiber, warnte sie – vor dem Hintergrund, dass sie selbst vor ihrer Präsidentschaft wegen ihrer Kritik an der liberianischen Regierung im Gefängnis saß.

Die Bundeskanzlerin, meinte die Liberianierin, dürfe nun nicht einfach aufhören – „als motivierende Kraft für Frauen weltweit.“ Tosender Applaus. Die gut aufgelegte und lockere Kanzlerin gab an diesem Punkt allerdings trocken zurück: „Alles hat einen Anfang und alles hat auch ein Ende.“ 

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