Fahrradkuriere

Helfer auf zwei Rädern

Wenn für Autos kein Durchkommen ist und die Zeit rennt, kommen die Fahrradkuriere des Kirchentags zum Einsatz. Eine Tour mit dem Kurier Boris durch Dortmund.

von Niklas Münch

Boris steht in der Dortmunder Innenstadt und ist ratlos. Er weiß, wo er hin muss: in die Silberstraße 21. Aber sein Navi schleust ihn umständlich durch die überfüllten Fußgängerzonen, durch die er mit seinem langen Lastenfahrrad nur schwer kommt. Schließlich kommt er wieder in dem Kreisverkehr raus, in dem er schon vor zehn Minuten war – er hat nur eine falsche Ausfahrt genommen.

Boris Beck kommt aus Berlin und kennt sich in Dortmund gar nicht aus, eigentlich schlechte Voraussetzungen für einen Fahrradkurier. Doch das tun auch die meisten anderen Helfer*innen des Kirchentags nicht, von denen viele zum ersten Mal hier sind. Boris ist auch kein besonders passionierter Radfahrer, er ist gelernter Buchhändler. Aber auch das ist egal, unter den rund 30 Fahrradkurier*innen fällt ihm spontan nur ein Kurier ein, der das außerhalb des Kirchentags beruflich macht. Hauptsache ist, dass die Arbeit Spaß macht – und die Aufträge erledigt werden.

Der Berliner ist dieses Jahr das erste Mal als Fahrradkurier auf dem Kirchentag unterwegs. Ehrenamtlicher Helfer ist er aber schon länger, das erste Mal im Jahr 1995 auf dem Kirchentag in Hamburg. Wie die meisten der Helfer*innen ist auch er Mitglied einer Jungenschaft, der christlichen Jungenschaft Friedenau. Boris ist mittlerweile 40, doch es zieht ihn immer wieder auf den Kirchentag, meistens als Helfer, manchmal als Gast.

„Hallo, wo sitzen hier den die Leute vom Kirchentag? Ich soll etwas abholen“, sagt Boris zu der Frau an der Pforte, als er schließlich in der Silberstraße 21 ankommt. Die weiß von nichts. Er seufzt. „Das ist der klassische Fall“, sagt er. Oft müsse er lange nach Verantwortlichen suchen, wenn er eine Ware abholen oder liefern möchte. Oder die Auftraggeber*innen haben vergessen etwas zu bestellen, was sie noch haben wollten. Ein kurzer Anruf bei der Dispo klärt auf: Ein anderer Fahrer hat die Ware bereits abgeholt.

Die Dispo ist das Büro der Fahrradkuriere, das in einem Container auf dem Parkplatz der Westfallenhallen steht. Dort sitzen Fiona und Sonja. Bei ihnen läuft alles zusammen. Wenn auf dem Kirchentag etwas von A nach B geliefert werden muss, werden sie angerufen: Lunchpakete für die Helfer*innen, Papphocker oder auch mal Tickets für wichtige Gäste. Sie weisen die Aufträge dann den Kurier*innen zu, sind Ansprechpartnerinnen wenn es Probleme gibt und behalten den Überblick. Jeder gefahrene Kilometer wird dokumentiert, im Schnitt fahren die 30 Kurier*innen 1200 Kilometer pro Tag, etwas mehr als die Hälfte wird von Lastenrädern zurückgelegt.

Auch Boris ist auf einem Lastenrad unterwegs. Er hat einen Favoriten, dieses Rad ist mit einem Elektromotor ausgestattet, damit er auch schwere Dinge transportieren kann. Wie alle Lastenräder hat es einen Spitznamen: Hans-Wurst. Die anderen heißen Ranzen oder I bims. Alles Namen von Radkurier*innen, die in der Vergangenheit mitgeholfen haben am Kirchentag. Ein professionelles Navi auf dem Lenker hat er nicht. „Hab google, der redet mit mir“, sagt Boris und meint sein Handy, dass in seiner Hosentasche steckt und ihm die Richtung ansagt.

Nach der erfolglosen Fahrt in die Innenstadt hat er erst einmal Pause. Abends hat er noch eine weitere Schicht als Helfer, bei einer anderen Arbeitsstation. Vom Programm des Kirchentags bekommt Boris eigentlich nichts mit. Das stört ihn auch nicht. Er ist nicht wegen des Programms da, sondern er sucht das Gemeinschaftsgefühl unter den Helfer*innen. Er ist überzeugt: „Wenn man mal auf dem Kirchentag war, verändert das einen.“ Und das gilt vielleicht mehr für die Helfer, als für die Besucher.

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