Gedenken zu Beginn

"Der Wolf frisst keine Kreide mehr" - drei Fragen an Hans Leyendecker

Die Erinnerung an das Unrecht alter und neuer Nazis ist heute wichtiger denn je, meint der Kirchentagspräsident

Die Fragen stellte Steffen Groß

Warum ist das „Gedenken zu Beginn“ für den Kirchentag so wichtig?

Leyendecker: Die Gründung des Kirchentages war auch eine Reaktion auf das Versagen der Kirchen im Nationalsozialismus. Die Erinnerung an diese Zeit gehört zu unserer DNA. Es gibt heute wieder Stimmen, die einen „Schlussstrich“ oder eine „Erinnerungswende“ fordern. Dagegen beziehen wir mit dem „Gedenken zu Beginn“ entschieden Position: Wer sich dem Grauen dieser Zeit nicht mehr stellen will, macht sich ein weiteres Mal an den Opfern schuldig.

Was hat sich in Sachen Rechtsextremismus in den vergangenen Jahren verändert?

Leyendecker: Der Wolf frisst keine Kreide mehr. Anders als ihre Vorgänger verfolgen die Nazis unserer Tage ihre Ziele öffentlich – und sie schreiten zur Tat, bis hin zum Mord. Man müsste blind sein, um nicht zu erkennen, dass sich die rechte Szene in unserem Land immer weiter radikalisiert. Wir haben es heute mit einem neuen Monster zu tun.

In Dortmund gibt es eine kleine, aber sehr aktive Neonazi-Szene, vor allem im Stadtteil Dorstfeld. Dort und auch heute beim „Gedenken zu Beginn“ zeigt der Kirchentag klare Kante gegen den Rechtsextremismus. Haben Sie angesichts dieser Situation ein mulmiges Gefühl?

Leyendecker: Nein. Dortmund ist geübt darin, sich den Neonazis entgegenzustellen. Die Bürgergesellschaft tut eine Menge, damit die radikale Szene sich nicht ausbreitet. Aber der Kampf gegen den rechten Terror darf nie aufhören. Die Nazis dürfen keinen Raum in der Öffentlichkeit bekommen. Und wo von den Nazis so genannte „National befreite Zonen“ ausgerufen werden, muss die Zivilgesellschaft sich diese Räume zurückerobern. Auch dafür seht der Kirchentag.

Foto: Teresa Roelcke

Diese Seite teilen
Newsletter abonnieren Bleiben Sie immer über unsere neuesten Aktivitäten informiert und abonnieren Sie unseren regelmäßigen Newsletter.