Politisches Nachtgebet

Das Sterben im Mittelmeer beenden

36.000 Menschen sind seit 2002 an den Außengrenzen Europas ums Leben gekommen, weil sie in Europa Schutz vor Verfolgung, Krieg und Elend suchten. Beim Kirchentag macht die Initiative Seebrücke die Namen dieser Opfer bekannt - als Mahnung, das Sterben im Mittelmeer zu stoppen. Auftakt war ein „politisches Nachtgebet“ in der Reinoldikirche.

Von Rolf Masselink

„Jeder Mensch hat einen Namen“ lautet das Motto der Kirchentagsaktion der bundesweiten Initiative Seebrücke, die noch bis zum Wochenende läuft: Kirchentagsbesucher können auf große Transparente die Namen Tausender Menschen schreiben, die bei Fluchtversuchen über das Mittelmeer nach Europa ums Leben gekommen sind. Zum Abschluss der Aktion werden die Transparente am Samstagabend am Turm der Reinoldikirche in der Dortmunder Innenstadt aufgehängt – als Mahnung und Aufforderung, sich für die Wahrung der Menschenrechte und gegen das Sterben im Mittelmeer einzusetzen.

Auftakt der Aktion war das „politische Nachtgebet“ in der überfüllten Reinoldikirche. Eindrücklich und bewegend brachten Geistliche, Beteiligte und Politiker dabei den Besuchern das Thema nahe, über das viele so gern hinwegsehen: Mindestens 35.597 Menschen sind seit 2002 bei Fluchtversuchen über das Mittelmeer ums Leben gekommen, darunter viele, weil ihnen die Rettung aus Seenot verweigert wurde.

„Die hatten keine Chance“, sagte der Trauma-Therapeut Martin Kolek, der seit 2016 mehrfach auf dem Schiff „Sea watch 3“ bei der Rettung von Flüchtlingen aus Seenot half. Bei seinem ersten Einsatz 2016 hielt er einen toten Säugling im Arm, seitdem lässt ihn das Schicksal der Flüchtlinge auf dem Mittelmeer nicht mehr los. Er hält Vorträge, hat ein Buch geschrieben – und berichtete in dem Gottesdienst über die Erfahrungen und Erkenntnisse seiner Arbeit.

Das Sterben auf dem Mittelmeer sei kein unvermeidliches Unglück, sondern das Resultat einer Politik, die auf Abschreckung und Abschottung statt auf Menschlichkeit setze, hieß es im Gottesdienst. So werde die Rettung von Menschen aus Seenot gezielt verhindert. Stattdessen würden Helfer, die in ihrer Freizeit ehrenamtlich, auf eigene Kosten und unter hohem Risiko Menschen helfen wollten, von staatlichen Stellen schikaniert, kriminalisiert und vor Gericht gezerrt.

Was können wir tun? „Wir dürfen nicht mehr zuschauen, wenn Politiker sich an der extremen Rechten orientieren statt an den Menschenrechten“, hieß es im Nachgebet. Politiker dürften sich nicht länger in der Sicherheit wiegen, für eine Politik der Abschottung von ihren Wählern belohnt zu werden.

Als „Grenze des Todes“ bezeichnete der bündnisgrüne Europapolitiker und ehemalige Attac-Aktivist Sven Giegold die EU-Außengrenze am Mittelmeer, an der kein Ende des Massensterbens in Sicht ist. Vor zwei Jahren schien eine politische Lösung gefunden, doch die damals beschlossene Verteilung der anlandenden Flüchtlinge auf die EU-Mitgliedsländer kam nie in Gang. Giegold: „Viele EU-Länder weigern sich einfach, Flüchtlinge aufzunehmen, und andere Länder verstecken sich dahinter und meinen, dann brauchen sie auch nichts zu tun. Also geschieht gar nichts.“ Die politischen Parteien im gerade neugewählten EU-Parlament verhandelten über eine Neuregelung: Die EU selbst soll die Seenotrettung übernehmen und organisieren. Doch die Passage sei noch nicht beschlossen, sie stehe „in Klammern des Todes“.

Die Aktion „Jeder Mensch hat einen Namen“ läuft am Freitag und Samstag jeweils ab 10 Uhr weiter auf dem Platz der Alten Synagoge (Opernvorplatz) in der Innenstadt. Am Samstag ab 17 Uhr gibt es dort eine Kundgebung zum Thema mit anschließenden Trauermarsch zur Reinoldikirche. Dort endet die Aktion mit einem interreligiösen Gebet und dem Aufhängen der Namenstransparente an der Kirche.

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