Podiumsdiskussion

„German Angst“: Sind die Deutschen besonders ängstlich?

In einem Streitgespräch diskutierten Joachim Gauck, Bundespräsident a.D. und Ute Frevert, Direktorin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung über die Ursachen von Angst in der Postmoderne und das spezifisch Deutsche daran.

Von Anna Bayer, Daniel Donath und Lucia Heisterkamp

 

„Menschen die den Raum der Freiheit betreten, ängstigen sich, plötzlich frei zu sein. Angst ist der Schwindel der Freiheit,“ sagte Joachim Gauck, Bundespräsident a.D. in seiner Impulsrede zu Beginn des Podiums zur „German Angst“ am Mittwoch auf dem evangelischen Kirchentag in Dortmund. Die vielen Möglichkeiten, die die Freiheit bietet, lösten in den Menschen oft Fluchtimpulse aus. Gauck sprach in diesem Zusammenhang von einer „Urangst“, die entstehe, wenn soziale, wirtschaftliche und technische Veränderungen wie die Digitalisierung und die Globalisierung die Identität eines Menschen in Frage stellten. Gauck betonte aber, dass das Potential diese Ängste zu besiegen in jedem Einzelnen schlummerten. Das habe auch die deutsche Geschichte gezeigt: Viele Deutsche seien nach dem zweiten Weltkrieg ihre Ängste aktiv angegangen, so sei Deutschland heute nicht nur ein Wirtschaftswunder sondern auch vor allem ein Demokratiewunder. Aus diesem Grund könne man nicht von einer spezifisch deutschen, einer „German Angst“, sprechen.

Ute Frevert, Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin sprach in der anschließenden Diskussion über Ängste, die der Kapitalismus und die Anforderungen der Selbstoptimierungsgesellschaft in vielen Menschen auslöse. Dies betreffe auch viele Menschen aus der ehemaligen DDR, die nach dem Mauerfall plötzlich in einen neuen Kapitalismus hineinsozialisiert worden seien. Diese Verantwortung, die der Kapitalismus den Menschen plötzlich auferlegt, löse bei manchen eine Sehnsucht nach einem sicheren autoritären Staat aus – und diese Sicherheit verspreche die AfD. Freverts Bezug zum Kapitalismus sorgte bei dem eheamligen Bundespräsident für Empörung: „Ich fasse es nicht! Es gibt keinen Ellbogenkapitalismus.“

Frevert erwähnte auch, dass in vielen sozialen Bewegungen die Angst positiv besetzt werden kann, so zum Beispiel in der Umweltbewegung oder im Klimaaktivismus. „German Angst“ werde von der oftmals konservativen Gegenseite als Kampfbegriff verwendet, die diese Bewegungen lächerlich machen wollten. Aus Zeitmangel mussten die beiden Diskutanten ihren Disput unterbrechen, denn in der zweiten Hälfte des Panels wurde die Runde erweitert: Die Schriftstellerin Thea Dorn, Naika Foroutan, Institutsleiterin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung in Berlin sowie der Psychologe Louis Lewitan kamen auf die Bühne. Thea Dorn plädierte für einen reflektierten Patriotismus, der im Umgang mit kollektiven Ängsten helfen könne und den Bürgern eines Landes Halt geben könne: „Menschen brauchen das Gefühl, da trägt mich etwas.“ Naika Foroutan widersprach dieser These. Das Selbstbild einer Nation hänge immer von der Perspektive ab. Es gebe verschiedene Narrative von nationaler Identität. Typisch deutsch sei eben auch das Hadern mit der Nation, sagte die Sozialwissenschaftlerin.

 

Nach der Veranstaltung haben wir Prof. Dr. Ute Frevert zum Hintergrundgespräch getroffen. Wir sprachen mit ihr darüber, ob es die "German Angst" heute noch gibt, welche Gesellschaftsgruppen besonders von Angst betroffen sind und ob die heutigen Ängste auch mit dem Bedeutungsverlust deer Religion zu tun haben?

Hintergrundgespräch mit Ute Frevert

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