Interview mit Heribert Prantl

Die Klappe aufmachen

„Das Mittel gegen Angst ist Begegnung“, sagt das ehemalige Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung. Eine Begegnung mit der AfD brauche man jedoch gar nicht. Eine Unterhaltung mit Heribert Prantl über Angst und Widerstand.

von Simon Rustler, Marisa Gierliger, Negin Behkam und Jann-Luca Künzberg

In Ihrer Rede haben Sie über viele Dystopien gesprochen: Insektensterben, Nationalismus, das Wegschauen der Gesellschaft - und Sie haben zum Widerstand aufgerufen. Wie soll dieser Widerstand konkret aussehen?

Mit Widerstand meine ich ja nicht die große Revolution. Ich meine nicht Aufruhr und irgendwelche gewalttätigen Umtriebe. Ich meine, dass man nicht bequem werden sollte. Jeder sollte kapieren und wissen, dass sie für diese Gesellschaft verantwortlich ist: Statt zu Hause seine Füße aufs Sofa legen und warten, selber die Zukunt mitgestalten. Jeder ist Teil der Gemeinschaft und Demokratie heißt Zukunft miteinander gestalten.

Und was genau tun?

Sie sollen in ihrem Beruf, da wo sie sind, wo sie arbeiten die Klappe aufmachen, diskutieren und wenn etwas schiefläuft, beteiligen. Und nie sagen, man kann ohnehin nichts machen.

Sie sprachen über Angst: Dass sie wichtig ist und zur Veränderung führt. Wie lässt sich eine lähmende Angst in eine produktive Furcht wandeln?

Indem sie den Hintern hochkriegen. Aus dem Machen entsteht etwas. Nichtstun führt zum Negativen.

Ein gutes Mittel gegen Angst sei Begegnung - die Begegnung mit der AfD gab es auf dem Kirchentag aber nicht.

Ich brauche keine Begegnung mit der AfD. Mit der AfD nicht - mit den Leuten aber schon. Ich will keine Begegnung mit der AfD als Institution. Ebenso keine Begegnung mit Leuten, die Menschen verachten, die Nationalismus predigen und Rassismus praktizieren. Jedes Interview mit dem Präsident des Kirchentages beginnt damit, dass die AfD nicht da ist. Als wäre das das Hauptproblem dieses Kirchentags - als gäbe es auf diesem Kirchentag ums Verrecken nichts anderes. Man soll auch mit der Art, wie man über die AfD redet, nicht die wahren Inhalte des Kirchentages verzeichnen. Ich will keine Partei einladen, die zutiefst dem widerstrebt, was Kirche und Religion lehren. Und ich werbe um die Leute, die diesen Extremisten hinterherlaufen. Aber ich will keine Gemeinschaft haben mit den Parteien, die solche Ideen verkörpern.

Sie selbst haben eine katholische Journalistenschule besucht. Welches Verhältnis haben Sie zum Kirchentag?

Ein interessiertes, ein heimatliches Verhältnis. Ich bin kein Freund der Lehren, die der Katholiken, in meiner Kirche, immer noch die dominierenden sind. Ich finde es unsäglich, wie man mit Frauen umgeht. Ich finde es unsäglich, wie langsam und zäh Ökumene verläuft. Aber gleichwohl fühle ich mich in der Kirche zu Hause. Und wenn ich in einer fremden Stadt bin, gehe ich oft als allererstes in den Dom oder in die Kirche, setze mich 20 Minuten rein und fühle mich eigentlich zuhause.

 

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