Bibelarbeit

Gehorsam oder Vertrauen?

Mit Zweifeln und Fragen, aber ohne eine befriedigende Antwort entließ Thomas de Maiziere, CDU-Bundespolitiker und Präsidiumsmitglied des Kirchentags am Freitag die Zuhörer seiner Bibelarbeit. Die alttestamentarische Geschichte von Abraham, der bereit ist, seinen Sohn Isaak zu opfern, legte er aus als Konflikt zwischen Gehorsam und Vertrauen.

Von Rolf Masselink

„Das wird keine leichte Bibelarbeit heute morgen“, versprach de Maiziere schon zu Beginn seiner Gedanken über die Geschichte aus Kapitel 22 im ersten Buch Mose. In ihr wird Abraham von Gott auf die Probe gestellt: Anstelle eines Schafs soll er seinen geliebten Sohn Isaak „abschlachten“ und als Opfer darbringen. Abraham zögert nicht, fragt nicht, widerspricht nicht. Er fesselt den Sohn und hebt das Messer.

Abraham, so de Maizieres Lesart der biblischen Geschichte, gehorche ohne Wenn und Aber. Er sei bereit, dem unbedingten Gehorsam zu Gott seinen Sohn zu opfern. Was zählt mehr? Der Wille zum absoluten Gehorsam oder die Menschlichkeit eines Vaters zu seinem Sohn? Früher, meint de Maiziere, wäre die Geschichte wohl zugunsten des Gehorsams ausgelegt worden: Unbedingter Gehorsam verspreche Rettung, „egal was du getan hast“.

Für de Maiziere eine Geschichte, die ihm „keine schöne und runde Auslegung“ ermöglicht, die Fragen aufwirft. Fragen nach Vertrauen und Gehorsam, nach Werteordnungen und Menschlichkeit. Trost finde er in dieser Geschichte nicht, gibt der ehemalige Bundesminister zu, „aber vielleicht Klarheit“. Und nähert sich dieser Klarheit mit neun Fragen:

Soll Isaak wirklich das Brandopfer sein oder nur beim Brandopfer dabei sein? Der hebräische Originaltext sei hier nicht eindeutig. Warum will Abraham dem unerbittlichen Befehl gehorchen? Aus Furcht? Würden wir einem solchen Befehl auch heute gehorchen, vielleicht als religiöse Fundamentalisten oder bei Fragen von Abtreibung oder Sterbehilfe? Warum wehrt Isaak nicht? Warum ist in der gesamten Geschichte nie von Gefühlen die Rede? Oder geht es in Wirklichkeit um eine Eltern-Kind-Geschichte um das Loslassen können? Alle diese Erklärungsversuche überfordern den Politiker, bieten ihm nicht die eine „runde“ und tröstende Erklärung für die biblische Geschichte.

„Ungeheuerlich“ sei diese Geschichte, meint Thomas de Maiziere und fragt: Wofür opfern wir Eltern heute unsere Kinder? Für die eigene Karriere oder übersteigerte Karriereanforderungen an die Kinder? Fürs Vaterland? Oder gar für sexuellen Missbrauch? Überlegungen, die es zu bedenken gilt, die de Maiziere aber zur Erklärung der Geschichte nicht weiterhelfen. „Bei Abraham geht es nicht um Dritte, es geht nur um ihn“, sagt er.

Von Vertrauen ist in dem Text nicht die Rede. Und doch geht es um Vertrauen: Wer vertraut wem? „Vertrauen braucht Gründe, braucht Beziehung. Vertrauen bestärkt und stützt“, meint de Maiziere. Es gehe nicht um blindes Vertrauen, sondern um einen Wertekonflikt und „um einen Gott, den wir nicht verstehen“.

So endet Thomas de Maiziere nach einer knappen Stunde schwieriger Annäherungsversuche an den Bibeltext mit der Feststellung: „Ich lasse Sie heute mit Zweifeln und Fragen in diesen Kirchentag gehen.“ Es gebe „ein Happy End, aber um welchen Preis?“

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