Bibelarbeit

Abraham auf dem Highway 61

Abraham wird nicht von Gott versucht, sondern geprüft - so lautet die These der Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann

von Steffen Groß

Aleida Assmann hatte sich Verstärkung gesucht für Ihre Bibelarbeit am Freitag in der Reinoldikirche: Nicht nur sie selbst interpretierte die Erzählung aus dem 1. Buch Mose (Kapitel 22,1-19) – sie ließ auch die Songs von Joan Baez, Leonard Cohen und Bob Dylan zu Wort kommen. „Dylans ,Highway 61´ ist die wohl bekannteste, aber auch merkwürdigste Interpretation unseres Textes in der Populären Kultur“, kommentierte Assmann. Der Text sei eine moderne, sehr eigene Interpretation der biblischen Erzählung, die zeige, dass dessen Interpretationsgeschichte bis heute nicht abgeschlossen sei. Der Grund dafür: „Anders als Homers Odyssee bleibt in der Geschichte von Abrahams Prüfung vieles offen und unabgeschlossen. Sie ist von vornherein auf eine unendliche Deutungsgeschichte angelegt.“

Die Erzählung ist sperrig und dunkel: Gott prüft Abraham, indem er ihn auffordert, seinen einzigen Sohn Isaak als Brandopfer zu töten. Abraham zieht mit dem Jungen auf einen Berg und antwortet auf dessen Fragen wo denn das Opfertier sei: „Gott wird sich das Tier für das Brandopfer ausersehen, mein Sohn“. Erst als der Vater den Sohn fesselt und das Messer schon in der Hand hält, greift eine göttliche Stimme ein. So wird anstelle des Kindes ein Widder geopfert, der sich im Gestrüpp verfangen hat. Gott verspricht Abraham darauf hin reichen Segen, weil dieser ihm bis zum Äußersten Gehorsam erwiesen hat.

„Wie der Vater danach mit dem Sohn umgeht wie Isaak das Geschehene verkraftet, ist kein Gegenstand der Erzählung“, so Assmann weiter. „Es kommt darauf an, dass Gott mit Abraham einen Bund schließt. Erst wenn Abraham nicht mehr nur der Nehmende, sondern auch der Gebende ist, erst dann ist dieser Bund synchron. Dafür muss Abraham bereits sein, das Wichtigste zu geben, das er hat – und damit auch seine Zukunft.“

Diese Erzählung folge keinem kulturellen Muster, so Assmann weiter. „Aber sie wurde selbst zu einem kulturellen Muster, der Text wurde immer wieder neu verstanden, mit Traditionen angereichert und zum Muster der Lebensführung gemacht – bis zum Martyrium.“ Die Literaturwissenschaftlerin erwähnte dabei nicht nur Dylan, Baez und Cohen, sondern auch den jüdischen Wissenschaftler Erich Auerbach. Dieser war vor den Nationalsozialisten ins Exil geflohen und trug seine eigene Geschichte in die alte Erzählung ein: Auerbach verstand sich und sein jüdisches Volk als Gläubige, die (wie Abraham) selbst in der existentiellen Prüfung durch den Terror der Nazis an ihrer jüdischen Identität festhielten und sich so als ebenbürtige Partner Gottes erwiesen.

Und die Erzählung sei bis heute wirkmächtig, betonte Assmann: Heute berufen sich Eltern in Israel darauf, wenn sie ihre Kinder in den Krieg schicken.“ Die Deutungsgeschichte geht weiter.

Diese Seite teilen
Newsletter abonnieren Bleiben Sie immer über unsere neuesten Aktivitäten informiert und abonnieren Sie unseren regelmäßigen Newsletter.