Interview/Bibelarbeit

"Nur reden, wenn man was zu sagen hat"

Eine Sprache wie im Alltag und den Abschied vom immer nur lieben und netten Gott - das wünscht sich Politikberater Erik Flügge von der Kirche

von Steffen Groß

„Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“, so heißt eines der Bücher von Erik Flügge. Der 33jährige Politikberater und Autor stammt selbst aus der katholischen Jugendarbeit. Heute will er den Kirchen helfen, den richtigen Ton zu treffen. Am Rande seiner Bibelarbeit stellte er sich den Fragen der Multimedia-Redaktion des Kirchentags.

Was müssen Pfarrerinnen und Pfarrer neu lernen, um die Menschen für Gott zu begeistern?

Erik Flügge: Zuerst sollten sie nur dann reden, wenn sie wirklich etwas Entscheidendes zu sagen haben. Viel zu viele Predigten, die ich höre, haben nichts oder nur wenig zu sagen. Dann ist besser, den Mund zu halten. Und  Prediger sollten aus der geprägten kirchlichen Sprache aussteigen und so reden, wie sie es auch im Alltag tun: echt, frisch und ohne falsches Pathos.

Wie kann das klappen?

Jeder, der predigt, sollte sich um ein ehrliches Feedback bemühen und Menschen in der Gemeinde suchen, die auch mal sagen: „Herr Pfarrer, was haben Sie da für einen Mist erzählt?“ In anderen Berufen, die mit Sprache arbeiten, ist das selbstverständlich, etwa im Journalismus oder in der Werbung. Warum nicht auch in der Kirche?

Reicht das, damit sich mehr Menschen in den Gottesdienst locken lassen?

Nein. Für mich persönlich passt das Format des normalen Gottesdienstes am Sonntagmorgen nicht. Ich wünsche mir Gottesdienste, die nicht jede Woche stattfinden, aber dafür mit ganz viel Liebe vorbereitet und inszeniert werden – so wie hier auf dem Kirchentag.

Was muss noch passieren?

Ich möchte unbedingt schon vor dem Gottesdienst wissen, welche Emotionen mich erwarten. Ich lasse mir ungern von Pfarrern vorschreiben, wie ich mich zu fühlen habe. Aber genau das passiert mir immer wieder. Wenn ich in Trauergottesdienst gehe, weiß ich, welche Gefühle dabei unterwegs sind, und kann dann entscheiden, ob ich das heute brauche oder nicht. Bei einem Karnevals-Gottesdienst weiß ich, dass es witzig wird, bei einer Konfirmation erwartet mich vermutlich ein feierlicher Gottesdienst. Vielleicht sollten die Pfarrer generell schon vorab ankündigen: „Heute wird es fröhlich“. Oder eben ernst, nachdenklich, traurig oder witzig. Wir sollten unsere Gottesdienste nicht so sehr auf unterschiedliche Zielgruppen zuschneiden, sondern mehr auf die verschiedenen emotionalen Bedürfnisse.

Müssen sich auch die Inhalte ändern?

Unbedingt. Wir müssen endlich aufhören, Gott auf das zu reduzieren, was uns an ihm gefällt. Gott ist nicht nur lieb oder gut. Dass alles gut wird bei diesem Gott, das ist einfach gelogen. Gott ist alles, wirklich alles – und darum auch jeder Scheiß.  Das Buch Hiob, aus dem der Text meiner Bibelarbeit stammt, weiß davon eine Menge zu erzählen. Wir sollten dringend diese Doppelgesichtigkeit Gottes ernst nehmen und nicht immer nur den guten Gott bejubeln und beklatschen. Wir sollten Gutes und Böses aus Gottes Hand annehmen – so wie Hiob. Um Gott wahrhaft gerecht zu werden, müsste die Hälfte unserer Gebete angewidert ausgesprochen werden: „Ja, Gott, wir sehen, dass du uns wieder mit Elend überhäufst.“ Nur wer die widerliche Fratze Gottes erträgt, wird Gott ganz sehen.

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