Interview

„Wir benutzen das Wort Migrant nicht mehr“

Erstmals war Leoluca Orlando zu Gast bei einem Evangelischen Kirchentag. Die Multimedia-Redaktion des Kirchentags hatte Gelegenheit zu einem Interview.

von Wolfgang Heilig-Achneck

Sein erfolgreicher Kampf gegen die Mafia hat ihn in aller Welt bekannt gemacht. Weil er sich nicht einschüchtern ließ und alle Drohungen unbeugsam überstand, findet er vor allem für seinen Mut vielfache Bewunderung. Inzwischen kämpft Leoluca Orlando (71) nicht weniger tapfer für das Recht auf Leben und Schutz von Flüchtlingen.

Hand aufs Herz, Signore Orlando, hatten Sie nie Angst?

Leoluca Orlando: Ich spreche lieber von Sorge als von Angst – und die gab es natürlich. Angst ist ein wesentlicher Bestandteil der Macht der Mafia. Um sie zu brechen, haben wir in Palermo auch versucht, sie als Schande zu brandmarken. Und die wollen die Menschen, zumindest die übergroße Mehrheit, nicht auf sich sitzen lassen.

Gibt es einen Bezug zwischen Ihrem Engagement gegen die Mafia und dem heutigen für offene Häfen und eine menschenwürdige Aufnahme von Flüchtlingen?

Ja, eben die Überwindung von Angst und Schande. Was im Mittelmeer passiert, ist eine Schande. Wir in Palermo wollen aber keine Angst vor Fremden haben oder gar schüren. Denn das mündet in Gewalt. Wir kümmern uns um sie, wir lassen niemanden verhungern, verdursten oder erfrieren, wir helfen und bieten öffentliche Leistungen – ohne zusätzliche staatliche Mittel zu verlangen. Ich bin Mensch, jeder ist Mensch, zusammen sind wir eine Gemeinschaft. Das ist unser Lebensstil und unsere Kultur geworden.

Wie schaffen Sie es, dass auch die Bevölkerung mitzieht?

Indem wir klarmachen, dass Migration Teil der Geschichte und Kultur von uns allen ist. In jeder Familie gibt es Auswanderer, Vertriebene oder Flüchtlinge, in allen Jahrhunderten, aus wirtschaftlichen, religiösen oder politischen Gründen. Im übrigen zieht unsere Offenheit junge Leute, Künstler, Investoren und Veranstalter an – und wir haben mehr Touristen als Venedig.

Aber das Wort „Migrant“ soll in ihrer Stadtverwaltung nicht mehr gebraucht werden.

Weil es politisch negativ besetzt ist. Es wird benutzt, um eine Gefahr zu suggerieren und wurde Symbol für eine populistische Panikmache. Wir sehen aber jeden, der auf dem Boden von Palermo lebt, als Einwohner, schreiben ihn ins Melderegister und geben ihm oder ihr eine reale Existenz.

Verstößt das nicht gegen neue Gesetzen der Regierung mit Innenminister Matteo Salvini?

Doch, kürzlich sind deshalb zwei Kollegen von mir aus anderen Städten schon verurteilt worden. Ich warte seit ein paar Monaten darauf, dass auch ich angeklagt werde. Wir haben ja das Problem, dass die neuen Regelungen gegen unsere Verfassung und die Grundwerte verstoßen – und deshalb eigentlich Unrecht sind. Wenn ich mich verteidigen müsste, würde ich mich darauf berufen, dass ich das italienische Recht respektiere, zu dem der Schutz von Minderheiten, Schwachen, Ausgegrenzten und Flüchtenden gehört. Ich kenne mich da ganz gut aus – als ehemaliger Juraprofessor.

Vor vier Jahren haben Sie maßgeblich die „Charta von Palermo“ mitverfasst. Was steht da drin?

Vor allem geht Freizügigkeit als unveräußerliches Menschenrecht. Denn niemand kann sich den Ort aussuchen, an dem er oder sie geboren wird. Und wenn alle Menschen gleich sind, kann ein Recht auf Freizügigkeit nicht nur den EU-Bürgern zugestanden, aber zum Beispiel aus Ghana, Usbekistan oder Mexiko versagt werden. Außerdem geht es bei alledem eben nicht allein um die Flüchtlinge, sondern letztlich um uns selbst und die Selbstachtung: Menschenleben aus Seenot zu retten, bedeutet auch, unsere Menschlichkeit zu retten. Wir müssen unser Recht respektieren, weil es ja auch für uns selbst gilt.

Sie sind eine Art Multitalent – und haben früher zum Beispiel auch als Schauspieler aufgetreten und Bücher geschrieben.

Viele Episoden und Erfahrungen schildere ich in dem Band „Der sizilianische Karren“. Und das Buch „Ich sollte der Nächste sein“ habe ich sogar eher für Leser in Deutschland und einigen anderen Länder geschrieben; in Italien ist es gar nicht erschienen.

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