Christlich-muslimische Bibelarbeit

„Hiob ist überall und immer“

Wann ist das Leben noch lebenswert? Wie geht ein Mensch mit dem Zusammenbruch aller Lebenssicherungen um? Eine interreligiöse Reise mit den Theologen Johanna Haberer und Mouhanad Khorchide durch die Geschichte Hiobs, dessen Vertrauen von Gott auf eine harte Probe gestellt wird.

Von Negin Behkam, Jana Küchler, Santiago Reinbold und Lena Renner

Die Gewissheiten werden weniger, das Vertrauen wird nicht unbedingt gestärkt. Als Buch der Bibel, das vom Ende des Gottvertrauens kündet, beschreibt die evangelische Theologin Johanna Haberer das Buch Hiob. Das Konzept „do ut des“, „ich gebe, damit du gibst“, wonach ein gottesfürchtiges Leben mit Glück belohnt wird – dieses Konzept werde mit Hiob grandios zerschlagen. 

Dabei spielt die Geschichte nicht in Israel – es sei nicht wichtig, wann und wo sie sich ereigne: „Hiob hat keinen Platz in der Geschichte. Er hat einen Platz in der menschlichen Existenz an allen Zeiten und allen Orten.“ Auch im Koran spielen die historischen Details der Geschichte keine Rolle. Hiobs Leid steht symbolisch für alles andere menschliche Leid, so der Islamwissenschaftler Khorchide.

Als reicher Scheich führt Hiob ein vollkommenes und gottgefälliges Leben. Er hat eine Frau und zehn Kinder, es fehlt ihm an nichts. Doch dann zweifelt Satan Hiobs Frömmigkeit an und Gott erlaubt ihm, ihn auf die Probe zu stellen. Hiob verliert seine Kinder, seinen Besitz und seine Gesundheit – sein Gottvertrauen bleibt.

Trotzdem hadert er natürlich mit seinem Schicksal. Er ist sich keiner Schuld bewusst, sondern tritt in einen inneren Dialog über die Frage nach Schuld und Unschuld, Gut und Böse. Auch im Koran ist Hiob ein Beispiel für Geduld und Gottvertrauen. Khorchide meint, dass Leiden nicht gottgewollt ist. Gott greife nicht unmittelbar in die Welt ein. In der modernen Islaminterpretation wird Gottes Wirken als Inspiration des Menschen gesehen.

Nach Khorchides Interpretation ist Satan kein eigenes Wesen. Er symbolisiert das Böse im Menschen: Hass und Neid. Im „großen Dschihad“, der Auseinandersetzung mit dem eigenen Inneren, gilt es, das Böse zu erkennen und ins Gute umzulenken, den Satan zu besiegen.

Die Geschichte Hiobs beschäftige sich mit der Schmerzgrenze der Sinnfragen des Lebens, so Haberer. Die Verneinung Gottes werde gedacht. Hiob befinde sich in einer Situation, in der man eigentlich nur noch sterben will – körperlich und seelisch aller Würde beraubt. Doch er überwindet die Todessehnsucht und geht schließlich zu Widerstand und Selbstbehauptung über. Es folgen 38 Bibelkapitel, in denen sich Hiob auflehnt und Gott zum Wettstreit aufruft.

Das Buch Hiob findet laut Haberer kein befriedigendes Ende: Das Match endet unentschieden, alle Fragen bleiben offen. Doch Hiob hört nicht auf, mit Gott zu reden. Er zieht Stärke aus seiner Wut gegen Gott. So liegt in der durchlebten Verzweiflung auch Heilung und Trost. Die Geschichte von Hiob markiert das Ende eines Gottes, dem man vertrauen kann, und den Anfang eines Gottes, dem ich vertrauen will.

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