Forum „Offene Häfen“

Eindringlicher Appell für Flüchtlingsrettung

Der "Löwe von Palermo" berichtete vom Kampf gegen das Sterben auf dem Mittelmeer.

Von Wolfgang Heilig-Achneck

Er stand auf den Todeslisten der Mafia – und hat es doch geschafft, ihre Macht zu brechen: Dass ausgerechnet Palermo heute als eine der sichersten Städte von Italien gilt, ist vor allem Leoluca Orlando zu verdanken. Heute macht sich der Oberbürgermeister für allem für einen menschlichen Umgang mit Flüchtlingen stark und damit für offene Häfen. Ganz kurzfristig zum Kirchentag eingeladen, warb der 71-jährige Jurist und Politiker in der Westfalenhalle eindringlich für ein Recht auf Rettung aus Seenot und auf Asyl. Bei der zusätzlich ins Programm genommenen Veranstaltung empfingen ihn einige tausend Teilnehmende in der Westfalenhalle mit begeistertem Applaus.   

„Was im Mittelmeer passiert, ist eine Schande – so wie die Mafia eine Schande für Palermo war“, sagte das vor zwei Jahren mit großer Mehrheit wieder gewählte Stadtoberhaupt. „Wenn wir den Regierungen erlauben, die Recht der Menschen auf Schutz und Leben nicht mehr zu respektieren, nur weil sie aus einem anderen Kontinent kommen, erlauben wir Willkür.“ Diese könne sich eines Tages gegen uns selbst richten. Schon mitten in der sogenannten Flüchtlingskrise habe seine Stadt mit der „Charta von Palermo“ unter dem schlichten Titel „Ich bin Mensch“ versucht gegenzusteuern. „In Palermo wollen wir nicht Angst vor den Fremden haben und sie als Gefahr ansehen. Wer Angst und Hass sät, erntet Gewalt.“ Ausdrücklich würdigte er die deutsche „Willkommenskultur“ als Vorbild für Europa. „Darauf sollten Sie alle stolz sein.“ Dabei will er mit einer länderübergreifenden Allianz von Bürgermeistern und der Zivilgesellschaft gegen jene Politik aufbegehren, die die Menschenrechte verletze. Motto: „Wir integrieren. Wir sind Gemeinschaft! Wir sind ein sicherer Hafen!“

Das Meer zum Verbündeten der „brutalen Flüchtlingsabwehr“ zu machen, prangerte Kirchentagspräsident Hans Leyendecker  als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ an. Flüchtlinge  ertrinken zu lassen, sei Tötung durch unterlassene Hilfeleistung. Bei der Begrüßung von Orlando zog er noch eine aufrüttelnde Parallele: „Die Mafia in Italien ist das, was das Gemeinwesen zerstört. In Deutschland sind das die Neonazis und der Antisemitismus.“

Mit einem flammenden Appell, umgehend zumindest die 43 seit einer Woche auf der „Sea Watch“ vor Italien festsitzenden Flüchtlinge aufzunehmen, wandte sich der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm an die Bundesregierung. „Wir nehmen sie jetzt beim Wort und verlangen umgehend konkrete Schritte und nicht nur grundsätzliche Erklärungen“, sagte der Bischof, unterstützt von lebhaftem Beifall. Zuvor hatte er aus einem kurz zuvor eingegangenen Schreiben von Innenminister Horst Seehofer zitiert, in dem dieser zwar seine Anerkennung für das christliche Engagement ausdrückt, aber weiter nur auf eine europäische Verständigung zu dringen verspricht. „Europa verliert seine Seele, wenn wir so weitermachen!“ Über die Lösung des akuten Falles hinaus müsse sichergestellt werden, „dass nicht bei jedem Schiff jeweils neu verhandelt werden muss und dass sich nicht die Retter von Menschenleben rechtfertigen müssen, sondern diejenigen, die das verhindern“.

Über die aktuelle Situation und vielfältige Bemühungen, die Aufnahme von geretteten Flüchtlingen zu organisieren, berichteten außerdem Mattea Weihe von Sea Watch und Sonya Bobrik von der Aktion „Seebrücke“. Der Oberbürgermeister von Düsseldorf, Thomas Geisel, bekräftigte ebenso wie die Dortmunder Sozialdezernentin Birgit Zoerner die Bereitschaft ihrer wie von inzwischen mehr als 60 weiteren Städten, gerettete Flüchtlinge über das vorgesehene Kontingent hinaus aufzunehmen. Menschenrechte würden oft nur in Sonntagsreden beschworen, meinte Geisel. „Was im Mittelmeer passiert, ist dafür der Lackmustest – für Europa, unser Land und die Kommunen.“ Eine zynische Verhöhnung des Rechts sei es schließlich, alle Helfer auf eine Stufe mit kriminellen Schleusern zu stellen. Dabei reiche eine offene Haltung der Kommunen nicht aus, bekräftigte Zoerner. „Hier ist vor allem die Bundesrepublik gefordert.“

Wenigstens eine gute Nachricht konnte Präses Annette Kurschus weitergeben: Mit italienischen Partnern werde die Evangelische Kirche von Westfalen in diesem Sommer im Rahmen des Projekts „Nest“ 120 besonders belastete und verletzliche Flüchtlinge aus Libyen aufnehmen.

Foto: Fabian Weiss

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