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Bestattungskultur 2.0

Highway to Hell bei einer Trauerfeier? Pastorinnen und eine Soziologin haben mit dem Kirchentagspublikum diskutiert, wie sich die Bestattungskultur verändert und wie die Kirche reagieren kann - oder muss? Wir haben Kirchentagsbesucher gefragt, was sie sich für ihre Beerdigung wünschen und Pastorin Anne Gidion berichtet im Interview von brennenden Brotkörben im Taufbecken.

von Tomke Giedigkeit, Marie-Thérèse Harasim, Rebecca Hornung

Die Asche des toten Körpers, gepresst zu einem funkelnden Diamanten. Könnten Sie sich vorstellen, so beerdigt zu werden?

Die Wünsche für die Beerdigung und die Trauerfeier werden immer individueller. Unter dem Motto "Bestattungskultur 2.0" diskutierten Kirchenvertreterinnen und eine freie Trauerrednerin am Donnerstag mit dem Kirchentagspublikum, wie die Kirche dem Wunsch nach persönlicheren Beisetzungen erfüllen kann - ohne dabei zu einem Produktdienstleister zu werden.

Wie Kirchentagsbesucher über den Wandel der Bestattungskultur denken - und wie sie selbst beerdigt werden wollen

 

Popsongs statt Gesangsbuch

Popsongs statt Gesangbuch

"Viele Leute wollen bei einer Trauerfeier keine Predigt mehr hören", weiß Pastorin Emila Handke, Leiterin Kirche im Dialog. Stattdessen wollen sie die Persönlichkeit des Verstorbenen in den Fokus rücken. Die Kirche sei bei der Beerdigung nur noch eine von vielen Mitspielern. Das birgt Konfliktpotential bei der Gestaltung: Statt Liedern aus dem Gesangbuch, werden bei Beerdigungen immer häufiger Popsongs gewünscht. Die Forscherin Cäcilie Blume fand in einer 2014 veröffentlichten Befragung von Pastoren und Pastorinnen heraus, dass "Time to Say Goodbye" der meist gewünschte Song auf Beerdigungen ist. Unter den Top 20 ihrer Studie "Populäre Musik bei Bestattungen" finden sich auch Songs wie "Ein Stern, der deinen Namen trägt" von DJ Ötzi und "Nur die Besten sterben jung " von den Böhsen Onkelz.

Die Trauerfeier-Charts

  • Time to Say Goodbye (Andrea Bocelli)

  • My Way (Frank Sinatra)

  • Tears in heaven (Eric Clapton)

  • Ave Maria (Charles Gounod/J.S. Bach)

  • Der gute Kamerad

  • 's Feierabend

  • Im schönsten Wiesengrunde

  • Der Weg (Herbert Grönemeyer)

  • Candle in the Wind (Elton John)

  • Air (J.S. Bach)

Quelle: Cäcilie Blume 2014, Populäre Musik bei Bestattungen
 

Nicht alle Protestanten lassen sich auch kirchlich beerdigen

Angehörige in ihrer Trauer zu begleiten gehört wohl zu den anspruchsvollsten Aufgaben von Pastor*innen. "Durch Trauerfeiern reifen Pastoren in das Amt hinein", sagt Anne Gidion. Als Rektorin leitet sie das Pastoralkolleg Ratzeburg. Für manche Pastor*innen seine die sinkenden Zahlen evangelischer Bestattungen erstmal eine Kränkung, merkt Gidion. "Doch die Kirche darf nicht dasitzen und ihre Wunden lecken".

Es sind nicht nur die Konfessionslosen, die sich frei bestatten lassen. In Mecklenburg-Vorpommern werden nur 70 Prozent der Verstorbenen mit evangelischer Konfession auch evangelisch beerdigt. In Hamburg liegt der Anteil mit 50 Prozent noch niedriger. "Wir müssen uns die Frage stellen, was macht der Rest?", sagt Handke.

Viele der Angehörigen wenden sich an einen freien Trauerredner*in, mit dem sie gemeinsam die Zeremonie gestalten. Damit kennt sich die Soziologin und Mitarbeiterin eines Krematoriums Juliane Uhl aus. "Für einige Menschen sind Bestattungen eine große finanzielle Belastung", berichtet Uhl. Gleichzeitig wünschten sich manche Menschen, möglichst wenig Aufwand für ihre eigene Beerdigung. "Ihre Urne soll zum Beispiel auf einer Wiese beigesetzt werden, ganz ohne Namen". Diesen Trend findet die Soziologin aus gesellschaftlicher Sicht problematisch: "Manche Menschen sind es sich selbst nicht mehr Wert eine feierliche Beerdigung zu erhalten und erinnert zu werden". Doch zu einer Gesellschaft gehöre auch die Erinnerung an ihre Toten.

Wie sehr sich die Bestattungskultur im Wandel befindet, zeigt der Blick auf die vergangenen 50 Jahre.

 

  • 1963: Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgericht dürfen Friedhofsträger nicht willkürlich die Gestaltung der Gräber einschränken

  • 1986: Die erste Aschewiese wird in Rostock eröffnet

  • 1998: Das erste Trauerportal im Internet geht online

  • 2001: Der erste Friedwald öffnet

  • 2003: Nordrhein-Westfalen schafft als erstes Bundesland den Sargzwang für Muslime ab

  • 2004: Sterbegeld wird abgeschafft

  • 2006: Erstmals wird eine Gemeindekirche zu einer Begräbniskirche umgewandelt

  • 2008: Für HSV-Fans wird ein spezielles Grabfeld nahe dem Stadion in Hamburg eröffnet

  • 2014: Der erste Lesbenfriedhof wird in Berlin eröffnet

  • 2015: Bremen erlaubt, unter speziellen Auflagen, Asche auf Privatgrundstücken und einigen öffentlichen Flächen auszustreuen

Trotz der Veränderungen in den evangelischen Trauerfeiern gibt es ein Element, auf das von vielen Angehörigen immer noch großen Wert gelegt wird: "Der gesprochene Segen ist sehr wichtig", sagt Anne Gidion.

Neun Fragen an Anne Gidion

Im Interview berichtet die Rektorin des Pastoralkollegs von der brennenden Brotkörben während des Gottesdienstes, welche Lieder bei Trauerfeiern nicht gespielt werden und was es mit Gottesdienst to go auf sich hat.

Was war der außergewöhnlichste Wunsch für einen feierlichen Gottesdienst, der Ihnen geäußert wurde?

Es war weniger der Wunsch, sondern das, was passierte. Bei einer Taufe waren die Teilnehmenden ungeübt mit dem Abendmahl. Wir hatten Abendmahl gefeiert mit Brotkörben und Kerzen auf dem Altar. Einer hatte den Korb auf den Altar gestellt - und dann fing der Korb an zu brennen. Aus Reflex habe ich diesen Brotkorb ins Taufbecken geworfen, damit der irgendwie gelöscht wird. Dann haben wir weiter Abendmahl gefeiert. Am Schluss kamen welche aus der Tauffamilie und sagten: "Machen Sie das immer?"

Die Leute halten die erstaunlichsten Dinge für denkbar. Dass Kirche ein bizarrer Ort wäre, an dem man eben solche Sachen macht. Brennende Brotkörbe in Taufbecken werfen, warum denn nicht?

Die Bestattungskultur wandelt sich. Wie bemerken Sie das in der Musikauswahl?

Es kommt sehr drauf an, ob Stadt oder Land, ob kirchennah oder kirchenfern. Es gibt sehr starke Traditionen, zum Beispiel die Choräle "So nimm denn meine Hände" und "Großer Gott wir loben dich". Es gibt aber tatsächlich auch "Stairway to Heaven" oder "Junge komm' bald wieder" oder auch "Mein Freund der Baum". Es ist eine riesige Palette.

Wo ziehen Sie die Grenze?

Wenn es nicht rassistisch, sexistisch, menschenfeindlich, grundgesetzwidrig, homophob ist oder ein solches Menschenbild transportiert, würde ich immer erst einmal mit den Menschen reden. Ehrlich gesagt teile ich das Menschenbild von manchen Gesangbuch-Liedern auch nicht. Das ist auch nicht dichter an den Menschen dran. Grundsätzlich gilt: Ein Liedwunsch ist ein Gesprächsauftakt und sagt etwas über die Leute selbst. Das möchte ich erst einmal verstehen.

Was ist mit "Highway to Hell"?

Geht aus meiner Sicht nicht. Aber ich würde immer mit den Menschen darüber reden. Nicht sagen: "Das geht nicht." Sondern: "Ihr Lieben, wir sind im 21. Jahrhundert, wir glauben nicht mehr an die Hölle". Und sie fragen: "Was meint ihr mit dem Lied?" Ich würde jetzt nicht mit dröhender Band in der Kirche "Highway to Hell" spielen, das ist nicht mein Glaube.

Gibt es ein Element, dass bei Trauerfeiern immer noch sehr gefragt ist?

Ganz klar, der Segen. Segen ist für mich das Lunchpaket und die Wanderdecke. Segen ist sozusagen Gottesdienst to go. Segen wird bei allen Gelegenheiten ganz stark nachgefragt, auch für Häuser oder Tiere. Haustiere werden auch an Amtshandlungen beteiligt. Das kann man sich nicht groß genug vorstellen, was da passiert. Wichtig finde ich für die Kirche, nicht zu sagen, wo die Grenze ist, sondern was möglich ist.

Sollte man die eigene Beerdigung planen, zum Beispiel welches Lied gespielt werden soll?

Bestattungen sind für die Lebenden. Es gibt einfach mal irgendetwas im Leben, was ich nicht planen kann.

Was kann die Kirche von den freien Bestatter*innen lernen?

Diese radikale Kundenorientierung der Bestatter*innen, die erst einmal bedeutet, wertfrei sein bestes geben. Und nach allgemein menschlichen Themen gucken. Davon ausgehen, dass Leute bedürftig sind, dass sie Kontingenz bewältigen wollen, dass sie Sehnsucht nach Begleitung und haben und danch, gesehen zu werden. Diese Sehnsucht ist transkonfessionell. Menschen möchten gesehen werden. Bei Bestattungen haben freie Redner'innen nur diese eine Aufgabe. Im Pfarramt gibt eine große Vielfalt an Aufgaben, Trauerbegleitung ist die filigranste. Wenn man selber auf dem falschen Fuß erwischt wird und in drei Minuten fängt der Konfirmandenunterricht an, dann ist es manchmal ganz schwer diese volle Kraft für die Menschen aufzubringen. Freie Redner*innen haben einfach den großen Vorzug, dass sie diese Aufgaben und nur diese machen.

Gibt es ein Lied, das Ihnen gut tut, wenn Sie trauern?

Mein Vater ist in der Adventszeit verstorben und sein Lieblingslied war "Tochter Zion". Das haben wir bei seiner Trauerfeier gesungen - obwohl das gar kein Trauerlied ist. Aber seitdem ist es für mich damit aufgeladen. Je nachdem wie ich gestimmt bin, macht es mich traurig oder glücklich. Ich kenne das, dass ein Lied sich durch die eigene Geschichte auflädt.

Gibt es das bei Popmusik auch für Sie?

Ja, klar! "Just the way you are" von Bruno Mars.

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