Gedenken zu Beginn

Gegen die neuen Stimmen des Hasses

Wenn Rechte wieder erstarken, wird das Gedenken wichtiger denn je: Am ehemaligen Folter-Gefängnis der Gestapo erinnert der Kirchentag an die Opfer von Rassismus und Antisemitismus.

von Marie-Thérèse Harasim, Teresa Roelcke, Maike Verlaat und Lina Verschwele

Bis heute bleibt die Atmosphäre beklemmend: Die Schritte hallen von den steinernen Wänden wider, die Eisentreppen zum Keller scheinen direkt in die Unterwelt zu führen, die Räume sind in schmutzigem Braungrün gestrichen. Als „Hölle Westdeutschlands“ war die Steinwache im Dritten Reich bekannt. Die Gestapo nutzte den Bau, um Menschen zu verhören und zu foltern. Mehr als 66.000 Personen wurden hier zwischen 1933 und 1945 gefangen gehalten. Eine Sekretärin der Wache beschrieb ihren Chef so: „Nachdem er an dem verschärften Vernehmen Geschmack gefunden hatte, schien er immer tiefer und tiefer zu sinken, Stufe für Stufe.“ Andere Aussagen erzählen davon, dass ganze Räume neu tapeziert werden mussten, weil das Blut der Gefolterten die Wände bedeckte.

Als im Dritten Reich Synagogen brannten und Juden deportiert wurden, stellte sich nur ein kleiner Teil der Evangelischen Kirche gegen die Nazis. In Tradition der Bekennenden Kirche hält der Kirchentag diesmal an der Steinwache sein Gedenken zu Beginn und erinnert so an die Opfer von Rassismus und Antisemitismus.

Vor rund 200 Gästen blinzeln Dortmunds Rabbiner Baruch Babaev und Kirchentagspräsident Hans Leyendecker in die Sonne. Es sei nur logisch, den Evangelischen Kirchentag an Orten wie diesem zu beginnen, sagt der Rabbiner Babaev– die Steinwache erinnere daran, wie tief Menschen und ganze Gesellschaften sinken können. Babaev warnt davor, dass die Stimmen des Hasses von rechts wie von links immer lauter würden. Neben der Hetze der Neonazis „gibt es heute auch Versuche, aus dem alten Antisemitismus eine neue Israelfeindschaft zu machen“, kritisiert Babaev. „Und doch haben wir unser Vertrauen in die Gesellschaft nicht verloren.“ Die vielfältigen Aktionen gegen Rassismus und Antisemitismus in Dortmund „mehren das Vertrauen unserer jüdischen Gemeinde in diese Stadt und dieses Land“. Babaev erzählt von seiner Tochter, die erst vor wenigen Stunden in Dortmund geboren wurde. „Sie hat das Licht der Welt erblickt, weil ihre Eltern nicht das Vertrauen in diese Gesellschaft verloren haben.“

Der Hass trifft nicht nur Jüdinnen und Juden: Im Jahr 2006 tötete der rechtsterroristische „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) in Dortmund den Kiosk-Besitzer Mehmet Kubasik. Bis zur Enttarnung des NSU fiel der Tatverdacht der Polizei auf die Familie des Opfers. Immer wieder war in den Medien von Verwicklungen in die Mafia die Rede. „In dem man mit Hunden die Wohnung durchsuchte, war der Stempel aufgedrückt worden“, wird Mehmet Kubasiks Frau Elif zitiert. Über die Ermittlungen des Staates sagt sie: „Ich glaube, man hat sich auf beiden Augen blindgestellt.“ Bei der Gedenkveranstaltung inszeniert eine Tanzgruppe aus Dortmund um Sarah Jasinszczak Elif Kubasiks Erinnerungen in einer Performance. Sie enden mit dem Zitat: „Der Kampf geht weiter.“

Hier sprechen Gäste der Gedenkveranstaltung über die Performance und die Rolle der Evangelischen Kirche.

Die Mörder von Mehmet Kubasik kamen aus Zwickau. Aber auch Dortmund hat nach Einschätzung des Verfassungsschutzes eine besonders gewaltbereite und gut vernetzte Neonazi-Szene. Der mutmaßliche Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke hatte Verbindungen in die Stadt. Doch es gibt auch einen starken Gegenpol: einen Verein für Opferhilfe, eine Aussteigerinitiative oder Runde Tische gegen Rechts - viele Menschen engagieren sich gegen Neonazis.

Davon berichtet Pfarrer Friedrich Stiller von der Initiative „Christen gegen Rechtsextremismus“. Das Motto der Vereinigung spricht für sich: Unser Kreuz hat keine Haken“. Seit 2005 setzen sich die Mitglieder für eine demokratische Gesellschaft ein. Stiller hat viel zu tun: Wenn Neonazis an Hitlers Geburtstag den Europawahlkampf eröffnen, wenn sie offiziell beim Oberbürgermeister anfragen, wie viele Jüdinnen und Juden in bestimmten Bezirken leben, oder wenn ein verurteilter Täter am Todestag seines Opfers ein T-Shirt trägt mit dem Slogan: Was sollte ich bereuen?

Besonders stolz ist Stiller auf eine Demonstration vor einigen Wochen, bei der Christen, Juden und Muslime gemeinsam gegen Neonazis protestierten. An diesem Tag sieht ebenso zufrieden aus. Am Ende der Veranstaltungen stimmen Dutzende in das Lied „We shall overcome“ ein. Auch das ist Dortmund.

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