Mein Kirchentag
Hauptvortrag

Bundespräsident: In Wahrheit investieren

Hat in der digital vernetzten Welt die Vernunft noch eine Chance? Oder gerät die Welt angesichts wachsender Verunsicherung durch den digitalen "Dauerregen" vollends aus den Fugen? Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und die Philosophin Susan Neiman fordern die Wiederentdeckung der Grundüberzeugungen der Aufklärung und der westlichen Wertegemeinschaft.

von Rolf Masselink

Das war noch einmal ein echter Höhepunkt dieses Berliner Kirchentages: Voll besetzt die riesige Halle 25 des Messegeländes. Hauptvortrag und Diskussion mit dem Bundespräsidenten immer wieder begleitet von tosendem Applaus. Und einem offensichtlich brennenden Interesse der Menschen am Thema der Veranstaltung "Ist die Vernunft noch zu retten?"

"Was anderes soll uns denn retten als die Vernunft?" fragte Frank-Walter Steinmeier am Schluss seines Vortrages, in dem er eine kritische Bestandsaufnahme der digital vernetzten Gegenwartsgesellschaft vorlegte. Angesichts der "Litanei des alten und neuen Unsinns" mit abstrusen Verschwörungstheorien, dem Ignorieren von Fakten und einer "neuen Faszination des Autoritären" scheine das Erbe der Aufklärung in Vergessenheit geraten, so seine Analyse. Steinmeier sieht einen "grassierenden Verlust an Vernunft", der schwer zu erklären sei. Mancherorts scheine "Wahrheit nicht mehr zu zählen“.

"Wir stehen erst ganz am Anfang einer neuen Debatte über Globalisierung", so der Bundespräsident. Das digitale Zusammenwachsen der Welt schaffe einen "weltweiten Synchronisierungsdruck", mit dem die menschliche Anpassungsfähigkeit nicht Schritt halte. Das rufe Gegenreaktionen hervor, die ernst genommen werden müssten.

"Hass und Häme werden Spuren hinterlassen"

Das Internet liefere eine Flut von Informationen, die nicht mit Wissen verwechselt werden dürfen. Vieles in jenem "Dauerregen von Informationen" sei getrieben von Schuldzuweisungen und der Suche nach Selbstbestätigung. "Gefühlte Wahrheiten" träten an die Stelle überprüfbarer Fakten. Steinmeier warnt: "Hass, Häme und Härte in den Online-Kommentaren werden in der Gesellschaft dauerhafte Spuren hinterlassen.“ Wenn das Streuen von Fake-News auch in der Politik Methode werde, stecke darin "eine existenzielle Gefahr für unser Gemeinwohl".

Gegensteuern müsse man mit Investitionen "in Systeme, die Wahrheit produzieren" – in Schulen und Hochschulen, aber auch in Medien, deren Antrieb Neugier und die Suche nach Wahrheit sind. Aber: "Wir müssen auch die erreichen, die sich nur über das Internet informieren", fordert der Bundespräsident. Das erfordere eigene Disziplin und viel Geduld.

"Europa lebt in einem Paradies"

Die amerikanische Philosophin Susan Neiman, Direktorin des Einstein-Forums in Potsdam, richtete den Blick von außen auf Deutschland und Europa. Europa sei angesichts der Verunsicherung der Menschen in der Gefahr, auf nationalstaatliches Denken zurückzufallen. Den Menschen hier sei nicht klar, dass sie "in einem Paradies leben", um das sie die ganze Welt beneide. Die Deutschen hätten Grund, stolz zu sein auf das, was sie geleistet haben. Nach anfänglichem Zögern seien sie nun schon mehr als 50 Jahre lang dabei, ihre Vergangenheit zu bewältigen. Dieser Prozess sei noch immer nicht beendet. Aber sie hätten eine Million Flüchtlinge aufgenommen – mehr als viele andere Länder. Das sei im Ausland, auch in den USA, sehr beachtet worden.

Es gebe keinen Grund zum Pessimismus. "Wir müssen immer auf die Fortschritte zeigen, um zu zeigen, dass Fortschritt möglich ist."

Die Frage von Moderator Hans Leyendecker, ob denn die Vernunft in den USA noch zu retten sei, beantwortete Susan Neiman mit der Prognose, es werde spätestens 2018 zu einem Amtsenthebungsverfahren gegen den neuen US-Präsidenten Donald Trump kommen. Selbst in den ärmsten und rassistischsten Regionen der USA wachse der Widerstand gegen die Präsidenten, der "keine Ideale kennt".

Wieder über eigene Werte reden

Frank-Walter Steinmeier schlug den Bogen weiter: Die Irritationen in der westlichen Welt gingen weit über den neuen US-Präsidenten hinaus. Der Westen selbst müsse sich fragen, ob es eine westliche Wertegemeinschaft in der Tradition der Aufklärung noch gebe. "Wir müssen auch über uns selbst reden", so Steinmeier. „Wir müssen wieder lernen, mit Überzeugung für das humanistische Erbe von Reformation und Aufklärung einzutreten."

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (rechts) im Gespräch mit Susan Neiman und Moderator Hans Leyendecker.

Sehr aufmerksam verfolgten Hunderte Zuhörer in der vollbesetzten Halle 25 die Diskussion.

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