Logo Deutscher Evangelischer Kirchentag. Berlin/Wittenberg, 24.-28. Mai 2017
Mein Kirchentag
Hauptvortrag Isarel und Palästina – der unlösbare Konflikt?

"Hören Sie auf, an Instant-Lösungen zu glauben"

Der ARD-Korrespondet Richard Schneider warnt vor einfachen Antworten im Nahost-Konflikt. Während sein Ausblick pessimistisch bleibt, setzen seine Mitdiskutierenden auf die Jugend beider Völker.

von Steffen Groß

Der Konflikt zwischen Israel und Palästina ist vielleicht der komplizierteste der Welt, auch die Debatte beim Kirchentag konnte daran erwartungsgemäß wenig ändern. Warum die Situation im Heiligen Land aber so verworren ist, konnte Richard Schneider, ehemaliger ARD-Korrespondent in Tel Aviv und selbst Jude, mit einem jüdischen Witz pointiert erklären: "Zwei Juden haben Streit miteinander und gehen zum Rabbi. Dieser hört sich die Argumente von beiden an – und gibt beiden recht. Da greift der Assistent des Rabbis ein und weist darauf hin, dass dies nicht möglich sei. Und der Rabbi sagt: Du hast auch recht."

So gehe es ihm auch, wenn er mit Vertretern beider Seite rede, bekannte Schneider. "Wenn ich bei einem jüdischen Siedler im Westjordanland bin oder bei einem Hamas-Kämpfer in Gaza, dann kann ich beide aus ihrer jeweiligen Sicht heraus verstehen." Beide Seiten hätten starke Argumente für ihre Position, die sich aber gegenseitig ausschlössen. Amerikaner und Europäer kochten dazu ihr eigenes Süppchen – mit der Folge, dass der Konflikt schier unlösbar sei. Umso befremdlicher findet es Schneider, wenn Menschen, die nie das Land besucht haben und keinerlei Kenntnisse darüber haben, "ganz genau wissen, wie der Konflikt zu lösen ist und wer der Böse ist". Schneider appellierte daher an die Zuhörer: "Hören Sie auf, an Instant-Lösungen zu glauben!"

Munib Younan, lutherischer Bischof aus Jerusalem und Palästinenser, betonte die zerstörerische Wirkung des Konflikts durch Israel für beide Gesellschaften. "Die Besatzung Palästinas nimmt nicht allein den Palästinensern die Freiheit, sondern beiden Völkern – weil sie beide der Logik von Gewalt und Unterdrückung unterwirft." Dies sei nicht Gottes Wille: "Gott will die Besatzung nicht. Er ist kein Krieger, der auf der einen Seite gegen die andere steht."

Die Tragik der Ähnlichkeit

Für die israelische Soziologin Eva Illouz liegt die besondere Tragik des Konflikts darin, dass beide Völker so ähnlich seien, auch wenn die israelische Seite über viel mehr Macht verfüge. "Beide Völker haben im Zentrum ihrer Identität ein Trauma, das sie paralysiert – Israel den Holocaust, die Palästinenser die Niederlage im Unabhängigkeitskrieg 1947 und die Vertreibung aus der Heimat." Weiter sei das Exil eine fundamentale Erfahrung beider. Es gebe ein gegenseitiges Misstrauen, sogar "gegenseitigen Rassismus", und die Angst vor der Vernichtung des eigenen Volkes sei auf beiden Seiten prägend. Und schließlich sei der Extremismus in beiden Völkern immer stärker geworden, "auf der einen Seite die radikalen Siedler, auf der anderen die Hamas".

Kritik an Israel dürfe, so Illouz weiter, nicht mit Antisemitismus zu verwechseln, sie sei vielmehr notwendig. "Aber sie muss mit Sorge um das Wohlergehen des jüdischen Volkes verknüpft sein."

Hoffnung auf die Menschen

Die Zukunftsaussichten für das Heilige Land schätzen alle drei pessimistisch ein – aber es wurden auch Unterschiede sichtbar. Während Schneider feststellte, "dass es auf keiner Seite echte Bereitschaft für Frieden gibt", setzen Younan und Illouz auf die Menschen beider Völker. Die Regierungen hätten zwar kein Interesse am Frieden, "aber die Mehrheit der Israelis bevorzugt ein Ende des Konflikts" so die Soziologin Illouz. Insbesondere die jungen Friedensaktivisten auf beiden Seiten machten ihr Hoffnung. Younan zitierte Umfragen, wonach 65 Prozent der jungen Menschen in Palästina Frieden mit Israel und eine Zwei-Staaten-Lösung wollen. Und außerdem gelte für ihn: Am Ende setze er seine Hoffnung nicht auf die Regierungen in Jerusalem und Ramallah "und auch nicht auf Washington, Paris oder Berlin: Meine Hoffnung kommt aus Jerusalem, wo Jesus, der Bringer von Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung, auferstanden ist".

 
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