Mein Kirchentag
Heiligt die Bibel Gewalt?

Der Gott der Liebe und der Gott der Rache

In der Bibel wird geschlagen, gemordet und vergewaltigt. Wie sind die Schilderungen von Gewalt in der Heiligen Schrift zu deuten - und mit welchen Folgen? Der Spurensuche war ein Podium im Zentrum Bibel gewidmet.

von Marlene Brey

Der Gott des Gemetzels: Heiligt die Bibel Gewalt? "Ich weiß es nicht", antwortet Martin Leutzsch. "In der Bibel können Personen und Gegenstände geheiligt werden, aber keine Aktionen." Rechtfertigt die Bibel Gewalt? "Ja und nein", meint der Theologe abwägend. Zu oft werde das Thema Gewalt in der Bibel auf Stammtisch-Niveau besprochen. Dann werde Gewalt als Totschlagargument gegen eine Religion benutzt. Oder es werde das "böse" Alte dem "guten" Neuen Testament gegenübergestellt. So einfach ist die Sache aber nicht. "Wir haben in beiden Testamenten den Gott der Liebe und den Gott der Rache."

"Jede Ampel ist eine Form struktureller Gewalt"

Um die Frage sinnvoll beantworten zu können, muss also differenziert werden. Das bedeute, auch die Frage zu stellen, welche Gewalt zu welchem Zweck eingesetzt werde. "Religionen sind Möglichkeiten eines geregelten Gewaltmanagements", formuliert Leutzsch. Ein Leben ohne Gewalt sei schließlich schwer vorstellbar. "Jede Ampel ist ja eine Form von struktureller Gewalt. Aber eine sinnvolle Form von Gewalt."

So soft bleibt es in der Heiligen Schrift aber nicht. "Sich intensiv mit Gewalttexten in der Bibel zu beschäftigen, ist brutal", sagt die Theologin Gerlinde Baumann. Darum seien ihr die Studien zeitweise sehr schwer gefallen. Besonders eine Szene hat ihr zugesetzt, in der Frauen vergewaltigt werden. Solche Texte zu analysieren, laufe nicht auf eine Wertung hinaus. Die Frage laute vielmehr: Wie legt man sie gewinnbringend aus?

Zum einen müsse die Perspektive verstanden werden, mit der die Menschen zur Entstehungszeit der Texte ihre Welt erklärt haben, sagt Baumann. "Bei einem Erdbeben sind in biblischer Weltsicht nicht die tektonischen Platten verantwortlich, sondern Gott." Will heißen, der kulturelle Kontext, in dem die Texte entstanden sind, kennt keine andere Ursache als Gott. Folglich muss Gott auch für die schlechten Dinge verantwortlich sein - wie Gewalt. Daher hält die Theologin es für gerechtfertigt, dass Gewalt eine große Rolle in der Religion spielt. Sie auszuschließen, würde einen wichtigen Teil des Menschen ausblenden. "Das fände ich fatal."

"Viele Menschen waren traumatisiert.“

Zum anderen sei der Alltag der Menschen zur Zeit der Entstehungsgeschichte der Bibel von Gewalt geprägt gewesen. Es gab kein gleiches Recht für alle. Sklaven hatten weniger Rechte als Bürger, Frauen als Männer, Kinder als Erwachsene. Ständig herrschte Krieg. "Aus heutiger Sicht würden wir sagen: Viele der Menschen waren traumatisiert." Das Aufschreiben und das gemeinsame Erinnern an Gewalt könne daher auch als eine Art Traumabewältigung gesehen werden.

Der Autor und Agnostiker Kai Michel nimmt die Bibel in Schutz und erteilt ihr "eine Absolution in Sachen Gewalt", so sagt er. Er habe die Bibel "als Tagebuch der Menschheit" gelesen. Einige Szenen würden reale Erfahrungen von Gewalt beschreiben, andere könne man als Warnung vor Fehlverhalten betrachten. Die Beschreibungen von Gewalt seien keine historischen Protokolle, sondern Fiktion, betont auch Baumann.

Problematisch seien die Texte laut Michel erst geworden, als sie ins römische Imperium übertragen wurden. "Provokativ formuliert lässt sich behaupten: Die Bibel ist gekapert worden. War sie ursprünglich in nichts so konsequent, wie in ihrer Kritik der Mächtigen und des Reichtums, musste sie fortan Macht und Reichtum legitimieren."

Manche biblische Texte könnten so ausgelegt werden, dass sie zur Gewalt aufrufen. Aber das bedeutet nicht, dass wir sie so verstehen müssen, resümiert Baumann. "Wir haben die Wahl." Wir können sie auch so lesen, dass sie uns den Spiegel vorhalten und etwa fragen, welches Gewaltpotenzial in uns steckt. "Jedes Sprechen über Gewalt ist ein Versuch, mit Gewalt umzugehen. Das kann auch präventiv wirken", endet sie.

Diese Seite teilen

Bleiben Sie immer über unsere neuesten Aktivitäten informiert.
Abonnieren Sie unseren regelmäßigen Newsletter.