Mein Kirchentag
Interview

Muslimische Männer - ein Kampfbegriff

Die Gesellschaft entwirft ein negatives Bild von muslimischen Männern, sagt der Psychologe Kazim Erdogan. Er findet, wir müssen endlich miteinander reden.

von Paul Hildebrandt

Am Samstag diskutieren im Gender-Haus Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Zivilgesellschaft über die Entwicklung von Gender-Debatte und Migration. Einer von ihnen ist Kazim Erdogan, Gründer des Projekts Aufbruch Neukölln. Nach der Veranstaltung verteilt er Visitenkarten. Dann hat er Zeit für ein Interview:

Herr Erdogan, welches Männerbild nehmen Sie in der Gesellschaft von vermeintlich muslimische Männer war?

Das Männerbild von Männern, die man als "muslimisch" bezeichnet, ist sehr negativ geprägt. Es ist mit Attributen ausgestattet, wie zum Beispiel: "Das sind alle Ehrenmörder" oder "das sind alle Produzenten häuslicher Gewalt, wie am Fließband" - oder manche nennen diese Menschen "Holzköpfe aus Anatolien". All das kann man lesen - und man bezeichnet diese Menschen so, weil man nicht mit ihnen gesprochen hat. Man kennt sie nicht.

Wie glauben Sie, entsteht dieses Bild?

Das ist das Endprodukt der Kommunikations- und Sprachlosigkeit. Wenn es ein Familiendrama gab, dann haben wir getitelt: "Ehrenmord? Schon wieder ein Ehrenmord" und das hat sich in den Köpfen festgesetzt. Man hat nicht zur Kenntnis genommen, dass Männer, die aus muslimischen Ländern kommen, Gewalt genauso ächten und bekämpfen, wie Männer in Deutschland.

Wer sind die wichtigsten Akteure, die etwas ändern sollten?

Wir sollten die Akteure gar nicht nennen. Das brauchen wir auch gar nicht. Wenn wir welche benennen, werden wir die meisten anderen wieder vergessen oder unberücksichtigt lassen. Wir sollten ein Wir-Gefühl entwickeln, so dass wir sagen: Das ist die Aufgabe der ganzen Gesellschaft - nicht nur von muslimischen Männern, sondern von allen Menschen, die in Deutschland leben. Wir alle sind aufgefordert, mit anzupacken.

Wie sieht Ihr Engagement aus?

Wir von Aufbruch Neukölln versuchen dieses negative Bild zu kippen. Wenn die Leute von der Presse, die Politiker, die Vertreter von Dachverbänden zu uns kommen und sich mit den Teilnehmern unterhalten, verändert sich dieses negatives Bild.

Wie genau arbeitet Ihre Organisation?

Wir haben mehrere Frauen- und Männergruppen in Moscheevereinen und in Schulen und Kitas mehrsprachige Elternversammlungen - und wir versuchen unsere Erfahrungen an die Menschen zu bringen. Außerdem habe ich in Neukölln drei Mal eine Woche der Sprache und des Lesens organisiert. 2012 habe ich die erste Berliner Woche des Lesens organisiert und jetzt basteln wir an einer deutschlandweiten Woche der Sprache und des Lesens. Unser Ziel ist: Mit den Veranstaltungen die Kommunikationslosigkeit zu beenden. Die Menschen sollen miteinander reden und sich austauschen, damit Ängste und Vorurteile abgebaut werden.

Was passiert bei dieser Woche?

Es gibt Lesungen, Gespräche, Musik, Theater - wir wollen die Menschen auf verschiedene Art zusammen bringen, damit sie miteinander sprechen.

Welche Projekte planen Sie in den nächsten Jahren?

Ich möchte meine erfolgreichen Projekte aus Berlin deutschlandweit anbieten. In mehreren Kommunen möchte ich Väter- und Männergruppen installieren. Da können Männer hingehen und Hilfestellungen bekommen.

Wie sehen Sie die Entwicklung in Deutschland?

Es sind immer vier Schritte nach vorne und drei Schritte zurück. Aber immerhin: Es ist ein Schritt nach vorne. Es gibt Bereiche, die besser funktionieren und es gibt auch Bereiche, die weniger gut funktionieren. Wir müssen einfach am Ball bleiben.

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