Mein Kirchentag
Erneuerung

Die moderne Reformation

Luther schlug vor 500 Jahren seine 95 Thesen an die Tür – das gilt der Überlieferung nach als Ausgangspunkt der Reformation. Nadia Bolz-Weber und Christina Aus der Au diskutierten, wie sie heute aussehen kann.

von Christina Spitzmüller

Es ist die Urformel der Reformation: Ecclesia semper reformanda – die Kirche muss immer reformiert werden. Wie das gehen kann, diskutierten Nadia Bolz-Weber und Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au am Samstagmittag auf dem Messegelände.

Nadia Bolz-Weber ist lutherische Pastorin der Gemeinde House for All Sinners and Saints in Denver, USA. Die Gemeinde versteht sich als inklusive Gemeinde, in der alle Menschen willkommen sind; besonders die mit Problemen, mit Abhängigkeiten und Depressionen. "Luther war nicht akademisch oder politisch, Luther war seelsorgerisch", sagte Bolz-Weber. Und darin sieht sie auch heute noch die Aufgabe der Kirchen: "Wir müssen doch nur in unsere eigenen Leben und Herzen schauen und in die derer, die in unsere Gemeinden kommen – wir brauchen Seelsorge."

Im Zentrum von Luthers Arbeit stand der Aufruf zur Buße und Umkehr. "Es geht um die Freiheit, all die alten Dinge nicht wieder und wieder zu tun, all die alten Gedanken nicht wieder und wieder zu denken", erklärte Bolz-Weber. In ihrer Gemeindearbeit sieht sie, dass die Themen von vor 500 Jahren auch heute noch aktuell sind.

Bolz-Weber ruft dazu auf, genauso oft über Sünde und Vergebung zu sprechen, wie Jesus das getan hat. Die Sünde bringe uns weg von dem befreiten Leben, das Gott sich für uns wünsche. "Aber wenn die Sünde so eine Macht hat, dann hat die Gnade sie doch auch", sagte Bolz-Weber. Nur unser Vertrauen in die Gnade sei nicht immer da.

Das Gesetz rettet nicht

Bolz-Weber betonte, dass der christliche Glaube Unvollkommenheit zulasse: "Gott kann doch einfach Gott sein und wir diejenigen, die Gott brauchen." Dann könnten wir uns auch freimachen von der Idee, uns für Gott zu perfektionieren und keine Fehler mehr zu machen. "Das Gesetz rettet nicht", sagte Bolz-Weber, nur die Gnade: sola gratia – einer der Grundsätze Luthers. "Unser Job als Kirche ist es, den Menschen das Evangelium zu verkünden, ihnen zuzusprechen: Dir ist vergeben!", erklärte Bolz-Weber.

Christina Aus der Au, reformierte Theologin aus der Schweiz, fügte hinzu, dass Gott uns vor allem anderen zugesagt habe: Ich sehe dich! Die Kirche reduziere sich selbst oft auf ihre Diakonie und Ethik. Das seien wichtige Bereiche der kirchlichen Arbeit, aber eben nicht alle. "Es geht doch um das Evangelium, um die bedingungslose Zuwendung Gottes zum Menschen." Dazu müssten die Kirche wieder anfangen, eine Sprache zu sprechen, die die Menschen erreicht: "Wir müssen uns von diesem Pfingstgeist hinauswehen lassen dahin, wo keine Kirche ist und da Kirche sein!"

Bolz-Weber und Aus der Au stellten die Frage: Was würde passieren, wenn uns jemand sagte, wir hätten hier nur noch fünf Jahre. "Wir würden uns nicht mehr um Strukturen, Organisation oder Finanzen kümmern, sondern miteinander feiern, das Leben feiern. Das ist der Geist von Pfingsten", anwortete Aus der Au. Und Bolz-Weber fügte hinzu, dass die Kirche dann endlich frei wäre: "Wir müssten uns nicht mehr mit schädlichen Menschen gut stellen, nur weil die mehr Geld spenden. Wir könnten anfangen, unseren Nächsten zu dienen, alles zu verkaufen, was wir haben, um es den Armen zu geben. Christus hat uns zur Freiheit befreit! Lasst uns diese Freiheit leben!"

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