Mein Kirchentag
Dialogbibelarbeit

Schulz: Zachäus-Geschichte ist 'ein sozialdemokratischer Text'

Der SPD-Kanzlerkandidat liest die Erzählung vom biblischen Zöllner Zachäus politisch – und singt ein Loblied auf die persönliche Begegnung zwischen Menschen.

von Steffen Groß

Auch wenn Martin Schulz nach eigenem Bekenntnis lange nicht mehr in der Bibel gelesen hatte, bevor er sich an die Vorbereitungs einer Bibelarbeit zur Zachäus-Erzählung (Lukas 19,1-10) setzte – der SPD-Kanzlerkandidat versteht es, die damaligen Zusammenhänge plastisch in die Gegenwart zu übertragen. Etwa bei der Erklärung des Zollwesens in Palästina, das zur Zeit Jesu privatwirtschaftlich organisiert war: "Das ist ungefähr so, als würden wir heute das Finanzamt privatisieren und diejeinigen, die die Steuer eintreiben, würden jedesmal noch etwas für sich selbst draufschlagen." Das sei geradezu eine Einladung zum Betrug. Kein Wunder, dass der Zöllner unbeliebt war.

Doch allein ein Betrüger sei der Zöllner Zachäus nicht: "Schon der Name bedeutet so viel wie 'der Unschuldige'", erklärte Schulz. Als Jesus ihn ansieht und mit ihm spricht, kann er sein Leben ändern: "Erst die Wahrnehmung, die er durch Jesus erfährt, ermöglicht ihm, sein Potenzial zur Gerechtigkeit zu nutzen", so der SPD-Politiker bei seiner Dialogbibelarbeit mit dem Mediziner Eckhard Nagel im Berliner Dom.

Zachäus hört davon, dass Jesus in seine Stadt kommt. Weil er klein gewachsen ist und unbeliebt dazu, klettert er auf einen Baum, um Jesus trotz der Menschenmenge zu sehen – und ausgerechnet er wird von Jesus angesprochen. Am Ende kehrt Jesus in seinem Haus ein, der Zöllner gibt das ergaunerte Geld an die Armen zurück – und Jesus erklärt: "Heute ist die Gemeinschaft in diesem Haus gerettet worden."

Eckhard Nagel, Arzt und ehemaliger Kirchentagspräsident, ist sich zuerst nicht so sicher über die Motive des Zachäus: "Vielleicht wollte er auch einfach den berühmten Mann sehen – das kennen wir ja auch vom Kirchentag", sagt er. Aber wie bei den Kirchentagsbesuchern steckten auch hier noch andere Motive dahinter: "Zachäus war ein Einzelgänger auf der Suche nach Sinn für sein Leben. Und diese Sehnsucht ermöglicht es ihm, auf den großen Baum zu klettern."

Mit einer E-Mail hätte es nicht geklappt

Damit diese Suche des Zachäus aber ans Ziel kommen kann, müssten Zachäus und Jesus einander ansehen, nahm Schulz den Ball auf. "Der unmittelbare persönliche Kontakt ist unersetzbar. Ich glaube nicht, dass Jesus und Zachäus zusammengekommen wären, wenn sie sich eine E-Mail geschickt hätten." Er selbst, so Schulz, habe als junger Erwachsener eine Zeit ins einem Leben durchlitten, in der er aus eigenem Verschulden keine Zuwendung von anderen erhalten habe und ganz allein gewesen sei – eine leise Anspielung auf die Zeit seiner Alkoholabhängigkeit. Und es ist ganz still im riesigen Berliner Dom, als er fortfährt: "Nur durch die Zuwendung anderer habe ich eine zweite Chance bekommen."

In der Wendung der Erzählung, dass Zachäus einen großen Teil seines Reichtums schließlich den Armen zur Verfügung stellt, erkennt der Kanzlerkandidat "einen sozialdemokratischen Text": Reichtum sei etwas Schönes, "aber Reichtum geht auch mit Verantwortung einher". Starke Schultern sollten in einer solidarischen Gesellschaft mehr tragen als schwächere – "wie Zachäus, dessen Tat die Gemeinschaft rettet".

Das gelte auch auf der großen Bühne der Europäischen Union: "Wir kriegen die Ungleichheit in Europa nicht in den Griff, wenn wir Europa schlechtreden, sondern, indem wir es stark machen, die Ungleichheit zwischen den Staaten zu überwinden." So solle Deutschland etwa nicht das griechische Volk pauschal verurteilen, "sondern wir reichen Europäer sollten uns wie Zachäus den Armen auf unserem Kontinent und in der Welt zuwenden". Das könne wie bei Zachäus auch unser Leben verändern.

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