Logo Deutscher Evangelischer Kirchentag. Berlin/Wittenberg, 24.-28. Mai 2017
Mein Kirchentag
Abendreihe Flirten

Annäherung auf Distanz

Können zwei Menschen flirten, ohne dass sie sich wirklich gegenüberstehen? Und sogar, ohne sich zu sehen? Begegnungen im Internet sind ebenso real wie virtuell.

von Simon Guttenberg

Flirten im Netz, das sei flirten ohne Blickkontakt, meint Annabell Preußler, Dozentin an der Fernuniversität Hagen. Sie erzählt aus ihrer eigenen Erfahrung, wie sie ihre Partnerin kennengelernt hat – übers Netz natürlich. Und wie sie vier Jahre lang fast jeden Abend ihren Laptop neben sich ins Bett gelegt habe, um bei ihrer Partnerin zu sein. Sie haben den Alltag bestritten, abends gemeinsam ferngesehen und sich über die Sendung unterhalten. Dem Anderen in die Augen gesehen haben sie dabei nicht, sondern auf den Laptop-Bildschirm geschaut. Auf das übertragene Bild des Anderen.

Das Internet wird mehr und mehr vom Ort für Informationsaustausch zum Ort sozialer Interaktion. Flirten ist Teil dieser sozialen Interaktion. Der Teil des Internets, der sich auf die Fahne geschrieben hat, einen Raum für Flirtwillige zu schaffen, ist der Markt der Singlebörsen. Aber: "Menschen, die in Singlebörsen im Netz unterwegs sind, flirten nicht miteinander", meint Preußler. Es fehle die Spannung, denn wenn zwei Menschen in einer Singlebörse aufeinander treffen, seien sie beide auf der Suche. Und beide wissen, dass sie der jeweils andere auf der Suche nach einer Beziehung, Romanze oder zumindest einem kurzen Vergnügen sind. Dadurch falle laut Preußler ein wichtiger Teil des Konstrukts "Flirten" weg: Es fehle die Spannung. Die Spannung nicht zu wissen, ob der Andere überhaupt auf der Suche ist.

Twitter als Flirt-Portal

Für einen Flirt braucht man laut Preußler einen Raum, in dem man neue Menschen kennenlernen kann. "Mit neuen Bekannten kann man lockere Verbindungen eingehen", meint sie. Das seien Verbindungen, die sporadisch, zerbrechlich und spannend zugleich seien. Sporadisch, weil sie zufällig entstünden. Zerbrechlich, weil man schnell wieder auseinandergehen könne, es gebe keine Verbindlichkeiten zwischen den Zufallspartnern. Spannend, weil man sich eigentlich gar nicht kenne. Man sei sich bekannt, kenne sich aber nicht. Für Preußler ist das die Trennung zwischen Persönlichem und Privatem. Die Lieblingsfarbe, das Lieblingsessen, Urlaubsfotos: All das seien laut Preußler persönliche Informationen. Privat hingegen seien Gefühle, Gedanken, der Name der eigenen Kinder. Dinge, die man nur ungern einem Fremden anvertrauen würde, weil sie eine tragende Rolle in unserem Leben spielen.

Als Beispiel für einen solchen Raum zum Kennenlernen im Internet nennt Preußler den Kurznachrichtendienst Twitter. Sie beschreibt die Plattform mit einem Vers aus der Bibel, Ezechiel 17,23, in dem Gott einen Baum auf einem Berggipfel pflanzt: "Auf den hohen Berg Israels will ich's pflanzen, dass es Zweige gewinne und Früchte bringe und ein herrlicher Zedernbaum werde, also dass allerlei Vögel unter ihm wohnen und allerlei Fliegendes unter dem Schatten seiner Zweige bleiben möge."

"Allerlei Vögel", das seien die Twitter-User. Jeder zwitschere in den Raum, was er möchte, folge und teile und vielleicht reagiere jemand darauf. Man finde Menschen mit ähnlichen oder gleichen Interessen, es komme zum Austausch und die Grundlage für einen Flirt sei geschaffen.

„Das Internet ist virtuell und real“

Flirten sei In-Dialog-Treten, reagieren, wahrnehmen und den Anderen einschätzen. Das funktioniere auch virtuell und sei real, meint Preußler. "Ich benutze gerne das Wort kohlenstofflich", so Preußler, "weil das Gegenteil der virtuellen Welt nicht die reale Welt ist, sondern die kohlenstoffliche Welt. Virtuelles ist auch real." Und so sei auch der virtuelle Flirt, die Suche, der Austausch, die Spannung, real.

Das Internet könne Raum für einen Flirt schaffen. Auch wenn man sich nicht direkt in die Augen schaue. Das Internet erweitere auch die Zahl an Menschen, mit denen wir in Kontakt treten können und damit die Zahl potenzieller Flirtpartner. Man könne über das Internet lockere Verbindungen finden und eingehen, auch wenn wir das Gegenüber noch nie im "kohlenstofflichen" Zustand gesehen hätten. Ob man das möchte, sei eine andere Frage. Es sei auf jeden Fall eine Möglichkeit.

Eingebettet war der Impuls zum Thema Flirten in musikalische Beiträge von Prof. Jochen M. Arnold und thematische Literaturbeiträge, vorgetragen von Simone Dornburg und Clemens Nicol.

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