Mein Kirchentag
Hauptvortrag

5 Gedanken über Angst

Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und der Sozialforscher Andreas Zick beschäftigen sich beide schon lange mit dem Thema Angst in der Gesellschaft. Fünf Punkte, die ihre Diskussion auf dem Kirchentag geprägt haben.

von Birte Mensing

1. Angst ist kein politisches Argument

Zick ist überzeugt: Wenn, wie am Mittwoch, 31 Menschen im Mittelmeer ertrinken, dann kann die Angst vor "Fremdem" kein gültiges politisches Argument sein. Besorgnis auszudrücken ist aber, so Thierse, etwas gänzlich anderes als Hetze.

2. Menschen suchen die schnelle Erlösung

Politiker dürfen Angst nicht dementieren, Wut lässt sich nicht wegargumentieren. Weil sich die Menschen aber nicht nach tiefgehenden Analysen, sondern nach schneller Erlösung sehnen, denkt Thierse, das sei die Stunde der Populisten. Sie würden dadurch unterstützt, dass die Menschen eine "wütende Lust an der Angst haben".

3. Populisten missbrauchen Angst

Populisten fördern Angst, weiß Zick aus seinen Analysen. Thierse glaubt: Das Bild der verängstigten Gesellschaft ist ein Marketingerfolg des Rechtspopulismus. Der Erfolg der AfD sei ein mediales Ereignis. Ein Beispiel: Am Kirchentag-Donnerstag berichteten Medien vor allem über Obama – und die AfD. Obwohl die Partei auf dem Kirchentag eigentlich kaum eine Rolle gespielt habe.

4. Veränderung macht Menschen heute Angst

"Die Wende 1989 war ein Ausbruch aus dem Gefängnis der Angst, die die halbe Macht der Diktatur ist", ist sich Thierse sicher. Dass Menschen heute Angst vor der Umgestaltung des Landes haben, liege an der immer weiter globalisierten Welt. Zick erklärt, dass Zuwanderung immer auch zu einer Veränderung der Einheimischen führt. Aber: "Wir haben doch nicht die Mauer eingedrückt, damit wir unter uns bleiben", findet Thierse.

5. Angst kann man nur durch Aufklärung und Gespräche überwinden

Dem Rechtspopulismus schade man am meisten, wenn man ihn erklärt, sagt Zick. Deshalb fordert er: "Wir brauchen zivilgesellschaftliche Bildung!" Die Gesellschaft müsse nicht nur Toleranz lernen, sondern fragen: "Wie können wir stolz auf unsere Vielfalt sein?"

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