Mein Kirchentag
Grußworte aus Politik und Kirchen

Hinsehen und Mut machen

Einen "Kirchentag des Hinsehens" wünschten sich Vertreter von Kirchen und Politik bei der Eröffnung des Kirchentags vor dem Reichstag. Er möge Zeichen setzen für die Solidarität mit Flüchtlingen und Terroropfern und den Menschen am Rande der Gesellschaft.

von Rolf Masselink

Welche gesellschaftlichen Impulse kann und sollte ein Kirchentag in Berlin geben? In einer Stadt, in der nur knapp 30 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Konfession angehören und die mancher gar als "gottlos" bezeichnet? Antworten auf diese Frage gaben im Anschluss an den Eröffnungsgottesdienst vor dem Reichstagsgebäude der katholische Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, der anglikanische Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, Bundestagspräsident Norbert Lammert sowie Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller. In ihren Grußworten forderten sie übereinstimmend, den Blick auf die großen Probleme unserer Gesellschaft zu richten: auf die jüngsten Terroranschläge und ihre Opfer, auf das Leiden der vielen Flüchtlinge, auf das Schicksal der hier lebenden Migranten und auf die zunehmende Zahl von Menschen, die auf der Schattenseite der Gesellschaft stehen.

Einen "Kirchentag des Hinsehens", der "Kraft hat und Mut macht" erwartet Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller. Der Kirchentag soll Flüchtlingen und Menschen, die sich "von der Gesellschaft abgehängt" fühlen, zeigen: Wir sehen sie. Uns ist ihr Schicksal nicht gleichgültig.

Müller erinnerte an die Terroranschläge von Berlin und Manchester und mahnte: "Drehen wir nicht mit an der Spirale des Hasses. Bewahren wir uns den Respekt vor den anderen." Die Freiheit, die uns Deutschen so selbstverständlich erscheine, müsse "immer wieder erkämpft und verteidigt werden".

Der katholische Erzbischof von Berlin, Heiner Koch verwies auf das enge ökumenische Miteinander von Katholiken und Protestanten in Berlin und betonte, gottlos sei Berlin keineswegs – im Gegenteil: Gott schaue "mit wachen und sorgenden Augen" gerade auf die Menschen in der Stadt, die "nicht zu den Einflussreichen und gut Vernetzten gehören". Migranten und Flüchtlinge seien eine Herausforderung, aber auch eine Einladung zum Dialog und ein Geschenk, in dem Gott frage: "Ich schaue auf euch! Aber schaut ihr auch auf mich?"

Mit dem Lutherwort "Ein feste Burg ist unser Gott" forderte der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, auch nach den Anschlägen am Berliner Breitscheidplatz und in Manchester das Feld nicht dem Terror zu überlassen. "Terror will Trennung und Desintegration." Die Antwort der Christen müsse Bereitschaft zum Dialog, Wille zur Integration und zum Miteinander sein. "Was immer gerade auch politisch passiert", so Welby in Anspielung auf die "Brexit"-Entscheidung. "Wir gehören zusammen."

Die Europäer dürften ihre gemeinsamen kulturellen und historischen Wurzeln nicht vergessen. Auch für die christlichen Konfessionen gelte: "Es verbindet uns viel mehr als uns trennt."

Die besondere Verantwortung der Deutschen für ihre Geschichte strich Bundestagspräsident Norbert Lammert heraus. Diese Geschichte sei unteilbar, die gern zitierte "Stunde Null" habe es nie gegeben. Niemand könne sich aus der Verantwortung für einen sorgsamen Umgang mit der Vergangenheit herausstehlen. Auch in der Flüchtlingspolitik werde Deutschlands Rolle in der Welt vor dem Hintergrund dieser Geschichte gesehen. Lammert: "Wir dürfen diesen Blicken der anderen nicht ausweichen." Gerade im Bewusstsein der Geschichte müssten die Deutschen ihre Verantwortung für die Zukunft wahrnehmen: "Wir müssen hinsehen und dürfen nicht wegsehen – und auch nicht weggehen."

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