Mein Kirchentag
Abendmahl an der Gedenkstätte Berliner Mauer

Feiern und lachen am Ort des Todes

Wo früher Grenzsoldaten auf Menschen schossen, die eine Flucht wagten, steht heute die Kapelle der Versöhnung. Das Feierabendmahl im ehemaligen Todesstreifen berührt die Besucher tief.

von Steffen Groß und Martin Heppke

Es gibt diesen einen Moment der Anarchie beim Feierabendmahl mitten im ehemaligen Todesstreifen. Die Gottesdienstbesucher sollen mit dem Inhalt bereitgestellter Picknickboxen und Papphockern kleine Abendmahlstische bauen - und das geht an manchen Stellen erst einmal gründlich schief. Das Brot landet auf dem Boden, die Tischdecke ist zunächst unauffindbar, und die Kirchentagsbesucher diskutieren in kleinen Gruppen, wo und wie nun genau das Mahl gefeiert werden soll. Das Durcheinander löst sich dann schnell, überall entstehen kleinere Altäre rund um die Kapelle der Versöhnung, alle Beteiligten lachen – vielleicht nicht das Schlechteste an diesem Ort, an dem früher Befehl und Gehorsam herrschten, Gewalt in der Luft lag und der rechte Winkel die beherrschende Form war.

Es ist diese Spannung zwischen Tod und Leben, schmerzhafter Erinnerung und heiter-frommer Gegenwart, die das Feierabendmahl an der Kapelle der Versöhnung mitten auf dem Gelände der Gedenkstätte Berliner Mauer so besonders macht. Der Blick fällt auf die schier endlose Reihe rostiger Stahlstangen, die den Verlauf der ehemaligen Mauer anzeigen, die Fundamente der von den DDR-Machthabern 1985 gesprengten Versöhnungskirche erinnern wie offene Wunden an die brutale Vergangenheit des Ortes – und gleichzeitig feiern fast 1000 Menschen einen fröhlichen Gottesdienst, lachen, singen und kommen schnell ins Gespräch. "Da, wo die Mauer Menschen daran hinderte, einander zu treffen, da treffen wir uns, um das Mahl zu feiern", sagt Clemens Betge, einer der Liturgen, gleich zu Beginn: "Ein Wunder wie in biblischer Zeit."

Dann werden die Besucher aufgefordert, sich mit dem Nachbarn oder der Nachbarin auszutauschen, etwa über die Frage: Fühlst du dich eher dem Osten oder dem Westen zugehörig? Und spielt das noch eine Rolle? Tut es nicht, findet meine Nachbarin, eine 72-jährige Pfarrfrau – und schwärmt vom Gefühl, frei über die ehemalige Grenze zu gehen. Als sie früher mit ihrem Mann Kollegen in der damaligen DDR besucht habe, sei das ganz anders gewesen: "Es war beklemmend: Wir saßen mit Pfarrern aus Ost und West beieinander, und einer der Gastgeber sagte: Es kann sein, dass ein Spitzel unter uns ist."

Nur Vergessen wäre Unrecht

Es ist im wahrsten Sinne des Wortes naheliegend, dass dann die ehemalige Bürgerrechtlerin und Stasi-Unterlagen-Beauftragte Marianne Birthler die Predigt hält. Birthler wohnt gleich um die Ecke und hat sich immer wieder für die Gedenkstätte eingesetzt. Wenn sie abends nach Hause fahre, so Birthler, sehe sie oft Jugendliche, die hier "an diesem einstmals toten Ort", wo so viele starben, beieinander sitzen, essen und trinken und lachen. "Dürfen die das?", habe sie sich anfangs gefragt und sei schnell zu dem Schluss gekommen: "Ja, die dürfen das. Denn wie sie wollten auch die Menschen, die hier flüchteten, das Leben. Wir tun ihnen nicht Unrecht, wenn wir hier lachen. Wir tun ihnen nur Unrecht, wenn wir sie vergessen." Aus dem Wunder von Mauerfall und Einheit lasse sich heute Kraft und Hoffnung schöpfen, auch für die Flüchtenden unserer Tage, so Birthler weiter.

Es ist eine Stärke dieses Feierabendmahls, dass alt bekannte Worte an diesem besonderen Ort eine neue Bedeutung erhalten. Als die Menschen beim Vaterunser beten "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern", da klingt das anders als sonst, auch für Marianne Birthler: Immer, wenn ich hier bin, schmerzt mich die Erinnerung an die, die hier unschuldig verletzt und getötet wurden – und an die Grenzsoldaten, die für ihr ganzes Leben schuldig wurden."

Dann teilen die Menschen das Mahl untereinander. Das Brot wird weitergegeben, der Krug mit Saft kreist, Käse und Trauben locken – und wieder bekommen die alten Worte einen neuen Klang: "Das Brot des Lebens", sagt einer zum anderen, als er den Brotfladen weitergibt – ausgerechnet hier, wo so viele Lebensgeschichten brutal endeten. Zum Segen malen die Besucher schließlich einander Striche mit blauer Glitzerfarbe auf die Handrücken: Eine zarte Geste der Nähe und ein Grund zum Lachen zugleich.

Es macht Hoffnung, dass sich zwischen zahlreiche ältere Besucher auch viele Jugendliche unter die Feiernden gemischt haben. "Was gibt es richtigeres, als an einem solchen Gedenk-Ort Gottesdienst zu feiern?", fragt Ann-Sophie, 14 Jahre ist sie alt. "Es tut gut, an einem solchen Ort entspannt und lebendig zu feiern." Die brutale Geschichte des Ortes bleibe so lebendig, aber sie behalte nicht das letzte Wort. Ähnlich sieht das Elisabeth Ruddat (72): "Ich habe mir zwischendrin die Mauer vorgestellt, das hat mich berührt – und dass wir ausgerechnet hier heute feiern und lachen können." Und Marianne Birthler betont: "Solche Orte muss man umwidmen." Sie selbst sei in der Nacht der endgültigen Grenzöffnung im Sommer 1990 mit ihrem Freund hier gewesen, als der Todesstreifen noch viel stärker als heute erkennbar war. "Und dann haben wir ganz allein getanzt."

Kapelle der Versöhnung

Das Mahl wird eröffnet.

"Vater unser..."

Marianne Birthler

'Ja, die dürfen das.'

Gedenkplatte

Brot des Lebens

blaue Glitzerfarbe

Kunstprojekt Roggenfeld

gedenken

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